Bailemos! Oder: Hüftschwung mit den heißen Alten

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Jeden Mittwoch nachmittag beginnt das große Stühlerücken auf der Plaza in der Residencial San Felipe, dort wo sich die Läden, Apotheken, Banken aneinanderreihen, wo sonst Senioren auf den Bänken verweilen und Kinder mit Rollern und Rädern herumflitzen. Jeden Mittwoch nachmittag trudeln rüstige Rentner, gebrechliche Senioren, fitte Silver Ager und auch ein paar jüngere Menschen ein und warten auf den Beginn des allwöchentlichen Tanzabends mit Live-Band, pünktlich um 17 Uhr (im Sommer um 18 Uhr). Die Stadtteilverwaltung in Jesus Maria organisiert das Tanzvergnügen, organisiert Stühle und Musiker, seit vielen Jahren.

Manche der frühen Ankömmlinge lesen noch ein wenig in der Zeitung, blinzeln in die Spätnachmittagssonne, andere plaudern mit ihren Sitznachbarn. Wie war die Woche? Was macht die Hüfte? Und die Enkelkinder?

Wenn die Musiker dann ihre Instrumente und Lautsprecher aufgebaut haben, wenn alle im Quarreé sitzen und erwartungsvoll auf die Band schaut und wenn dann die ersten Takte erklingen, Salsa, Cumbia, Bolero: manchmal springen dann schon die ersten Tänzer auf, schwingen die Hüften, heben die Arme und sie sind nicht mehr 80, sondern 40, ach was, 20 Jahre alt!20160511_173033

Es ist eine helle Freude, den „heißen Alten“, wie manche sie liebevoll nennen, beim Tanzen zuzuschauen. Sie haben sich feingemacht, geschminkt, die Haare gegelt, den Anzug gebügelt und das neue Kleid an, sie haben eine frische Dauerwelle oder sich noch schnell die Nägel lackieren lassen. Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen, sie singen die Texte mit und lachen und sie sind überhaupt nicht mehr gebrechlich, sondern gelenkig wie damals. Es herrscht freie Partnerwahl, der alte Herr fordert die junge Mutter auf, die in einer Parfümwolke schwebende Seniorin ihren Sitznachbarn. Die meisten kommen jede Woche. Immer dabei: der Vagabund mit den langen grauen Haaren und Plastiktüten, der so vehement den Takt mitklatscht als wolle er verhindern, dass die Musik jemals wieder aufhöre. Der Herr, der wie eine ältere elegante Version von Robin Hood aussieht mit gelben Lederschuhen und Feder am feschen Hut. Der gealterte Schönling, der nur mit den jüngeren Frauen tanzt. Die Grande Dame mit der Dauerwelle und ihren theatralischen Gesten. Unsere Nachbarin, die einen Hüftschwung hat, von dem sich so mancher noch was abgucken kann. Außerdem dabei: die Eisverkäufer, die Passanten, die gerade aus dem Supermarkt kommen und nun kurz innehalten und mitwippen, ein paar Kinder, die zwischendurch herumflitzen.

Es werden gespielt: Klassiker, Stücke zum Schwoofen, Abtanzen, Mitsingen, sämtliche tropische Rhythmen, Salsa, Cumbia, Boleros, Merengue. Herzergreifend schön. Auf dass die Menschheit nie aufhöre zu tanzen.

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2 Gedanken zu “Bailemos! Oder: Hüftschwung mit den heißen Alten

  1. Ich liebe eure Blogbeiträge! Ganz großes Danke fürs Teilen!
    Würde mich freuen, wenn ihr in Zukunft einmal ein bisschen aus eurem Alltag als deutsche Familie in Lima berichten könntet! 🙂

    Gefällt mir

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