Recherchereise in den Regenwald

P1060040„Hier ist sie, die Mutter“, sagt Grimaldo und zeigt auf eine kleine grüne Raupe, die regungslos am Stamm eines Erdnuss-Strauchs klebt. Jede Pflanze besitzt eine Mutter, eine Art guten Geist, sagt der Kleinbauer, der in der indigenen Gemeinde El Naranjal in der Nähe von Lamas lebt. Lamas ist eine Kleinstadt von 20.000 Einwohnern und liegt auf einem Hügel von 300 bis 900 Höhenmetern in der Nähe von Tarapoto im Amazonasgebiet von Peru. Das Klima ist tropisch, man kann die weiten Tiefebenen des Regenwaldes schon erahnen, wo sich die breiten Flüsse des Amazonas, Ucayali und Marañon wie Lebensadern durch das dichte Grün schlängeln.

P1060228Die Infostelle Peru und der Nachrichtendienst Comunicaciones Aliadas haben mit der Finanzierung des BMZ zwei Recherchereisen in den peruanischen Regenwald organisiert, um die Berichterstattung über das Amazonasgebiet zu stärken. 16 junge Journalisten aus Lima sollen aus erster Hand erfahren, was die Anliegen und Probleme der indigenen Bevölkerung im Amazonasgebiet sind und zu Umweltthemen recherchieren, die in den Medien der Hauptstadt nur wenig oder keine Beachtung finden. Mitte September reiste die erste Gruppe von 8 Journalismus-Studierenden nach Nauta in die Provinz Loreto, zwei Wochen machte sich die zweite Gruppe auf den Weg nach Lamas (Provinz San Martín). Barbara Fraser, US-amerikanische Umweltjournalistin und Nieves Vargas von Comunicaciones Aliadas haben sie begleitet. Im Auftrag der Infostelle Peru konnte ich bei der zweiten Reise ebenfalls dabei sein.

P1060221„Wir bitten die Natur um Erlaubnis, bevor wir säen, ernten oder jagen gehen“, sagt Grimaldo jetzt. „Man kann nicht einfach losmarschieren in den Wald, das bringt das ganze Gefüge durcheinander“. Die Weltanschauung der Bewohner des Amazonasgebiet beruht auf einer starken Verbindung zur Natur. „Der Wald atmet, in den Stämmen der Bäume sitzen Geister und in den Tieren die Seelen Verstorbener“, beschreibt Grimaldo. Das Wohlergehen hängt von der Kontrolle dieser zahllosen übernatürlichen Kräfte ab. Mit Riten und Zeremonien bewahren sie die universale Harmonie, magische Mittel spielen eine wichtige Rolle. „Für uns ist der Regenwald ein lebendiges Wesen“, sagt Grimaldo.

Die jungen JournalistInnen schreiben fleißig mit. Zu Beginn der Reise haben sie sich drei Themen zugeordnet, zu denen sie während der knappen Wochen in Lamas recherchieren wollen: den Konflikt um Land, wo sich Naturschutzgebiete in traditionell angestammten Gebieten indigener Gemeinden befinden; die biologische Vielfalt angesichts vermehrter Monokulturen in der Landwirtschaft; und die Umweltbelastungen durch die Schweinefarm „Don Pollo“. P1060215P1060049

    Jeden Morgen ziehen die Nachwuchsjournalisten in drei Gruppen los, ausgerüstet mit Notizblock, Stift, Aufnahmegerät und Kamera. Sie besuchen indigene Gemeinden wie El Naranjal oder Mishquillakillu, sprechen mit Dorfältesten und Anthropologen, interviewen Lokalpolitiker und Vertreter von NGOs wie CEPKA (Ethnischer Beitrat für Quechua-sprachige Dörfer im Amazonasgebiet). Sie streifen über die Felder und fragen nach traditionellen Anbaumethoden, sie probieren frischen Zuckerrohr und Suris, dicke Maden, die aus morschen Stämmen geklaubt und gebraten verspeist werden, sie gelten als wichtiger Proteinlieferant. P1060006„Es kommt mir so vor, als ob ich hier eine Tür zu einer Welt öffne, von der ich bisher überhaupt nichts wusste“, bemerkt Emily einmal, eine der jungen Journalistinnen. Ihre Gesprächspartner – Frauen mit Kindern, junge Männer, Greisinnen – berichten von der richtigen Nutzung von Heilpflanzen, von der BlogP1060001Beschwörung der Geister und Götter des Waldes, sie erzählen davon, wie Ältere die Jüngeren mitnehmen auf die Jagd und sie lehren, wie man sich im Wald bewegt. Immer wieder erwähnen sie die Arbeit in Gemeinschaft, Choba Choba genannt, wie sie seit langer Zeit um Lamas und Awajún in der der Region San Martín ausgeübt wird.

Die Bewohner der Gemeinden begegnen ihnen offen, es kommen nicht oft Journalisten in diese Region. Das verwundert, denn die Abholzung und Verbreitung von Palmölplantagen und Minen im Regenwald haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Tausende Hektar Wald sind in den vergangenen Jahren im peruanischen Regenwald gerodet worden. Laut Pedro Tipulo vom Amazonischen Netzwerk für Umweltinformationen (RAIS) verschwand allein zwischen 2000 und 2010 eine Fläche von 240.000 km², das entspricht etwa der Fläche von Österreich, der Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg.

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Abends sitzt Emily mit den anderen jungen Leuten im Gemeinschaftshaus der NGO Waman Wasi zusammen, hier ist die Gruppe untergebracht. Sie diskutieren über das Leben im Einklang mit der Natur, über die Politik in Lima, soziale Bewegungen und Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem, das vor allem auf Raubbau an der Natur beruht. Draußen dröhnen die Insekten so laut wie startende Flugzeuge, es summt und raschelt, die Nacht ist lau.

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Die Waman Wasi (Quechua für „Haus des Falken“) arbeitet seit 12 Jahren mit indigenen Quechua-sprachigen Gemeinden um Lamas im Bergregenwald zusammen. Sie fördert Initiativen für kulturelle Vielfalt, Biodiversität, kleinbäuerliche Landwirtschaft, indigene Rechte und die intergenerationale Weitergabe von traditionellem Wissen in Quechua-sprachigen Gemeinden.

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Die Nachwuchsjournalisten werden ihre Reportagen und Hintergrundberichte in den kommenden Wochen über den Nachrichtendienst von Comunicaciones Aliadas veröffentlichen. Weitere Texte werden voraussichtlich in den Tages-und Wochenzeitungen der Hauptstadt sowie in Online-Nachrichtendiensten erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass das Amazonasgebiet in Peru künftig respektvoller behandelt wird, als es derzeit der Fall ist. Die Geister und Götter des Waldes werden sich sonst irgendwann rächen.

Zum Artikel, der bei der Infostelle Peru veröffentlicht wurde

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