Weiter geht’s

Liebe Freunde, Familie, unseren Blog Lesende

wir sind ein wenig untergetaucht in den letzten Wochen, haben eine Konferenz organisiert, hatten Besuch (danke! Matze und Sanja, Hilde und Rolf, Fabi und Katrin) und waren selbst verreist, erst in den Bergen (Mattes, Jakob und Ronja mit Großeltern), dann in Deutschland (Eva), dann im Regenwald. Jetzt sind alle wieder da. Wir schmeißen unseren Blog wieder an. Werfen noch ein paar Scheite ins Feuer. Es wird langsam kühl in Lima. Habt ihr eine Tasse Tee parat? Oder eine Apfelschorle, falls ihr in Deutschland in der Sommersonne sitzt? Okay. Dann macht’s euch bequem. Gleich geht es weiter.

Peru 231

irgendwo brennt immer noch Licht – Chanchamayo, Selva Central

Geplante Kupfermine Tía María: ein zweites Conga ?

Mattes und ich haben einen Artikel bei der Infostelle Peru über den eskalierenden Konflikt um die Kupfermine Tía María in Arequipa veröffentlicht. HIER der link

tia-maria-300x195Eine kurze Zusammenfassung hier:

Der Konflikt um die geplante Kupfermine Tía María in der Provinz Islay (Region Arequipa) ist eskaliert. Seit Beginn des Konfliktes vor rund zwei Monaten starben fünf Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Dutzende wurden teils schwer verletzt. Am 22. Mai 2015 hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen. Persönliche Freiheiten wie Bewegungs- und Versammlungsfreiheit seien damit ab sofort eingeschränkt, sagte Perus Ministerpräsident Pedro Cateriano am Freitag. „Die Regierung wird die Anordnungen wenn nötig mit dem Einsatz von Gewalt durchsetzen“, so Cateriano.

Angesichts der tragenden Rolle, die die Regierung in der Entwicklung der Proteste gespielt hat, wird die Wut der Zivilbevölkerung immer größer. Seit Beginn des Streiks vor gut 60 Tagen hatten Bauern, Lokalpolitiker und Umweltorganisationen mehr Transparenz und Berücksichtigung der lokalen Interessen im Konflikt um das Bergbauprojekt Tía María gefordert. Die Regierung ist diesen Forderungen jedoch kaum nachgekommen. „Agro sí, mina no“ rufen die Menschen nun immer lauter, sie wollen Landwirtschaft, keinen Bergbau. Sie wollen, dass sich Southern Copper mit ihrer geplanten Kupfermine aus der Region zurückzieht.

Seit Jahren protestieren die Bauern des Valle de Tambo gegen die Pläne des Bergbaukonzerns Southern Copper. Das Tal ist seit Jahrhunderten eine wichtige Region in der Landwirtschaft. Hier werden Reis, Bohnen und Früchte für die Versorgung von Arequipa angebaut, der zweitgrößten Stadt Perus. Die Mine würde Unmengen an Wasser verbrauchen, das in dieser Region aber knapp ist. „Wir sprechen hier über eine wichtige landwirtschaftliche Zone der Region Arequipa“, erklärt Dr. José de Echave, Ökonom und Bergbauexperte. „Die Menschen in Islay wissen, dass Tía María nur das erste von vielen geplanten Projekten ist. Sie befürchten, dass sich ihre Region von einem ausgeprägten Agrargebiet in eine Bergbauzone verwandeln wird.“

Días felizes

Der Sommer zieht weiter auf die Nordhalbkugel, hier wird es Herbst. Manchmal wabert schon der Küstennebel garúa durch die Straßen der Stadt und verschwindet dann wieder. Noch scheint die Sonne, das liegt an El Ninho. Wir arbeiten im Red Muqui, die Kinder gehen zur Kita, nachmittags spielen wir im Park oder treffen Freunde oder fahren ans Meer. Es kommen Besuche, es werden Hochzeiten gefeiert, jeden Abend versinkt die Sonne im Pazifik. Alltag in Lima. Glückliche Tage, días felizes.

Leben in der Residencial

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Hochzeit Sandra und Roberto

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Besuch von Evas Bruder Thomas

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Angelausflug Pucusana

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Besuch von Ana und Jimena aus Huancayo

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Burbujas, Titiriteros und andere Zaubereien

P1050067xWer länger in Lima wohnt, muss zwischendurch mal Luft schnappen. Raus ans Meer oder hoch in die Berge. Liegt ja beides um die Ecke. Weil wir in letzter Zeit so viel Meeresbrise geschnuppert haben, sind wir in die Berge gefahren, nach Tornameza. Das liegt etwa 2 Stunden östlich von Lima – bei wenig Verkehr und bei guter Planung. Auf der Hinfahrt hatten wir beides nicht – die Straßen verstopft und Eva hatte ihre Infos nicht dabei, wann wir wo umsteigen müssen und wo Tornameza überhaupt liegt. So war es ein kleines Abenteuer, bis wir am 30. April spätabends – Walpurgisnacht! – in der Casa de los Titiriteros ankamen, im Haus der Puppenspieler, in einer verwunschenen Welt voller grüner Pflanzen und gurgelndem Wasser des Rímac im Hintergrund, mit duftender Pizza aus dem Lehmofen und Windspielen unterm Sternenhimmel. Die Kinder hatten die Abenteuerfahrt über geschlafen und wachten nun mit großen Augen auf. Das Künstlerkollektiv hatten uns mehrere Freunde empfohlen – gracias Agus, Beto y Pepe! – und hiermit können wir es wärmstens allen weiter empfehlen. Eine Oase voller Fantasie und Magie, voller Theater und Puppenspiel (titeres), Seifenblasen (burbujas) und Musik und warmen Worten überall. Wir haben gezeltet und morgens die Berge in der Morgensonne angeblinzelt, haben Steine bemalt und mit Schuhen jongliert und alte Freunde wiedertroffen und neue Freunde gefunden und gelacht und selbstgebackene Pizza gegessen und nachts die quietschenden Züge gehört, die auf dem Weg in die Berge auf einer riesigen Drehscheibe (Tornamesa), der ältesten in Lateinamerika sogar, in die richtige Richtung gedreht werden, bevor sie über den 4500 Meter hohen Toromocha-Pass ruckeln und irgendwann in Huancayo ankommen. Danke Sergio und Leo und alle anderen Titiriteros für diesen wunderbaren Ort! Aber schaut selbst… P1050074x P1050117x P1050115x P1050105x P1050091x P1050088x P1050079x neu P1050065x P1050060x P1050053x P1050051x P1050046x P1050034x P1050031x P1050022x P1050017xP1050043x

„Ihr habt die Wahl zwischen Entwicklung und Armut“

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Valle del Tambo

Tante María soll weg. So wollen es die Leute. Regierung will aber nicht. Um das Bergbauprojekt Tía María bei Arequipa im Süden des Landes ist Ende März ein schon Jahre andauernder Konflikt wieder aufgebrochen. Der US-amerikanische Bergbaukonzerns Southern Copper Corporation will im Valle del Tambo, einem vor allem landwirtschaftlich genutzten Tal, im großen Stil Kupfer abbauen.

Der offene Tagebau im Einzugsgebiet des Flusses Tambo verspricht eine Produktion von 120.000 Tonnen Kupfer pro Jahr über eine Zeitspanne von 21 Jahren. Southern wirbt damit, 1500 Arbeitsplätze zu schaffen und 1,4 Milliarden US-Dollar zu investieren. Aber das Bergbauprojekt wird seit Jahren von Protesten der lokalen Bevölkerung begleitet. In einem Referendum sprachen sich bereits 2009 mehr als 90% der Bevölkerung gegen Tía María aus. Bauern und Umweltschutzorganisationen befürchten dramatische Folgen für die Umwelt. Wassermangel durch den exzessiven Wasserverbrauch für die Mine, Verschmutzung von Wasser und Luft, Verdrängung der Landwirtschaft…

Die Regierung könnte vermitteln. Auf der ersten Blick scheint es, als ob sie das täte. Sie hat sogenannte mesas de diálogo, Runde Tische, eingerichtet, an denen Politiker, Unternehmer und Zivilbevölkerung zusammenkommen. Aber die lokale Bevölkerung fühlt sich nicht ernst genommen. Die Regierung steht klar auf Seiten des Unternehmens Copper. Der neu ernannte Ministerpräsident Pedro Cateriano sagt: „Wir werden so oft nach Arequipa kommen wie nötig, um dieses Projekt voranzutreiben”. Und: „Die Menschen können heute entscheiden zwischen dem Weg der Entwicklung oder der Armut”. Staatspräsident Humala sieht in Tía María eine großartige Chance, um das Land wirtschaftlich voranzutreiben. Das Landwirtschaftsministerium schweigt. Umweltminister Manuel Pulgar-Vidal verteidigt das Projekt Tía María und weist die herbe Kritik an der Umweltstudie (EIA – Estudio de Impacto Ambiental) entschieden zurück.

FOTO-PROTESTA-CONTRA-PROYECTO-TIA-MARIA-3Eine Lösung für den Konflikt ist bisher nicht in Sicht. Seit bald einem Monat protestieren Tausende von Bewohnern der Region, Bauern und Umweltverbände mit einem Generalstreik gegen die geplante Mine, mit Protestmärschen und Straßenblockaden. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Der Minenbetreiber, Oscar Gonzales Rocha, spricht von „Anti-Bergbau-Terrorismus“. Tausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz.

Fragwürdiges Vorgehen der Polizei

Fragwürdiges Vorgehen der Polizei

Angesichts des mehr als fragwürdigen Vorgehens der Polizei (in diesem Video sieht man, wie ein Polizist einem Protestierenden mit Gewalt eine Waffe in die Hand drückt und das Bild am nächsten Tag auf den Titelseiten mindestens einer Zeitung (El Correo) steht, untertitelt mit „así atacaron los anti-mineros/so haben die Bergbaugegner angegriffen“) wird die Wut der Menschen immer größer und die Stimmung von Tag zu Tag angespannter: Wortführer der Opposition werden festgenommen, es gibt Gewalt und Dutzende Verletzte. Vor wenigen Tagen gab es das erste Todesopfer, ein 61-jähriger Bauer starb nach Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass Southern das Minenprojekt bis zum Jahr 2017 aussetzen wird. Die Bewohner der Region wollen aber nur noch eines: dass das Unternehmen sich komplett zurückzieht.

Tía María ist letzten Endes vor allem ein politischer Konflikt. Auf welcher Seite stno_tia_mariaeht die peruanische Regierung – verteidigt sie die Souveränität ihrer Bürger oder die Interessen ausländischer Unternehmen? Werden die Stimmen der Bewohner des Tals ernst genommen oder als Terroristen diffamiert? Entscheidet sich die Regierung für die Demokratie und den Dialog oder nimmt sie den Weg des Autoritarismus und der politischen Verfolgung? Jetzt wäre der Moment, Partei zu ergreifen.

Artikel von uns zum Konflikt um Tía María, erschienen im April bei der Infostelle Peru.

Comundo-Landestreffen in Chaclacayo

Einmal im Jahr treffen sich alle cooperantes von Comundo mit ihren Projektpartnern, um über aktuelle und gemeinsame Themen zu sprechen, zu diskutieren und eine línea de base zu entwickeln, eine Art Grundhaltung zu bestimmten Themen. Dieses Treffen fand Mitte März in Chaclacayo statt, etwa 1,5 Stunden nördlich von Lima. Ein Wiedersehen mit Wuéster, Ulrika und Kori aus Huancayo, mit Pascal, Renate und ihren beiden Kindern und mit Beat aus Cusco. Und ein Kennenlernen der anderen Projektpartner. Fünf intensive Tage Seminar mit Input, Diskussionen und neu entstandenen Arbeitsgruppen. Für die Kinder (Jakob, Ronja, Ida, Rafael und Kori) fünf Tage spielen und toben mit Ana, die für die Kinderbetreuung dabei war.

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Eines der Hauptthemen beim diesjährigen Treffen war die Frage, von welcher Entwicklung wir eigentlich sprechen im Rahmen der Entwicklungs-zusammenarbeit, die wir machen. Es ging um Alternativen zum herkömmlichen Entwicklungsbegriff, um Alternativen zum Extraktivismus (exzessiver Abbau von Naturressourcen) wie er in Peru derzeit betrieben wird, um andere Weltanschauungen wie das andine Buen Vivir.

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Mattes hat mit Javier, dem Direktor des Red Muqui, einen Vortrag gehalten über Alternativen zum Extraktivismus und am Ende des Seminars hat sich eine Arbeitsgruppe zum Thema Buen Vivir gebildet, die bis zum nächsten Treffen im Oktober zu diesem Thema arbeiten wird.

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Hier ein sehr anschauliches Mini-Video der Böll-Stiftung/1-2-3-comics: Was ist Neoxtraktivismus?

 

 

Und am letzten Tag: große Tafel, Luftballons, Konfetti, Torte und Musik! Jakob feiert seinen 4. Geburtstag 🙂

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Don’t think about life…

…ride it! So stand es auf der Wand einer Bar in Australien, vor 14 Jahren. Einfach aufs Surfbrett schwingen, rauspaddeln, an nichts denken als an die nächste Welle.

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Die letzten Wochen waren voll mit Terminen, beruflichen Kurzreisen, Landestreffen und Kita-Eingewöhnung. Darum hat sich auf dem Blog auch länger nichts getan, ähem. Jetzt wollten wir einfach mal rauspaddeln und an nichts denken als an die nächsten Wellen. In der Semana Santa / Osterwoche haben wir uns also ein paar Tage freigenommen und sind Richtung Piura gefahren. Die Stadt selbst ist eher rau und staubig, ein wenig Wildwestromantik fegt durch die Straßen. Nördlich davon aber, bei Máncora, liegt das Piuradies…mit den besten Surfstränden Perus, Luft und Wasser sind immer warm, die Sonne scheint, Palmen wedeln im Wind, Pferde galoppieren am Wasser. Es war wunderbar. Auf der Rückreise haben wir in Huanchaco (bei Trujillo) noch ein paar Tage Halt gemacht. Auch sehr schön. Hier ein paar Eindrücke!

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Wie David gegen Goliath

1911740_10202008617993238_1323315613_n - copiaDie indigene Bäuerin Máxima Acuña Chaupe aus Cajamarca kämpft seit Jahren gegen die Goldmine Yanacocha. Im Dezember 2014 wurde sie vom Höchstgericht freigesprochen. Die Drangsalierung durch Yanacocha geht weiter. Eine Chronologie der Ereignisse

Máxima Acuña Chaupe wirkt mit ihren 1,50m Körpergröße, dem Mittelscheitel und den langen Zöpfen, wie sie die indigenen Frauen im Andenhochland tragen, auf den ersten Blick eher mädchenhaft. Der Eindruck täuscht. Sie wird ihrem Namen – die Größte – mehr als gerecht. Seit bald vier Jahren kämpft die Bäuerin aus der Region Cajamarca im Norden Perus gegen die peruanische Bergbaufirma Yanacocha, die das Land kaufen will, auf dem Máxima mit ihrer siebenköpfigen Familie lebt. Ein Rechtsstreit, der sinnbildlich für den Schulterschluss von Regierung und Unternehmen steht und die fehlenden Rechte der Zivilbevölkerung.

Symbol für den Widerstand

In den letzten Jahren ist Máxima Acuña Chaupe zum Symbol für den Widerstand gegen die skrupellosen Methoden bei der Goldförderung in Peru durch internationale Unternehmen, Armee und Nationalstaat geworden. Vor vier Jahren begann der Streit um das Land, auf dem Máxima lebt. Denn Máxima sitzt buchstäblich auf einem Berg voll Gold. Das Bergbauunternehmen Yanacocha hatte auf dem Andenhochplateau der peruanischen Region Cajamarca bereits 5400 Hektar Land an der Blauen Lagune rund um das Dorf Sorochuco aufgekauft. Auch die vier Hektar Grundbesitz Acuñas werden für die Erweiterung der 260 Quadratkilometer großen Yanacocha-Mine gebraucht – die größte Goldmine Lateinamerikas und die zweitgrößte weltweit. Aber Máxima Acuña lehnte das Kaufangebot des US-Konzerns Newmont Mining ab. Sie lebt, wie 60 Prozent der Bevölkerung in dieser Gegend, vom Landbau. Kartoffeln, Yuca, Weizen und Hafer wachsen auf dem fruchtbaren Boden, das restliche Land nutzt sie als Weide für das Vieh. „Ich bin in Sorochuco geboren und aufgewachsen“, sagt sie, „ich habe mein Land in der Hoffnung gekauft, mein ganzes Leben dort zu verbringen“. Also blieb sie. Yanacocha ließ sich das nicht gefallen. Bald tauchte Minenpersonal auf, unterstützt von Polizisten in Uniform. Es gab Morddrohungen, Prügel, ihr Vieh verschwand oder wurde getötet. Der Angriff auf die Landwirtschaft der Bäuerin wurde nicht geahndet. Im Gegenteil: Obwohl Máxima – anders als die Minengesellschaft – eine Besitzurkunde über ihr Land in den Händen hält, verklagte Yanacocha sie des Landfriedensbruchs.

Skrupellose Methoden

2011 versuchte Yanacocha, eine Straße durch das Land Máximas zu bauen. foto-blog-lynda-iiMáxima zeigte das Unternehmen an, aber die Staatsanwalt legte die Geschichte direkt ad acta. Im Sommer desselben Jahres verschafften sich Sicherheitsbeamte Yanacochas mit Unterstützung der Polizei gewaltsam Zutritt zu Máximas Hof. Die Beamten schlugen und misshandelten die Familie. Máxima wehrte sich gegen die Enteignung ihres Landes, erstattete Anzeige und ging vor Gericht. Aber das Oberste Gericht in Cajamarca gab am 5. August 2014 der Firma Yanacocha recht. Máxima, ihr Ehemann Jaime, ihre Tochter Ysidora und Schwiegersohn Elías Chavez wurden zu zwei Jahren und acht Monaten Bewährungsstrafe und einer Entschädigung von 5500 Soles (etwa 1500 Euro) an den Minenkonzern verurteilt. Die Anwältin der Familie, Mirtha Vazquez, legte dagegen Berufung ein. Bis heute hält die 44-jährige Máxima trotz aller Drohungen Stellung auf ihrem Stück Land, einer Insel inmitten von Yanacocha-Land. Es ist ein Kampf wie die Gallier gegen die Römer, wie David gegen Goliath.

„Ja zum Wasser – Nein zum Gold“

Das Urteil gegen die Familie Chaupe löste in der peruanischen und lateinamerikanischen Öffentlichkeit große Betroffenheit aus, aber auch viel Sympathie für die Verurteilten. In den sozialen Netzen häufen sich die Solidaritätsbekundungen, es gibt Demonstrationen in der Hauptstadt, offene Briefe an die Regierung und generell viel Rückhalt aus der Bevölkerung. Máxima Chaupe ist zum Symbol des Widerstands gegen die Praktiken der Goldkonzerne in Peru geworden. „Ja zum Wasser! Nein zum Gold“ lautet der Slogan der Protestbewegung, der auch auf dem Alternativgipfel zur Weltklimakonferenz, der jüngst in Lima stattgefunden hat, zu hören war. Máxima bezeichnet sich selbst als Beschützerin des Wassers. „Wasser bedeutet Leben“, sagt sie, „das können wir nicht einfach an ein Unternehmen verkaufen“.

Kein Raum für Kritik

Die Macht der Akteure ist in Peru sehr ungleich verteilt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zeigte Ende 2013 zusammen mit peruanischen Organisationen auf, wie Rohstofffirmen mit meist unter Verschluss gehaltenen Verträgen jederzeit Einsätze der Nationalpolizei gegen die Bevölkerung beantragen können. Die Rohstofffirmen unterstützen die Einsätze finanziell, materiell und logistisch. Staatliche und wirtschaftliche Interessen verbünden sich damit gegen die Interessen der lokalen Bevölkerung. Eine Lösung des Konflikts rückt in weite Ferne.

Gegen Widerstand aus der Zivilbevölkerung geht die Regierung hart vor. Bereits 2004 hatte es wegen der Umweltbelastungen durch den offenen Tagebau heftige Protestdemonstrationen in der Bevölkerung gegeben, woraufhin Newmont – mit Buenaventura und der Weltbank größter Aktionär der Mine – erklärte, dass es vorläufig keine weiteren Erkundungen in der Region geben würde. Im Sommer 2012 rief die Bevölkerung Cajamarcas zu einem Generalstreik auf. Der Präsident Ollanta Humala verhängte daraufhin den Ausnahmezustand über drei Provinzen und ließ die Demonstrationen gewaltsam unterdrücken. Fünf Menschen wurden von der Polizei erschossen, Dutzende verletzt oder willkürlich verhaftet. In den vergangenen drei Jahren wurden bei Demonstrationen bereits 41 Menschen erschossen. Das peruanische Gesetz aber sagt Polizisten, die im Dienst Zivilisten erschießen, Straffreiheit zu.

Die Unternehmen, unterstützt durch die Regierung, diktieren die Spielregeln – und auch, wie über sie berichtet werden. Mitte Februar wurde der Journalistin Martha Meier Miró Quesada von der Tageszeitung „El Comercio“ gekündigt, weil sie in einer Kolumne allzu kritisch über die Machenschaften Yanacochas und seine Übergriffe gegen die Bäuerin berichtet hatte. Der ehemalige Antikorruptionsbeauftragte des Landes, Julio Arbizu, warnte, dass die Zensur und der Rauswurf der Journalistin deutlich zeige, wie die Tageszeitung nach ökonomischen Interessen handele und nicht im Sinne der Pressefreiheit. Marktfreiheit vor Pressefreiheit – Tatsache in einer vom Kapitalismus durchdrungenen Welt.

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Der Fall der Familie Chaupe. Infografik von Grufides und Coordinadora Nacional de Derechos Humanos

Freispruch für Máxima – aber Yanacocha kämpft weiter

Máximas Geschichte geht folgendermaßen weiter. Nach Monaten von Verhandlungen sprach das Höchste Gericht in Cajamarca kurz vor Weihnachten 2014 Máxima Acuña von den Anklagepunkten frei. Die Freude über diese Nachricht währte nicht lang. Am 3. Februar 2015 betraten Sicherheitskräfte der Firma Yanacocha und der peruanischen Spezialeinheit DINOES das Gelände der Familie Acuña und zerstörte einen Anbau. Als Grund nannten sie die ungeklärte Rechtslage. Einige Tage später errichteten Mitarbeiter Yanacochas in Sichtweite der Familie ein Alpaca-Gehege – als Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung – und installierte rundherum eine Reihe von Überwachungskameras. Dass es dem Unternehmen mehr um die Überwachung der Familie geht, liegt auf der Hand.

Massive Umweltbelastungen durch den Goldabbau

Nachhaltige Entwicklung ist nicht gerade eine Spezialität von Yanacocha. Seit 19 Jahren betribt Yanacocha Goldabbau im Tagebau in Cajamarca und steht unter ständiger Kritik seitens Menschenrechts- und Umweltorganisationen. Auch der geplante Bau der Conga-Mine hätte massive Eingriffe in die Umwelt zur Folge: Bergseen würden verschwinden, Wasser verseucht und die Lebensgrundlage von Menschen und Tieren bedroht. Bei der Produktion im Tagebau wird doppelt so viel Land als die eigentliche Größe der Mine vernichtet: Denn das goldhaltige Gestein wird bis zu 660 Meter tief abgetragen – und dann in riesigen Gebirgsflächen aufgeschüttet. Bei der gewaltigen Yanacocha-Mine sind das mehr als 500.000 Tonnen Gestein pro Tag.
Das Gold wird mit einem Zyanid-Wasser-Gemisch gelöst, wofür pro Stunde 250.000 Liter Wasser benötigt werden. Das hat zur Folge, dass es in der Landeshauptstadt Cajamarca nur noch zwölf bis 14 Stunden Leitungswasser pro Tag gibt. Gleichzeitig werden Schwermetalle wie Arsen, Kadmium und Blei freigesetzt. Diese sind auch noch in zehn Kilometern Entfernung nachweisbar. Untersuchungen, die nach 20 Jahren Betrieb der Mine Yanacocha vor kurzem erstmals durchgeführt wurden, ergaben, dass die rund 200.000 Einwohner Cajamarcas über Jahre hinweg verseuchtes Wasser getrunken hatten.

„Wir tun alles, um Umweltbelastungen zu vermeiden“, versichert der Yanacocha-Betreiber, „wir halten uns an die Gesetze“. Die Gesetze werden allerdings immer mehr zu Gunsten der freien Wirtschaft formuliert. Erst im vergangenen Sommer unterschrieb der peruanische Präsident Ollanta Humala ein neues Umweltgesetz, mit dem die Strafen bei Umweltvergehen deutlich reduziert werden. Umweltverträglichkeitsprüfungen sind nun innerhalb von 45 Tagen abzuschließen – eine lächerlich kurze Zeit- und Bergbau und Erdölproduktion auch in Naturschutzgebieten erlaubt.

Neben den massiven direkten Umweltschäden verursachen Goldminen im Tagebau auch einen riesigen Bedarf an Energie. Allein die Yanacocha-Mine hat einen doppelt so hohen Energiebedarf wie die peruanische Stadt Trujillo mit 700.000 Einwohnern.

Ausblick

Angesichts dieses Szenarios wird Máxima weiterkämpfen. „Mein Schweiß steckt in jedem Zentimeter Land“, sagt sie. Das werde sie sich nicht von Yanacocha wegnehmen lassen. „Die Behörden können sagen was sie wollen, ich werde mein Land nicht weggeben“.

Sie beklagt, dass das Unternehmen Yanacocha nie auf sie direkt zugekommen sei, um mit ihr zu sprechen oder zu verhandeln. Vieles erfahre sie erst durch die Medien und vieles davon seien schlichte Unwahrheiten. Unterstützung erfährt sie vor allem aus der Zivilbevölkerung und durch die peruanische Nichtregierungsorganisation Grufides in Cajamarca, bei der auch die Anwältin der Familie, Mirtha Vazquez, arbeitet. „Todos somos Máxima“, heißt es auf dem Blog der NGO. Hoffen wir, dass sich die Hartnäckigkeit der kleinen großen Máxima am Ende auszahlen wird. Es wäre ihr zu wünschen.

Zum vollständigen Artikel hier, erschienen in Lateinamerika Nachrichten März 2015

Doku „Los guardianes y guardianas del agua” (Ausschnitt) Asociación Guarango

Im 14. Himmel

17815_10206545823191351_7900365165802904569_nAm schönsten ist es morgens um sieben. Dann scheint die Sonne durch den Morgennebel, unten die Bäume, links die Berge, rechts das Meer, wir im 14. Himmel mittendrin. Wir sind Anfang Februar umgezogen und wohnen nun in Jesús María (ja wirklich!), mitten in der Stadt, aber mitten im Grünen. Dass es so etwas gibt in Lima! Die Stadt steckt voller Überraschungen. Eine davon ist die Residencial San Felipe, wo wir nun wohnen. Die Residencial ist eine Art Wohnanlage, bei der ich anfangs an Plattenbauten in Marzahn dachte, an verkehrsumtoste Betontürme, an anonymes Wohnen, an geduckte Wohnungen, klein und dunkel. Aber als wir uns das erste Mal die Wohnung im 14. Stock anschauen, passt keins dieser Vorurteile. Die Wohnung ist riesengroß und hell, der Blick geht runter in den Park und auf den Spielplatz, bekommt Flügel, geht über die Häuser hinweg. Hier oben fühlen wir uns wie Vögel in einem kuscheligen Nest. Wir sagen dem Vermieter – Ex-Direktor des RedMuqui, ein glücklicher Zufall – sofort zu.

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Residencial San Felipe (die Türme) vor 50 Jahren

Jetzt, nach ein paar Wochen im neuen Zuhause, sehen wir: die Residencial ist ein Dorf, eine grüne Insel mitten in der großen Stadt. Die Bewohner (er)kennen sich, grüßen sich, „wie geht es den Kindern?“, Neuigkeiten werden ausgetauscht, es gibt Supermärkte, Läden, Kioske, Nachbarschaftsvereine. Mittwoch abends tanzen die Senioren auf der Plazuela Salsa. Wir haben uns gebrauchte Fahrräder gekauft und radeln manchmal abends ans Meer, den Sonnenuntergang anschauen. Vor einer Woche haben wir eine Einweihungs- und Geburtstagsparty gefeiert und alle eingeladen, die wir im letzten halben Jahr kennengelernt haben. Es kam die San Juan de Lurigancho Clique, es kamen Freunde und Bekannte aus den verschiedensten Kreisen, Arbeitskollegen, Nachbarn, sie kamen mit Krücken und mit Babys im Tragetuch. Wir haben getrunken und gelacht und getanzt. Es war wunderbar. Es ist wunderbar.

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Gutes Leben ganz ohne Ausbeutung der Natur

Extraktivismus, Post-Extraktivismus und Rechte der Natur. Dazu habe ich in der ersten Arbeitswoche nach dem Sommerurlaub einen Vortrag bei meinen Kollegen im Büro gehalten. Klingt abstrakt. Was verbirgt sich denn dahinter? Ein interessantes Modell, wie eine Gesellschaft und Volkswirtschaft ganz ohne Ausbeutung der Naturressourcen wunderbar zurecht kommen kann. Weshalb, wozu, wie, wann und wo habe ich mich zunächst auch gefragt und ein paar spannende Bücher dazu gelesen. Ein paar zentrale Gedanken dazu möchte ich gerne mit Euch teilen.

 

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In Perú, aber auch in gesamt Lateinamerika, werden seit der Kolonialisierung Naturressourcen (Gold, Kupfer, Erdöl, Guano, usw.) in großem Stil ausgebeutet (bzw. extrahiert, deshalb spricht man von Extraktivismus) und exportiert, vor allem nach Europa. Das war und ist die Grundlage für die europäische industrielle Entwicklung und ihren Wohlstand. Die lateinamerikanischen Länder sollten keine andere geopolitische Rolle spielen in der Weltordnung. Es diente ja der westlichen Entwicklung. Die von außen aufgedrückte und etablierte Abhängigkeit der lateinamerikanischen Länder vom Export und von diesem (Entwicklungs-)Modell hält bis heute noch an. Die Folgen sind neben der einseitigen ökonomischen Entwicklung Umweltbelastung, Landzerstörung und -vertreibung, uvm.

Weitere Infos hierzu sind dieser Artikel über die offenen Adern der Natur und dieses Video der Heinrich-Böll-Stiftung.

Wie kann sich ein Land wie Perú aus dieser strukturellen Abhängigkeit befreien, wie seine Menschen selbstbestimmter über ihren Entwicklungsweg entscheiden und dabei mehr in Einklang mit der Natur leben? Hinter dem Namen Post-Extraktivismus verstecken sich verschiedene reformerische Ideen und Konzepte, wie genau dies erreicht werden kann. Theoretiker wie Eduardo Gudynas und Alberto Acosta haben dazu einiges gedacht und geschrieben. In Ecuador und Bolivien ist diese Debatte, wie auch um Buen Vivir, weit fortgeschritten. Aber auch in Perú – so zum Beispiel beim RedGE (peruanisches Netzwerk für globale Gerechtigkeit) oder beim Red Muqui – wird dazu geforscht und mobilisiert. Und nicht nur aus Entwicklungsperspektive der lateinamerikanischen Länder, sondern auch vor dem Hintergrund der weltweiten Ernährungskrise, des menschgemachten Klimawandels und der vielzähligen Konflikte um Zugang zu Wasser und Land stellen den Extraktivismus und den Neoliberalismus in heftige Kritik.

Post-Extraktivismus bezeichnet eine Abkehr vom westlichen Entwicklungspfad, der ständiges Wachstum zum Ziel hat, auch über natürlich gegebene Grenzen hinaus. Post-Extraktivismus ist inspiriert von indigenen Weltanschauungen (Buen Vivir) und von Konzepten wie Post-Wachstum, De-Growth und Verzicht. Er fordert weniger Export, weniger Abhängigkeit vom Weltmarkt und weniger materiellen Konsum, da dieser ein treibender Faktor für Naturzerstörung ist. Kurz: Weniger ist Mehr. In Deutschland beschäftigt sich mit diesen Konzepten z.B. ein Oldenburger Professor [Nico Paech]. Seine These: „Grünes Wachstum“ gibt es nicht.

Post-Extraktivismus ist nicht nur bloßes Gerede oder Träumerei. Im Gegenteil. In Ecuador und Bolivien sind zum Beispiel die Rechte der Natur bzw. die Pacha Mama („Mutter Erde“ auf Quechua) gesetzlich verankert und Buen Vivir in der Verfassung festgeschrieben. Die konkrete Umsetzung dieser Konzepte steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Die Zeit wird zeigen, inwiefern sich im dominierenden neoliberalen Weltwirtschaftssystem alternative Ideen wirklich entfalten können.

Übrigens werden wir in diesem Jahr mit dem Red Muqui eine Konferenz über Extraktivismus und Landkonflikte organisieren und eine Kampagne zu alternativen Lebensstilen starten. Mehr Infos dazu später…