Von Nebel, Wind und grünen Hügeln

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Während in Deutschland gerade die Sonne (meistens) scheint und der Sommer noch einige Wochen lang die Menschen beglücken wird  mit langen und lauen Abenden, duftenden Wiesen, Freibadbesuchen, haben wir hier auf der Südhalbkugel Winter. Wir merken das daran, dass wir morgens aus unserer Wohnung im 14. Stock in dichten Nebel gucken. Wir ziehen uns Wollsocken an und Jacken über. Am späten Nachmittag pfeift ein frischer Wind um die Häuser. Nur die Sonne geht immer zur gleichen Zeit auf und unter, daran ändert sich – so nah am Äquator – nichts.

Jetzt, wenn der Nebel über der Stadt wabert, erwachen einige der sonst so staubtrockenen Hügel in Lima zum Leben. Hinter dem bevölkerungsreichen Stadtteil Villa María del Triunfo zum Beispiel liegen die Lomas Verdes de Villa María. 1700 Hektar ist das Gebiet groß, das sich in den Wintermonaten August bis Oktober in eine leuchtend grüne Landschaft verwandelt. Dann setzen sich die Nebelschwaden (das Kondenswasser des Meeres) über den Hügeln ab und schaffen ein natürliches Bewässerungssystem. Nur wenige Kilometer vom staubigen und mit Verkehr vollgestopften Villa María entfernt herrscht hier auf einmal paradiesische Ruhe, die Füße betreten einen weichen grünen Teppich, gesprenkelt mit gelben und orangefarbenen Blumentupfern, darüber flattern Schmetterlinge. Nicht von ungefähr haben die Menschen den Hügeln hier den Namen Lomas del Paraíso gegeben, Paradies-Hügel.

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Paradiesisch ist es hier ansonsten eher weniger. Villa María und die umliegenden Hügel gelten als Rand- und Armutsbezirke. Die Straßen sind unbefestigt, die Hütten aus Pappe, Wellblech und unverputzten Ziegeln gebaut. Aufgerissene Müllsäcke stapeln sich am Straßenrand, ein paar struppige Hunde schnüffeln nach Essbarem.

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Unterwegs mit Alois Kennerknecht, einem kauzigen Agraringenieur aus dem Allgäu, der seit bald 30 Jahren in Peru lebt. Er hat Ministerien und Hilfsorganisationen bei landwirtschaftlichen Projekten in Äthiopien, Madagaskar, Haiti und Paraguay beraten. Mit dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) hat er Ende der 80er Jahre bei der Rehabilitierung von Terrassen und Kanälen der präinkanischen Bewässerungsanlagen mitgeholfen und Lösungen für Müll- und Abwasserprobleme gesucht, als in den 1990er Jahren in Peru die Cholera ausbrach.

„Das sind keine Armenviertel“, findet Kennerknecht. „Schauen Sie doch mal hin: die Leute sind sauber gekleidet, die haben alle Arbeit.“ Tatsächlich sieht man nicht nur Hütten, sondern auch feste Häuser mit Strom, Gas und fließendem Wasser, Kühlschrank und Fernseher. Es gibt kleine Geschäfte, eine Privatschule und eine Kita, eine Gesundheitsstation. Kennerknecht misstraut mitleidigen Spendern und beamteten Armutsbekämpfern. „Wer den Leuten Geld gibt, macht sie unmündig und passiv“, schimpft er. „Oft verfallen Projekte, weil man auf die nächste Überweisung wartet.“

P1060589In den Hügeln von Villa María nennen sie den 73-jährigen Deutschen nur „den Irren“. Denn Kennerknecht will, dass die Menschen selbst aktiv werden. Armut zu bekämpfen bedeutet für ihn, den Menschen Rechte statt Geld zu geben. Das ist nicht einfach in einer Kultur, wo sich Arme und Reiche darin eingerichtet haben, Almosen zu geben oder zu empfangen und wo Spekulanten damit die Umwelt ruinieren. Seine Touren durch die Vororte stehen inzwischen in drei Reiseführern, sagt er.  Als „Touren durch die Armenviertel“, was Kennerknecht aufregt. Ihn regt ziemlich viel auf.

„Die Politiker versorgen die Leute mit Wohnungen, dafür bekommen sie deren Stimmen“, sagt Kennerknecht. „Vor allem aber profitieren die Spekulanten. Die Besetzer sind oft gar keine Landlosen, sondern übergeben ihr Grundstück an die Bodenspekualten, die traficantes, die es mit hohem Gewinn verkaufen.“ Laut Richard Aguilar, Präsident des örtlichen Comité Ecológico de Defensa de las Lomas Villa María, schüchtern Schlägertrupps die Bürgermeister der Orte ein. „Da regt sich kein Widerstand mehr.“

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Anwohnerin der Hügel von Villa Maria, die die Ausweitung der illegalen Besiedlungen kritisch sieht

Wir fahren hinauf zu Marta, die einen kleinen Comedor (Restaurant) oben auf den Hügeln betreibt und auf dem sandigen Boden Kartoffeln und Salat zieht. Neben ihrem Häuschen steht ein Gerüst, drei Meter hoch und acht Meter lang:  ein Nebelfänger, eine Konstruktion aus Stahlrohr, Netz und einer Membran, um Feuchtigkeit aus der Luft und den Winternebeln zu filtern. Vor einigen Jahren hat die kleine deutsche Organisation Alimón sie bauen lassen, um die verdorrten Hügel wieder ergrünen zu lassen. An sich eine gute Idee: die Nebelfänger übernahmen, was bis vor 100 Jahren die Bäume getan hatten. Zusammen mit den Anwohnern hob man Wasserreservoirs aus, legte Leitungen. „Die Nebelfänger haben 15.000 Liter täglich produziert“, sagt Kennerknecht, „Das hat gut funktioniert.“

lomas1Aber bald waren die Nebelfänger unbrauchbar. Die Anwohner hielten sie nicht in Stand, die Leitungen zerfielen. Vor allem aber störten die Wasserspender die heimlichen Herrscher der Gegend, die Bodenspekulanten. Grüne Hügel, die zu einem Naturschutzgebiet werden könnten, sind ein Hindernis für illegale Siedlungen. Plötzlich vergaßen Bürgermeister ihre Versprechen, Behörden mussten prüfen, Gesetze verzögerten sich. Den deutschen Initiatoren wurde gar am Flughafen die Einreise verwehrt.

Blick ins Tal. Bis zum Horizont haben sich die illegalen Siedlungen von Hügel zu Hügel gefressen. Richard Aguilar deutet nach rechts: „Diese Häuser waren bei unserem letzten Besuch noch nicht da.“ Er erklärt, wie die Landnahme vor sich geht: Menschen besetzen ein Stück Land und bauen provisorische Holzhütten – die Bausätze dafür werden an der Straße verkauft. Wenn die Polizei die Invasion nicht sofort beendet, werden die Besetzer zu Besitzern mit Anspruch auf das Land. Nach fünf Jahren haben sie ein Recht auf Wasser- und Stromleitungen. Alles ist perfekt legal, deshalb hat der Wasserversorger Sedapal drei riesige Wassertanks in das Tal von Bellavista gebaut.

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Die Stadtverwaltung von Lima hat 2013 bei der staatlichen Naturschutzbehörde SERNANP beantragt, das 1700 Hektar große Gebiet in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln.  Der Antrag liegt aber seitdem auf der Halde. Wenn Lima weiterhin so rasant wächst und die Hügel hinter Villa Maria immer weiter besiedelt werden, wird sich das Thema irgendwann von selbst erledigt haben.

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