Furchtbare Familienpolitik

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Opfer der Zwangssterilisierungen aus den 1990er Jahren fordern Anerkennung und Entschädigung

Heute, am 10. April, sind die Präsidentschaftswahlen in Peru. Eine der aussichtsreichsten, aber auch umstrittensten Kandidatinnen ist Keiko Fujimori. Sie ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori, in dessen Amtszeit bis zu 300.000 peruanische, indigene Frauen und etwa 20.000 Männer zwangssterilisiert wurden. Bis heute sind die Verbrechen nicht aufgearbeitet.

Die Zwangssterilisierungen fanden in den Jahren 1995 bis 1998 statt.  Eingebettet waren diese in das Programm: Reproduktion – Gesundheit und Familienplanung zur Bekämpfung der Armut! Der Internationale Währungsfond, die Weltbank und die offizielle US-AID finanzierten diesen Genozid, offiziell im Rahmen eines Programms zur freiwilligen Sterilisierung. Betroffen waren insbesondere Frauen zwischen 20 und 30 Jahre, die bereits zwei bis vier Kinder hatten. Später wurde deutlich, dass das Sterilisierungsprogramm vor allem in Regionen von bewaffneten Konflikten mit dem Leuchtenden Pfad stattfanden sowie in Regionen, wo große Unternehmen die Ausbeutung von Erdöl-Erdgas und wertvollen Hölzern vorantreiben wollten.

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Aushang des Ministeriums für Justiz & Menschenrechte zur Registrierung der Opfer von Zwangssterilisationen, Quelle: Minjus.gob.pe

Die vor zwei Jahren verstorbene peruanische Rechtsanwältin Giulia Tamayo hatte die Dokumentation dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit maßgeblich vorangetrieben . Tamayo, die vom peruanischen Geheimdienst Morddrohungen erhielt und schließlich nach Spanien ins Exil ging, veröffentlichte 1998 ihren Bericht „Nada personal“ (Nichts Persönliches), in dem sie die massiven Sterilisierungen in Peru enthüllte und anprangerte. Die Eingriffe fanden in staatlichen Gesundheitszentren oder Krankenhäusern statt, unter Zwang oder durch betrügerische Beratungen, so bei Schwangerschaftsuntersuchungen oder durch falsche Diagnosen wie Gebärmutterkrebs. Pro Sterilisierung gab es eine Belohnung zwischen vier und zehn US Dollar für das Gesundheitspersonal. Um die Kosten niedrig zu halten, wurden Narkosemittel aus der Tiermedizin eingesetzt, die in den USA bereits ausgesondert waren. Oftmals übernahmen Krankenschwestern oder Studierende der Medizin die Eingriffe.

Der Verband von Zwangssterilisierungen betroffen Frauen (Asociación de Mujeres Afectadas por las Esterilzaciones Forzadas – CAMET ) strebt als Vertretung von 2.074 Opfern seit Jahren eine Klage gegen Ex-Präsident Fujimori und seine damaligen Gesundheitsminister an. Sie werfen ihm Genozid vor. Der zuständige Staatsanwalt Marco Guzman Baca hat dies wegen „fehlender Beweise“ auch 2015 wieder abgelehnt. Die UN-Kommission gegen Frauendiskriminierung (UN Commitee on the Elimination of Discrimiation against Women (CEDAW) hat die vorgelegten Beweise von Zwangssterilisierten hingegen anerkannt. Sie bezeichnete die Eingriffe als „schwere Verletzung der reproduktiven Rechte von Frauen“ und verurteilte sie als „Methode der medizinischen Kontrolle der Fruchtbarkeit der Frau ohne ihre Zustimmung sowie als Körperverletzung, Folter und Misshandlungen“.

Im November 2015, möglicherweise forciert von Kampagnen wie der von Amnesty International, erließ Präsident Humala endlich ein Dekret zur Registrierung der betroffenen Frauen. Diese Registrierung ist allerdings nur ein erster Schritt, damit die betroffenen Frauen entschädigt und die Schuldigen bestraft werden.

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Hilaria Supa Huamán

Keiko Fujimori nun, die Tochter des damaligen Präsidenten, betreibt die Familienpolitik von damals weiter.  Zwar erklärte sie im Oktober 2015 auf einer Konferenz in der US-Elite-Universität Harvard:„Ich verurteile die Ärzte und fühle mit all jenen Frauen, die einer Zwangssterilisierung unterzogen wurden.“ Zurück in Peru aber sprach sie von lediglich 30 betroffenen Frauen – ein Hohn für Tausende von Frauen, schimpfte die indigene Kongressabgeordnete und Menschenrechtsaktivistin Hilaria Supa Huamán. „Das, was sie den Frauen angetan haben lässt sich nicht wieder gut machen“, sagt Huamán. „Aber wir wollen nicht, dass diese Verbrechen unbestraft bleiben, wir wollen, dass die Frauen vom Staat angemessen gesundheitlich versorgt werden. Doch was wird aus unserem Kampf, wenn Keiko Präsidentin werden sollte? Die Fujimoristen sind stark. Es sind dieselben, die damals gesagt haben: wir bekämpfen die Armut, wir bringen Entwicklung. Für diese Frauen haben sie das Gegenteil gebracht.“

Heute also sind die Wahlen. Noch am Dienstag (5. April) haben 50.000 Menschen gegen eine mögliche Regierung Keiko Fujimoris protestiert. Dennoch führt Fujimori die Wahlumfragen an. Man darf gespannt sein, wie das Ergebnis aussehen wird.

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Titelseite der Tageszeitung La Republica vom 6. April 2016

 

In diesem Interview der Informationsstelle Lateinamerika erklären Raquel Reyonoso und Jesenia Casani von der peruanischen Kampagne „Wir sind 2074 und viele mehr“, was jetzt geschehen muss.

Hier ein Beitrag vom Deutschlandfunk zum Thema, außerdem von der Infostelle Peru, „Zwangssterilisierungen an peruanischen Frauen müssen aufgearbeitet werden“

Más informaciones sobre la campaña „Contra su voluntad“ de Amnestia Internacional 

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