Mit dem Zug über die Anden

klIMG_6236Übers Osterwochende habe ich mir einen langgehegten Wunsch erfüllt: einmal mit dem Ferrocarril Central Andino von Lima nach Huancayo, einmal über die Anden, über einen Pass von 4818 Metern, durch 69 Tunnel, über 58 Brücken und 6 Mal Zickzackfahrten, d.h. vor und zurück, vor und zurück mit dem gesamten Zug, um in kürzester Zeit mehrere Hundert Höhenmeter zu überwinden. Da klebt der Zug wie ein Bergsteiger an der Wand.

Früher verkehrte die Bahn als regulärer Personenzug. Seitdem Busse eine schnellere und günstigere Alternative sind, fährt er nur noch acht Mal im Jahr für Touristen. An der Estación de Desamparados, dem Bahnhof von Lima, verabschiedet uns eine Blaskapelle, ein Paar tanzt die Marinera, die Sonne geht gerade auf. Schaukelnd setzt sich der Zug in Bewegung. Laut tutend fährt er durch die Vororte der Millionenstadt, dicht an einfachen Hütten aus Holz und Wellblech vorbei. Autos bleiben stehen, Fenster öffnen sich, Menschen winken uns hinterher, wie einem Schiff, das vorbeifährt und von fernen Ländern erzählt. Der Himmel ist dunstig blau. Dann zuckeln wir hoch ins Tal des Rímac, fort von der Küste. Einmal Lokwechsel in Tornameza (bei der Casa de los Titiriteros), dort ist die Kurve so eng, dass der Zug nicht herumfahren könnte. Wir können ein paar Minuten aussteigen, die Sonne brennt schon, der Weichensteller sagt, es sei jedes Mal ergreifend, den Zug über die mächtigen Anden fahren zu sehen.

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Auf 4800 Meter Höhe an der Station Galera

Vor knapp 110 Jahren Jahren wurde die Bahnstrecke fertiggestellt, nach 27 Jahren mühevoller Arbeit, eine technische Meisterleistung. Im Tunnel Balta schraubt sich der Zug im Berg über 1,5 Kilometer in Form einer Acht Kurve um Kurve nach oben. Die Puente Infiernillo („Kleine Hölle“) verbindet über eine Brücke zwei Tunnel in gegenüberliegenden Bergrücken. Schienen und Brücken wurden, in Teile zerlegt, aus den USA, Frankreich und England herbeigeschifft, ebenso wie später die Lokomotiven und Wagen. Für den Bau wurden zehntausende Arbeiter angeworben, aus Peru, Chile und China. Etliche kamen dabei ums Leben.

Der Zug zuckelt weiter hinauf. Nach vielen Stunden und Tausenden Höhenmetern sind wir in den Hochebenen angekommen, die Luft wird dünner, das Herz pumpt. Viele Mitreisende dösen ein. Am Ticlio-Pass auf über 4800 Meter Höhe fangen die Kleinkinder an zu weinen, manche übergeben sich. Eine Krankenschwester an Bord versorgt sie mit Koka-Tee, einem altbewährten Mittel gegen Höhenkrankheit, und Lutschbonbons. Dann kommen die Schmelzhütten von La Oroya. Wüst sieht die Gegend hier aus, riesige Maschinen, Schlote, staubbedeckte Berge. Hier werden die kostbaren Rohstoffe aus den Minen des Hochlands verarbeitet und eingeschmolzen. Hier zeigt sich das Ausmaß, mit dem die Menschen die Erde ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. La Oroya zählte jahrelang zu den am stärksten verschmutzten Städten der Welt. Die Luft ist voller Blei, im Montaro Fluss schwimmt kein Fisch mehr und die Berghänge der Anden sind hier kalkweiß, weil das Schwefeldioxid aus den Schornsteinen der Schmelzhütten alle Bäume, Büsche und das Gras abgetötet hat.klIMG_6302

Die Bahnstrecke Lima-Huancayo ist normalerweise ausschließlich Güterzügen vorbehalten. Jeden Tag fahren Waggons voll mit Kupfer, Zink, Silber hinab nach Lima und verschiffen die wertvollen Erze in alle Welt. Der Hunger nach Rohstoffen ist groß, also bohren sich die Maschinen weiter in die Erde, die Gruben der Minen werden immer tiefer, in manchen Städten (Cerro de Pasco) fällt die Stadt fast in den Abgrund der Minen hinein.

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Nach insgesamt 13 Stunden Fahrt erreichen wir Huancayo auf 3271 Meter Höhe. Der Kopf ist voller Bilder, die Augen brennen vor Müdigkeit, es pocht dumpf an den Schläfen. Ich bin angekommen.

Wenige Tage später fahre ich die ganze Strecke wieder zurück. Auch jetzt schaukelt der Zug wie ein Ozeandampfer durch grüne Täler und wüste Berglandschaften. Hier wirkt er noch wie ein Fremdkörper, ein schnaufender Wurm vor gewaltigen Bergrücken, die Tausend Jahre alt sind. Bald aber zuckelt er hinab in die Tiefe, 4800 Meter hinunter an die Küste, bis er sich schließlich im Gewühl von Lima verliert.

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2 Gedanken zu “Mit dem Zug über die Anden

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