Fronteras Ambientales – Reportagen aus dem Regenwald

P1060215Erinnert ihr euch noch an die Recherchereise in den Regenwald? Journalismus-Studierende waren im Rahmen des Projekts „Amazonas-Reporter“ im September 2015 eine Woche lang in Nauta (Provinz Loreto) und Lamas (San Martín) unterwegs gewesen und hatten zu Umwelt- und sozialen Themen aus dem Amazonasgebiet recherchiert. Im Dezember endete das Projekt. Auf der Abschlussveranstaltung im Hotel San Blas debattierten die Journalist*innen Barbara Fraser, Ernesto Raéz und Nelly Luna über die Frage „Qué es y por qué hacer periodismo ambiental“ – Was ist Umweltjournalismus und wofür brauchen wir ihn?

Nun sind die Reportagen der 16 Nachwuchsjournalist*innen fertig, auf der dafür entstandenen Webseite Fronteras Ambientales kann man sie (auf spanisch) lesen. Einige Texte haben Hildegard Willer (Journalistin) und ich für die Infostelle Peru ins Deutsche übersetzt. Darunter ist eine besonders eindrückliche Reportage über ein Thema, über das kaum jemand etwas weiß, geschweige denn spricht: übermäßig viele Selbstmorde von indigenen Jugendlichen im Regenwald. Eine Geschichte über den Verlust kultureller Wurzeln. Hier geht es zum Text.

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Im einem Dorf namens Fortschritt

P1060370Eine andere Welt ist möglich, sagt Eduardo Gudynas, Vordenker des Postwachstum. Er hat ein Buch geschrieben „Die Rechte der Natur“, das liest sich wunderbar. Er rüttelt darin am derzeit verbreiteten Wachstums-Gedanken und fordert eine Abkehr vom Raubbau an der Natur. Lateinamerika brauche mehr regionale Wirtschaftskreisläufe und müsse seine Rolle als reiner Rohstoff-Exporteur ablegen. Nachhaltige Alternativen könnten gemeindebasiserter Tourismus, ökologische Landwirtschaft oder verarbeitende Gewerbe sein – je nach Region. Da in Peru jedoch seit der Kolonialisierung alle Strukturen auf dem Abbau und Export von Rohstoffen aufgebaut sind (siehe Eduardo Galeanos fantastisches Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“), ist das kein leichtes Unterfangen. Zwar wurde 2002 ein Ministerium für Produktion gegründet, das sich der Diversifizierung der Wirtschaftbereiche im Land verschrieben hat. Aber das Ministerium ist ähnlich machtlos wie das Umweltministerium, das nur Marionette ist des Bergbauministeriums. Entsprechend ratlos stehen also die Akteure da. Eine konkrete Antwort hat auch Gudynas nicht. Er ist Utopist, Visionär – er malt die Sonne an den Himmel, aber für alle anderen ist der Himmel weit entfernt.

Neulich haben wir Gudynas kennengelernt, als er mit uns in eine Comunidad mit dem so passenden wie unpassenden Namen „El Progreso“ (Fortschritt) gefahren ist, etwa zwei Stunden von Celendín entfernt. Er erzählte den Dorfbewohnern, warum Extraktivismus – massiver Raubbau an der Natur und der Export dieser Rohstoffe – problematisch ist. Den zweiten konkreten Teil, nämlich welche Alternativen es zu dieser Rohstoffausbeutung gibt, überließ er Mattes. Der schaute sich das Dorf mit den Bewohnern per Satellitenbild an und überlegte mit ihnen, wie sie die Zukunft des Dorfes sehen. Gudynas reiste zurück nach Cajamarca, er hatte noch wichtige Termine. Ein kurzer Auftritt eines großen Theoretikers. Wie das den Dorfbewohnern weiterhilft, ist fraglich. Immerhin sind sie bisher geschlossen davon überzeugt, dass der Bergbau in dieser Region nur Nachteile bringen würde.

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Meine Kollegin Hildegard Willer, ebenfalls freie Journalistin, hat Gudynas vor einem Jahr für die taz zum Thema interviewt. Gudynas sagt in diesem Gespräch, dass Peru bei Weitem die wenigste Offenheit für die Debatte um das „Gute Leben“ (Buen Vivir) habe.  Der öffentliche Diskurs im Land sei sehr einseitig von einer engen ökonomischen Sicht geprägt, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt habe. Hinzu komme, dass die großen Medien in Peru sehr konservativ und autoritär seien. In Bolivien und Ecuador habe die Debatte viel mehr Kraft, dort werde der Entwicklungsbegriff auch als kultureller Begriff diskutiert.

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Hinter den Kulissen des Wirtschaftswunders von Peru

Die Regierungsmaschinen aus Frankreich, Deutschland, Kanada, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten stehen aufgereiht am Flughafen, als Eva und ihre Mutter in die Lüfte abheben. Während sie durch Cuzco streifen, sitzt Mattes im Gran Hotel Bolivar im Zentrum von Lima und wirft einen Blick hinter die Kulissen des sogenannten Wirtschaftswunders von Peru. Vom 8. bis 11. Oktober fand in Lima die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank statt. Erstmals seit knapp 50 Jahren fand die Veranstaltung wieder in Lateinamerika statt. 13.000 Finanzexperten – Finanzminister, Notenbanker, Parlamentarier, Fachleute privater Banken und Nichtregierungslogo_BMorganisationen – aus 188 Ländern waren angereist, um über die „Krise der Schwellenländer“ zu diskutieren, die Bewältigung der Flüchtlingsströme und den Klimawandel.

Überhaupt spielte das Klimathema beim Jahrestreffen der globalen Finanzelite eine so dominante Rolle wie selten zuvor. IWF-Chefin Christine Lagarde wählte auf der Konferenz drastische Worte, um auf die globale Erwärmung hinzuweisen. Sollte die Menschheit dem Klimawandel tatenlos zusehen, werde es ihr so ergehen wie dem peruanischen Geflügel, das die Konferenzteilnehmer in Lima genössen, sagte Lagarde während einer Podiumsdiskussion mit Weltbankpräsident Jim Yong Kim und UN-Klimageneralsekretärin Christina Figueres. „Wir werden uns alle in Hühnchen verwandeln und gebraten, gegrillt, getoastet und geröstet“, sagte sie. Kim und Lagarde forderten die Abkehr von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Notwendigkeit von Verbrauchssteuern für Kohlenstoffemissionen.

Mit der Wahl des Tagungsortes in Lima zeichneten Weltbank und IWF ein Land aus, das in den letzten Jahren durch forsches Wirtschaftswachstum aufgefallen ist. In Wirtschaftskreisen und bei Entwicklungsorganisationen gilt Peru als Vorzeigeland. Konsequent seien die Rezepte des Währungsfonds und neoliberaler Ökonomen seit dem Ende der autoritären Herrschaft von Präsident Fujimori im Jahr 2000 umgesetzt worden, schreibt die NZZ. Laut Weltbank ist die Wirtschaft des Andenlandes in den letzten zehn Jahren jährlich im Durchschnitt um 6,4% gewachsen. Im selben Zeitraum habe sich das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt – ein Erfolg, den kein anderes lateinamerikanisches Land vorweisen könne – und liege heute bei 6370 $.

logoSo weit so schön. Das Wirtschaftswunderland Peru genießt den Applaus der internationalen Finanzwelt. Dann fällt der Theatervorhang. Die Protagonisten verschwinden in der Garderobe. Und unter der Maske tauchen andere Gesichter auf, andere Geschichten. Auf dem Alternativforum zum Treffen der internationalen Finanzelite , organisiert vom Komitee zur Abschaffung der Schulden der Entwicklungsländer (CADTM) kamen sie zum Vorschein. „Desmintiendo el milagro peruano“ nannte sich die Veranstaltung, was so viel bedeutet wie „Hinter den Kulissen des Wirtschaftswunders von Peru“. Im Gran Hotel Bolivar am Plaza San Martín trafen sich NGOs, Hilfsorgansationen, Wissenschaftler und Aktivisten und sprachen über die Herausforderung der (wirtschaftlichen) Ungleichheit in Peru und Ländern Lateinamerikas, über alternative Wirtschaftsmodelle, Auswirkungen des Mega-Bergbaus, Menschenrechte und Landsicherung für indigene Völker. Auch die Rolle der internationalen Finanzorganisationen und der Klimawandel wurden ausgiebig debattiert.

Tatsache ist: vom Wirtschaftswachstum profitieren – wie so oft – einige sehr, andere gar nicht. Die Armut im Land ist längst nicht bewältigt. In Cajamarca, der Provinz mit den großen Goldvorkommen, befinden sich die ärmsten Distrikte des Landes. „Sin agua, vivienda, empleo y educación no existe el milagro peruano“ proklamierten entsprechend einige Hundert Aktivisten, die am Freitag auf die Straße gingen, um gegen den Weltbankgipfel zu demonstrieren – ohne Wasser, Wohnung, Arbeit und Bildung gebe es kein peruanisches Wunder.

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Mirtha Vásquez (NGO Grufides, links) und Máxima Acuña (rechts), Widerstandskämpferin aus Cajamarca

Auf dem Gegengipfel waren Organisationen vertreten wie Oxfam, Coordinadora Nacional de DerechoP1060315s Humanos, CARE, IBC (Instituto del Bien Común / Institut für das Gemeinwohl) und AIDESEP (Interethnischer Verband für die Entwicklung des Peruanischen Regenwaldes). Am zweiten Konferenztag stellte das Red Muqui den Fall Yanacocha vor, der größten Goldmine Lateinamerikas in Cajamarca im Norden Perus. In Kooperation mit Grufides und der Plataforma Interinstitucional de Celendín (PIC) zeigten sie den Dokumentarfilm “La hija de la Laguna“ (vom Film-Kollektiv Guarango), über den ich hier schon einmal geschrieben hatte. Máxima Acuña Chaupe und Elmer Campos erzählten, welche Auswirkungen die Macht der Mega-Unternehmen auf ihr Leben hat: Elmer wurde bei einer Demonstration gegen die Erweiterung der Goldmine (Conga-Projekt) in Cajamarca 2012 von einem Polizisten angeschossen und sitzt seitdem im Rollstohl, Máxima kämpft seit Jahren gegen Yanacocha um ihr Land, das sie nicht aufgeben will (siehe Blog-Eintrag David gegen Goliath, April 2015).

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Die Kriminalisierung der Proteste gegen Bergbaufirmen

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Szene aus „Hija de la Laguna“

Recherchereise in den Regenwald

P1060040„Hier ist sie, die Mutter“, sagt Grimaldo und zeigt auf eine kleine grüne Raupe, die regungslos am Stamm eines Erdnuss-Strauchs klebt. Jede Pflanze besitzt eine Mutter, eine Art guten Geist, sagt der Kleinbauer, der in der indigenen Gemeinde El Naranjal in der Nähe von Lamas lebt. Lamas ist eine Kleinstadt von 20.000 Einwohnern und liegt auf einem Hügel von 300 bis 900 Höhenmetern in der Nähe von Tarapoto im Amazonasgebiet von Peru. Das Klima ist tropisch, man kann die weiten Tiefebenen des Regenwaldes schon erahnen, wo sich die breiten Flüsse des Amazonas, Ucayali und Marañon wie Lebensadern durch das dichte Grün schlängeln.

P1060228Die Infostelle Peru und der Nachrichtendienst Comunicaciones Aliadas haben mit der Finanzierung des BMZ zwei Recherchereisen in den peruanischen Regenwald organisiert, um die Berichterstattung über das Amazonasgebiet zu stärken. 16 junge Journalisten aus Lima sollen aus erster Hand erfahren, was die Anliegen und Probleme der indigenen Bevölkerung im Amazonasgebiet sind und zu Umweltthemen recherchieren, die in den Medien der Hauptstadt nur wenig oder keine Beachtung finden. Mitte September reiste die erste Gruppe von 8 Journalismus-Studierenden nach Nauta in die Provinz Loreto, zwei Wochen machte sich die zweite Gruppe auf den Weg nach Lamas (Provinz San Martín). Barbara Fraser, US-amerikanische Umweltjournalistin und Nieves Vargas von Comunicaciones Aliadas haben sie begleitet. Im Auftrag der Infostelle Peru konnte ich bei der zweiten Reise ebenfalls dabei sein.

P1060221„Wir bitten die Natur um Erlaubnis, bevor wir säen, ernten oder jagen gehen“, sagt Grimaldo jetzt. „Man kann nicht einfach losmarschieren in den Wald, das bringt das ganze Gefüge durcheinander“. Die Weltanschauung der Bewohner des Amazonasgebiet beruht auf einer starken Verbindung zur Natur. „Der Wald atmet, in den Stämmen der Bäume sitzen Geister und in den Tieren die Seelen Verstorbener“, beschreibt Grimaldo. Das Wohlergehen hängt von der Kontrolle dieser zahllosen übernatürlichen Kräfte ab. Mit Riten und Zeremonien bewahren sie die universale Harmonie, magische Mittel spielen eine wichtige Rolle. „Für uns ist der Regenwald ein lebendiges Wesen“, sagt Grimaldo.

Die jungen JournalistInnen schreiben fleißig mit. Zu Beginn der Reise haben sie sich drei Themen zugeordnet, zu denen sie während der knappen Wochen in Lamas recherchieren wollen: den Konflikt um Land, wo sich Naturschutzgebiete in traditionell angestammten Gebieten indigener Gemeinden befinden; die biologische Vielfalt angesichts vermehrter Monokulturen in der Landwirtschaft; und die Umweltbelastungen durch die Schweinefarm „Don Pollo“. P1060215P1060049

    Jeden Morgen ziehen die Nachwuchsjournalisten in drei Gruppen los, ausgerüstet mit Notizblock, Stift, Aufnahmegerät und Kamera. Sie besuchen indigene Gemeinden wie El Naranjal oder Mishquillakillu, sprechen mit Dorfältesten und Anthropologen, interviewen Lokalpolitiker und Vertreter von NGOs wie CEPKA (Ethnischer Beitrat für Quechua-sprachige Dörfer im Amazonasgebiet). Sie streifen über die Felder und fragen nach traditionellen Anbaumethoden, sie probieren frischen Zuckerrohr und Suris, dicke Maden, die aus morschen Stämmen geklaubt und gebraten verspeist werden, sie gelten als wichtiger Proteinlieferant. P1060006„Es kommt mir so vor, als ob ich hier eine Tür zu einer Welt öffne, von der ich bisher überhaupt nichts wusste“, bemerkt Emily einmal, eine der jungen Journalistinnen. Ihre Gesprächspartner – Frauen mit Kindern, junge Männer, Greisinnen – berichten von der richtigen Nutzung von Heilpflanzen, von der BlogP1060001Beschwörung der Geister und Götter des Waldes, sie erzählen davon, wie Ältere die Jüngeren mitnehmen auf die Jagd und sie lehren, wie man sich im Wald bewegt. Immer wieder erwähnen sie die Arbeit in Gemeinschaft, Choba Choba genannt, wie sie seit langer Zeit um Lamas und Awajún in der der Region San Martín ausgeübt wird.

Die Bewohner der Gemeinden begegnen ihnen offen, es kommen nicht oft Journalisten in diese Region. Das verwundert, denn die Abholzung und Verbreitung von Palmölplantagen und Minen im Regenwald haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Tausende Hektar Wald sind in den vergangenen Jahren im peruanischen Regenwald gerodet worden. Laut Pedro Tipulo vom Amazonischen Netzwerk für Umweltinformationen (RAIS) verschwand allein zwischen 2000 und 2010 eine Fläche von 240.000 km², das entspricht etwa der Fläche von Österreich, der Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg.

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Abends sitzt Emily mit den anderen jungen Leuten im Gemeinschaftshaus der NGO Waman Wasi zusammen, hier ist die Gruppe untergebracht. Sie diskutieren über das Leben im Einklang mit der Natur, über die Politik in Lima, soziale Bewegungen und Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem, das vor allem auf Raubbau an der Natur beruht. Draußen dröhnen die Insekten so laut wie startende Flugzeuge, es summt und raschelt, die Nacht ist lau.

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Die Waman Wasi (Quechua für „Haus des Falken“) arbeitet seit 12 Jahren mit indigenen Quechua-sprachigen Gemeinden um Lamas im Bergregenwald zusammen. Sie fördert Initiativen für kulturelle Vielfalt, Biodiversität, kleinbäuerliche Landwirtschaft, indigene Rechte und die intergenerationale Weitergabe von traditionellem Wissen in Quechua-sprachigen Gemeinden.

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Die Nachwuchsjournalisten werden ihre Reportagen und Hintergrundberichte in den kommenden Wochen über den Nachrichtendienst von Comunicaciones Aliadas veröffentlichen. Weitere Texte werden voraussichtlich in den Tages-und Wochenzeitungen der Hauptstadt sowie in Online-Nachrichtendiensten erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass das Amazonasgebiet in Peru künftig respektvoller behandelt wird, als es derzeit der Fall ist. Die Geister und Götter des Waldes werden sich sonst irgendwann rächen.

Zum Artikel, der bei der Infostelle Peru veröffentlicht wurde

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Viel Land in den Händen von Wenigen

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Im Juni hat das Red Muqui mit der Universität San Marcos (Lima) und der Universität Gent (Belgien) eine internationale Konferenz organisiert zum Thema „Luchas Sociales por la Tierra“, soziale Konflikte um Land. Wissenschaftler wie Alberto Acosta und Vertreter sozialer Bewegungen debattierten zwei Tage lang über die Auswirkungen des Raubbaus und Ausverkauf des Landes in Peru und mögliche Alternativen, wie die Solidarische Ökonomie oder die Stärkung der (familiären) Landwirtschaft.

Hier geht es zum Artikel, den wir für die Infostelle Peru geschrieben haben.

Und hier zum Red Muqui-Artikel für Spanisch-Lesende.

Und hier ein Trailer zu einem Filmprojekt „Hija de la Laguna“ der Dokufilm-Gruppe Guarango. „El oro no se come“ – Gold kann man nicht essen. Sehenswert.

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„Ihr habt die Wahl zwischen Entwicklung und Armut“

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Valle del Tambo

Tante María soll weg. So wollen es die Leute. Regierung will aber nicht. Um das Bergbauprojekt Tía María bei Arequipa im Süden des Landes ist Ende März ein schon Jahre andauernder Konflikt wieder aufgebrochen. Der US-amerikanische Bergbaukonzerns Southern Copper Corporation will im Valle del Tambo, einem vor allem landwirtschaftlich genutzten Tal, im großen Stil Kupfer abbauen.

Der offene Tagebau im Einzugsgebiet des Flusses Tambo verspricht eine Produktion von 120.000 Tonnen Kupfer pro Jahr über eine Zeitspanne von 21 Jahren. Southern wirbt damit, 1500 Arbeitsplätze zu schaffen und 1,4 Milliarden US-Dollar zu investieren. Aber das Bergbauprojekt wird seit Jahren von Protesten der lokalen Bevölkerung begleitet. In einem Referendum sprachen sich bereits 2009 mehr als 90% der Bevölkerung gegen Tía María aus. Bauern und Umweltschutzorganisationen befürchten dramatische Folgen für die Umwelt. Wassermangel durch den exzessiven Wasserverbrauch für die Mine, Verschmutzung von Wasser und Luft, Verdrängung der Landwirtschaft…

Die Regierung könnte vermitteln. Auf der ersten Blick scheint es, als ob sie das täte. Sie hat sogenannte mesas de diálogo, Runde Tische, eingerichtet, an denen Politiker, Unternehmer und Zivilbevölkerung zusammenkommen. Aber die lokale Bevölkerung fühlt sich nicht ernst genommen. Die Regierung steht klar auf Seiten des Unternehmens Copper. Der neu ernannte Ministerpräsident Pedro Cateriano sagt: „Wir werden so oft nach Arequipa kommen wie nötig, um dieses Projekt voranzutreiben”. Und: „Die Menschen können heute entscheiden zwischen dem Weg der Entwicklung oder der Armut”. Staatspräsident Humala sieht in Tía María eine großartige Chance, um das Land wirtschaftlich voranzutreiben. Das Landwirtschaftsministerium schweigt. Umweltminister Manuel Pulgar-Vidal verteidigt das Projekt Tía María und weist die herbe Kritik an der Umweltstudie (EIA – Estudio de Impacto Ambiental) entschieden zurück.

FOTO-PROTESTA-CONTRA-PROYECTO-TIA-MARIA-3Eine Lösung für den Konflikt ist bisher nicht in Sicht. Seit bald einem Monat protestieren Tausende von Bewohnern der Region, Bauern und Umweltverbände mit einem Generalstreik gegen die geplante Mine, mit Protestmärschen und Straßenblockaden. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Der Minenbetreiber, Oscar Gonzales Rocha, spricht von „Anti-Bergbau-Terrorismus“. Tausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz.

Fragwürdiges Vorgehen der Polizei

Fragwürdiges Vorgehen der Polizei

Angesichts des mehr als fragwürdigen Vorgehens der Polizei (in diesem Video sieht man, wie ein Polizist einem Protestierenden mit Gewalt eine Waffe in die Hand drückt und das Bild am nächsten Tag auf den Titelseiten mindestens einer Zeitung (El Correo) steht, untertitelt mit „así atacaron los anti-mineros/so haben die Bergbaugegner angegriffen“) wird die Wut der Menschen immer größer und die Stimmung von Tag zu Tag angespannter: Wortführer der Opposition werden festgenommen, es gibt Gewalt und Dutzende Verletzte. Vor wenigen Tagen gab es das erste Todesopfer, ein 61-jähriger Bauer starb nach Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass Southern das Minenprojekt bis zum Jahr 2017 aussetzen wird. Die Bewohner der Region wollen aber nur noch eines: dass das Unternehmen sich komplett zurückzieht.

Tía María ist letzten Endes vor allem ein politischer Konflikt. Auf welcher Seite stno_tia_mariaeht die peruanische Regierung – verteidigt sie die Souveränität ihrer Bürger oder die Interessen ausländischer Unternehmen? Werden die Stimmen der Bewohner des Tals ernst genommen oder als Terroristen diffamiert? Entscheidet sich die Regierung für die Demokratie und den Dialog oder nimmt sie den Weg des Autoritarismus und der politischen Verfolgung? Jetzt wäre der Moment, Partei zu ergreifen.

Artikel von uns zum Konflikt um Tía María, erschienen im April bei der Infostelle Peru.

Wie David gegen Goliath

1911740_10202008617993238_1323315613_n - copiaDie indigene Bäuerin Máxima Acuña Chaupe aus Cajamarca kämpft seit Jahren gegen die Goldmine Yanacocha. Im Dezember 2014 wurde sie vom Höchstgericht freigesprochen. Die Drangsalierung durch Yanacocha geht weiter. Eine Chronologie der Ereignisse

Máxima Acuña Chaupe wirkt mit ihren 1,50m Körpergröße, dem Mittelscheitel und den langen Zöpfen, wie sie die indigenen Frauen im Andenhochland tragen, auf den ersten Blick eher mädchenhaft. Der Eindruck täuscht. Sie wird ihrem Namen – die Größte – mehr als gerecht. Seit bald vier Jahren kämpft die Bäuerin aus der Region Cajamarca im Norden Perus gegen die peruanische Bergbaufirma Yanacocha, die das Land kaufen will, auf dem Máxima mit ihrer siebenköpfigen Familie lebt. Ein Rechtsstreit, der sinnbildlich für den Schulterschluss von Regierung und Unternehmen steht und die fehlenden Rechte der Zivilbevölkerung.

Symbol für den Widerstand

In den letzten Jahren ist Máxima Acuña Chaupe zum Symbol für den Widerstand gegen die skrupellosen Methoden bei der Goldförderung in Peru durch internationale Unternehmen, Armee und Nationalstaat geworden. Vor vier Jahren begann der Streit um das Land, auf dem Máxima lebt. Denn Máxima sitzt buchstäblich auf einem Berg voll Gold. Das Bergbauunternehmen Yanacocha hatte auf dem Andenhochplateau der peruanischen Region Cajamarca bereits 5400 Hektar Land an der Blauen Lagune rund um das Dorf Sorochuco aufgekauft. Auch die vier Hektar Grundbesitz Acuñas werden für die Erweiterung der 260 Quadratkilometer großen Yanacocha-Mine gebraucht – die größte Goldmine Lateinamerikas und die zweitgrößte weltweit. Aber Máxima Acuña lehnte das Kaufangebot des US-Konzerns Newmont Mining ab. Sie lebt, wie 60 Prozent der Bevölkerung in dieser Gegend, vom Landbau. Kartoffeln, Yuca, Weizen und Hafer wachsen auf dem fruchtbaren Boden, das restliche Land nutzt sie als Weide für das Vieh. „Ich bin in Sorochuco geboren und aufgewachsen“, sagt sie, „ich habe mein Land in der Hoffnung gekauft, mein ganzes Leben dort zu verbringen“. Also blieb sie. Yanacocha ließ sich das nicht gefallen. Bald tauchte Minenpersonal auf, unterstützt von Polizisten in Uniform. Es gab Morddrohungen, Prügel, ihr Vieh verschwand oder wurde getötet. Der Angriff auf die Landwirtschaft der Bäuerin wurde nicht geahndet. Im Gegenteil: Obwohl Máxima – anders als die Minengesellschaft – eine Besitzurkunde über ihr Land in den Händen hält, verklagte Yanacocha sie des Landfriedensbruchs.

Skrupellose Methoden

2011 versuchte Yanacocha, eine Straße durch das Land Máximas zu bauen. foto-blog-lynda-iiMáxima zeigte das Unternehmen an, aber die Staatsanwalt legte die Geschichte direkt ad acta. Im Sommer desselben Jahres verschafften sich Sicherheitsbeamte Yanacochas mit Unterstützung der Polizei gewaltsam Zutritt zu Máximas Hof. Die Beamten schlugen und misshandelten die Familie. Máxima wehrte sich gegen die Enteignung ihres Landes, erstattete Anzeige und ging vor Gericht. Aber das Oberste Gericht in Cajamarca gab am 5. August 2014 der Firma Yanacocha recht. Máxima, ihr Ehemann Jaime, ihre Tochter Ysidora und Schwiegersohn Elías Chavez wurden zu zwei Jahren und acht Monaten Bewährungsstrafe und einer Entschädigung von 5500 Soles (etwa 1500 Euro) an den Minenkonzern verurteilt. Die Anwältin der Familie, Mirtha Vazquez, legte dagegen Berufung ein. Bis heute hält die 44-jährige Máxima trotz aller Drohungen Stellung auf ihrem Stück Land, einer Insel inmitten von Yanacocha-Land. Es ist ein Kampf wie die Gallier gegen die Römer, wie David gegen Goliath.

„Ja zum Wasser – Nein zum Gold“

Das Urteil gegen die Familie Chaupe löste in der peruanischen und lateinamerikanischen Öffentlichkeit große Betroffenheit aus, aber auch viel Sympathie für die Verurteilten. In den sozialen Netzen häufen sich die Solidaritätsbekundungen, es gibt Demonstrationen in der Hauptstadt, offene Briefe an die Regierung und generell viel Rückhalt aus der Bevölkerung. Máxima Chaupe ist zum Symbol des Widerstands gegen die Praktiken der Goldkonzerne in Peru geworden. „Ja zum Wasser! Nein zum Gold“ lautet der Slogan der Protestbewegung, der auch auf dem Alternativgipfel zur Weltklimakonferenz, der jüngst in Lima stattgefunden hat, zu hören war. Máxima bezeichnet sich selbst als Beschützerin des Wassers. „Wasser bedeutet Leben“, sagt sie, „das können wir nicht einfach an ein Unternehmen verkaufen“.

Kein Raum für Kritik

Die Macht der Akteure ist in Peru sehr ungleich verteilt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zeigte Ende 2013 zusammen mit peruanischen Organisationen auf, wie Rohstofffirmen mit meist unter Verschluss gehaltenen Verträgen jederzeit Einsätze der Nationalpolizei gegen die Bevölkerung beantragen können. Die Rohstofffirmen unterstützen die Einsätze finanziell, materiell und logistisch. Staatliche und wirtschaftliche Interessen verbünden sich damit gegen die Interessen der lokalen Bevölkerung. Eine Lösung des Konflikts rückt in weite Ferne.

Gegen Widerstand aus der Zivilbevölkerung geht die Regierung hart vor. Bereits 2004 hatte es wegen der Umweltbelastungen durch den offenen Tagebau heftige Protestdemonstrationen in der Bevölkerung gegeben, woraufhin Newmont – mit Buenaventura und der Weltbank größter Aktionär der Mine – erklärte, dass es vorläufig keine weiteren Erkundungen in der Region geben würde. Im Sommer 2012 rief die Bevölkerung Cajamarcas zu einem Generalstreik auf. Der Präsident Ollanta Humala verhängte daraufhin den Ausnahmezustand über drei Provinzen und ließ die Demonstrationen gewaltsam unterdrücken. Fünf Menschen wurden von der Polizei erschossen, Dutzende verletzt oder willkürlich verhaftet. In den vergangenen drei Jahren wurden bei Demonstrationen bereits 41 Menschen erschossen. Das peruanische Gesetz aber sagt Polizisten, die im Dienst Zivilisten erschießen, Straffreiheit zu.

Die Unternehmen, unterstützt durch die Regierung, diktieren die Spielregeln – und auch, wie über sie berichtet werden. Mitte Februar wurde der Journalistin Martha Meier Miró Quesada von der Tageszeitung „El Comercio“ gekündigt, weil sie in einer Kolumne allzu kritisch über die Machenschaften Yanacochas und seine Übergriffe gegen die Bäuerin berichtet hatte. Der ehemalige Antikorruptionsbeauftragte des Landes, Julio Arbizu, warnte, dass die Zensur und der Rauswurf der Journalistin deutlich zeige, wie die Tageszeitung nach ökonomischen Interessen handele und nicht im Sinne der Pressefreiheit. Marktfreiheit vor Pressefreiheit – Tatsache in einer vom Kapitalismus durchdrungenen Welt.

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Der Fall der Familie Chaupe. Infografik von Grufides und Coordinadora Nacional de Derechos Humanos

Freispruch für Máxima – aber Yanacocha kämpft weiter

Máximas Geschichte geht folgendermaßen weiter. Nach Monaten von Verhandlungen sprach das Höchste Gericht in Cajamarca kurz vor Weihnachten 2014 Máxima Acuña von den Anklagepunkten frei. Die Freude über diese Nachricht währte nicht lang. Am 3. Februar 2015 betraten Sicherheitskräfte der Firma Yanacocha und der peruanischen Spezialeinheit DINOES das Gelände der Familie Acuña und zerstörte einen Anbau. Als Grund nannten sie die ungeklärte Rechtslage. Einige Tage später errichteten Mitarbeiter Yanacochas in Sichtweite der Familie ein Alpaca-Gehege – als Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung – und installierte rundherum eine Reihe von Überwachungskameras. Dass es dem Unternehmen mehr um die Überwachung der Familie geht, liegt auf der Hand.

Massive Umweltbelastungen durch den Goldabbau

Nachhaltige Entwicklung ist nicht gerade eine Spezialität von Yanacocha. Seit 19 Jahren betribt Yanacocha Goldabbau im Tagebau in Cajamarca und steht unter ständiger Kritik seitens Menschenrechts- und Umweltorganisationen. Auch der geplante Bau der Conga-Mine hätte massive Eingriffe in die Umwelt zur Folge: Bergseen würden verschwinden, Wasser verseucht und die Lebensgrundlage von Menschen und Tieren bedroht. Bei der Produktion im Tagebau wird doppelt so viel Land als die eigentliche Größe der Mine vernichtet: Denn das goldhaltige Gestein wird bis zu 660 Meter tief abgetragen – und dann in riesigen Gebirgsflächen aufgeschüttet. Bei der gewaltigen Yanacocha-Mine sind das mehr als 500.000 Tonnen Gestein pro Tag.
Das Gold wird mit einem Zyanid-Wasser-Gemisch gelöst, wofür pro Stunde 250.000 Liter Wasser benötigt werden. Das hat zur Folge, dass es in der Landeshauptstadt Cajamarca nur noch zwölf bis 14 Stunden Leitungswasser pro Tag gibt. Gleichzeitig werden Schwermetalle wie Arsen, Kadmium und Blei freigesetzt. Diese sind auch noch in zehn Kilometern Entfernung nachweisbar. Untersuchungen, die nach 20 Jahren Betrieb der Mine Yanacocha vor kurzem erstmals durchgeführt wurden, ergaben, dass die rund 200.000 Einwohner Cajamarcas über Jahre hinweg verseuchtes Wasser getrunken hatten.

„Wir tun alles, um Umweltbelastungen zu vermeiden“, versichert der Yanacocha-Betreiber, „wir halten uns an die Gesetze“. Die Gesetze werden allerdings immer mehr zu Gunsten der freien Wirtschaft formuliert. Erst im vergangenen Sommer unterschrieb der peruanische Präsident Ollanta Humala ein neues Umweltgesetz, mit dem die Strafen bei Umweltvergehen deutlich reduziert werden. Umweltverträglichkeitsprüfungen sind nun innerhalb von 45 Tagen abzuschließen – eine lächerlich kurze Zeit- und Bergbau und Erdölproduktion auch in Naturschutzgebieten erlaubt.

Neben den massiven direkten Umweltschäden verursachen Goldminen im Tagebau auch einen riesigen Bedarf an Energie. Allein die Yanacocha-Mine hat einen doppelt so hohen Energiebedarf wie die peruanische Stadt Trujillo mit 700.000 Einwohnern.

Ausblick

Angesichts dieses Szenarios wird Máxima weiterkämpfen. „Mein Schweiß steckt in jedem Zentimeter Land“, sagt sie. Das werde sie sich nicht von Yanacocha wegnehmen lassen. „Die Behörden können sagen was sie wollen, ich werde mein Land nicht weggeben“.

Sie beklagt, dass das Unternehmen Yanacocha nie auf sie direkt zugekommen sei, um mit ihr zu sprechen oder zu verhandeln. Vieles erfahre sie erst durch die Medien und vieles davon seien schlichte Unwahrheiten. Unterstützung erfährt sie vor allem aus der Zivilbevölkerung und durch die peruanische Nichtregierungsorganisation Grufides in Cajamarca, bei der auch die Anwältin der Familie, Mirtha Vazquez, arbeitet. „Todos somos Máxima“, heißt es auf dem Blog der NGO. Hoffen wir, dass sich die Hartnäckigkeit der kleinen großen Máxima am Ende auszahlen wird. Es wäre ihr zu wünschen.

Zum vollständigen Artikel hier, erschienen in Lateinamerika Nachrichten März 2015

Doku „Los guardianes y guardianas del agua” (Ausschnitt) Asociación Guarango

Gutes Leben ganz ohne Ausbeutung der Natur

Extraktivismus, Post-Extraktivismus und Rechte der Natur. Dazu habe ich in der ersten Arbeitswoche nach dem Sommerurlaub einen Vortrag bei meinen Kollegen im Büro gehalten. Klingt abstrakt. Was verbirgt sich denn dahinter? Ein interessantes Modell, wie eine Gesellschaft und Volkswirtschaft ganz ohne Ausbeutung der Naturressourcen wunderbar zurecht kommen kann. Weshalb, wozu, wie, wann und wo habe ich mich zunächst auch gefragt und ein paar spannende Bücher dazu gelesen. Ein paar zentrale Gedanken dazu möchte ich gerne mit Euch teilen.

 

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In Perú, aber auch in gesamt Lateinamerika, werden seit der Kolonialisierung Naturressourcen (Gold, Kupfer, Erdöl, Guano, usw.) in großem Stil ausgebeutet (bzw. extrahiert, deshalb spricht man von Extraktivismus) und exportiert, vor allem nach Europa. Das war und ist die Grundlage für die europäische industrielle Entwicklung und ihren Wohlstand. Die lateinamerikanischen Länder sollten keine andere geopolitische Rolle spielen in der Weltordnung. Es diente ja der westlichen Entwicklung. Die von außen aufgedrückte und etablierte Abhängigkeit der lateinamerikanischen Länder vom Export und von diesem (Entwicklungs-)Modell hält bis heute noch an. Die Folgen sind neben der einseitigen ökonomischen Entwicklung Umweltbelastung, Landzerstörung und -vertreibung, uvm.

Weitere Infos hierzu sind dieser Artikel über die offenen Adern der Natur und dieses Video der Heinrich-Böll-Stiftung.

Wie kann sich ein Land wie Perú aus dieser strukturellen Abhängigkeit befreien, wie seine Menschen selbstbestimmter über ihren Entwicklungsweg entscheiden und dabei mehr in Einklang mit der Natur leben? Hinter dem Namen Post-Extraktivismus verstecken sich verschiedene reformerische Ideen und Konzepte, wie genau dies erreicht werden kann. Theoretiker wie Eduardo Gudynas und Alberto Acosta haben dazu einiges gedacht und geschrieben. In Ecuador und Bolivien ist diese Debatte, wie auch um Buen Vivir, weit fortgeschritten. Aber auch in Perú – so zum Beispiel beim RedGE (peruanisches Netzwerk für globale Gerechtigkeit) oder beim Red Muqui – wird dazu geforscht und mobilisiert. Und nicht nur aus Entwicklungsperspektive der lateinamerikanischen Länder, sondern auch vor dem Hintergrund der weltweiten Ernährungskrise, des menschgemachten Klimawandels und der vielzähligen Konflikte um Zugang zu Wasser und Land stellen den Extraktivismus und den Neoliberalismus in heftige Kritik.

Post-Extraktivismus bezeichnet eine Abkehr vom westlichen Entwicklungspfad, der ständiges Wachstum zum Ziel hat, auch über natürlich gegebene Grenzen hinaus. Post-Extraktivismus ist inspiriert von indigenen Weltanschauungen (Buen Vivir) und von Konzepten wie Post-Wachstum, De-Growth und Verzicht. Er fordert weniger Export, weniger Abhängigkeit vom Weltmarkt und weniger materiellen Konsum, da dieser ein treibender Faktor für Naturzerstörung ist. Kurz: Weniger ist Mehr. In Deutschland beschäftigt sich mit diesen Konzepten z.B. ein Oldenburger Professor [Nico Paech]. Seine These: „Grünes Wachstum“ gibt es nicht.

Post-Extraktivismus ist nicht nur bloßes Gerede oder Träumerei. Im Gegenteil. In Ecuador und Bolivien sind zum Beispiel die Rechte der Natur bzw. die Pacha Mama („Mutter Erde“ auf Quechua) gesetzlich verankert und Buen Vivir in der Verfassung festgeschrieben. Die konkrete Umsetzung dieser Konzepte steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Die Zeit wird zeigen, inwiefern sich im dominierenden neoliberalen Weltwirtschaftssystem alternative Ideen wirklich entfalten können.

Übrigens werden wir in diesem Jahr mit dem Red Muqui eine Konferenz über Extraktivismus und Landkonflikte organisieren und eine Kampagne zu alternativen Lebensstilen starten. Mehr Infos dazu später…