Vor einiger Zeit waren wir an der Küste rund 300 Kilometer südlich von Lima unterwegs, in Huacachina und Paracas. Der eine Ort ist eine von weiten Wüsten umgebene Oase bei Ica, ein Spielplatz für große und kleine Menschen. Der andere Ort ist eine von Wind und Wasser umtoste Halbinsel. Manchmal peitscht der Küstenwind den Sand wild durch die Lüfte. Paracas bedeutet Sandregen auf Quechua.
Die Paracas-Halbinsel und die Islas Ballestas bilden das Nationalreservat Paracas. Es ist eines der größten Meeresnaturschutzgebiete in Südamerika. Hier leben Abertausende von Robben, Seelöwen, Blaufußtölpeln, Kormoranen, Pelikanen, Humboldt-Pinguinen und anderen Seevögeln. In Reiseführern wird das Naturschutzgebiet manchmal Galapagos des kleinen Mannes genannt, weil man auf deutlich günstigerem Wege eine spektakuläre Vielfalt von Tieren beobachten kann, als wenn man die weite Reise zur Inselgruppe Galapogos vor der ecuatorianischen Küste macht.
Die Halbinsel Paracas ist eine karge Schönheit, es gibt kaum Vegetation, aber Farben zwischen Ockergelb und Tiefblau, die wie gemalt wirken. Auf einer der Dünen der Halbinsel gibt es eine große Felszeichnung, Candelabro (Kerzenleuchter) genannt, 200 Meter lang und rund 30 Zentimeter tief in den vom Salz gehärteten Wüstensand gebacken. Sie ähnelt den Nazca-Linien – mysthische Linien und Figuren, die nur aus der Luft zu erkennen sind und zum UNESCO-Welterbe zählen. Man ist sich bis heute nicht einig über den Ursprung und Sinn der Felszeichnung. Wahrscheinlich diente er Seefahrern als Orientierungszeichen zur Navigation.
Auf den Islas Ballestas wurde jahrzehntelang im großen Stil Guano abgebaut. Guano entsteht aus den Exkrementen von Seevögeln wie Pinguinen oder Kormoranen durch Einwirkung auf Kalkstein. Durch die biochemische Zersetzung entsteht in trockenen, heißen Zonen Salpeter, ein bestimmtes Nitrat. Salpeter wurde im 19. Jahrhundert im großen Stil als Düngemittelzusatz für die Landwirtschaft verwendet und als Beimittel der Sprengstoffherstellung. Kurz: Guano ist ein sehr kostbarer Vogelschiet, der sich zu Gold bzw. Geld verwandeln ließ.
Schon zu Beginn der Nazca-Kultur (3. bis 5. Jh. v. Chr.) wurde an der Westküste Südamerikas Vogelmist als natürlicher Dünger verwendet. Die Inka waren beim Guanoabbau Mitte des 15. Jahrhunderts auf eine langfristige Nutzung und eine ständige Erneuerung des wertvollen Dungs bedacht. Zur Brutzeit der Vögel war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, die streng bewachten Vogelinseln zu betreten oder gar einen Vogel zu töten. Um den Gott des Guanos Huamancantac milde zu stimmen, hinterlegten die Inkas vor jedem Abbau des Guanos Opfergaben auf den Inseln.
Der Export von Guano wurde im 19. Jahrhundert zur Haupteinnahmequelle Perus. Alexander von Humboldt hatte den Vogelmist Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt. Seit 1840 boomte der Exporthandel des begehrten Stickstoff- und Phosphatdüngers. Hauptabnehmer war England, gefolgt von Frankreich, Deutschland und Belgien. So wie das Land heute auf den Mega-Bergbau setzt, boomte das Land damals mit dem Verkauf des natürlichen Super-Düngers. „Weißes Gold“ nannte man das Guano und baute es in rücksichtsloser Weise ab: bereits 1861 wurden 376.667 Tonnen peruanischer Guano in einem Wert von knapp 17 Millionen US Dollar verladen. Ohne Rücksicht auf die Natur belästigte man die Guano-produzierenden Kormorane auch während der Brutzeit und steigerte den Abbauertrag in rasantem Maße. Im Jahr 1870 wurden bereits 520.000 Tonnen Guano allein nach Deutschland exportiert.
Der Abbau von Guano bescherte Peru gewaltige Einnahmen, aber auch mehrere Handelskonflikte und einen Krieg (Salpeter- oder auch Pazifischer Krieg genannt, 1879 – 1883), in dem sich die Nachbarländer Chile, Peru und Bolivien über Nitratfelder und Landesgrenzen stritten und in Folge dessen Peru den südlichen Teil seiner Landesfläche und Bolivien seinen Zugang zum Meer verlor. 20.000 Menschen starben in diesem Konflikt.
Durch die rücksichtslose Ausbeutung der sogenannten Guano-Inseln waren die natürlichen Vorräte bald völlig erschöpft, die Zahl der Vögel war Anfang des 20. Jahrhunderts von 10 Millionen auf weniger als 1 Million gesunken. Heute stehen die Inseln unter strengem Schutz. Nur alle sieben Jahre dürfen 300 Mitarbeiter eines staatlichen Unternehmens für drei Monate auf den Inseln Guano abbauen. Ein paar einsame Nationalpark-Ranger wohnen auf den Inseln, ansonsten haben die Meeresvögel wieder ihre Ruhe. Salpeter wird heute fast ausschließlich synthetisch hergestellt.
Conga No Va! Agua Si – Oro No! Yo cuido mis tierras – y tú? In der Region Cajamarca ist der Bergbau ein sehr konfliktbeladenes Thema. In Celendín haben Jugendliche begonnen, Konflikt und Kunst zusammenzubringen. In der Stadt gibt es unglaublich viele Murales an den Hauswänden. Die Bilder haben sich zum beliebten und friedlichen Protest gegen die geplante Erweiterung der Mega-Mine Yanacocha (Conga-Projekt) entwickelt. Jorge vom bergbaukritischen Forum Plataforma Institucional Celendína (PIC) führte uns einen Nachmittag lang durch die Straßen der Stadt. Hier ein paar Eindrücke aus einer Stadt, die mehr auf Lager hat als große Hüte und leckere Kartoffeln. Más informaciones en español aqui.
Kunst und Wirklichkeit. Das Foto hat Milton Sanchez (PIC) 2012 aufgenommen
Und zu guter Letzt doch noch ein paar große Hüte 🙂
Eine andere Welt ist möglich, sagt Eduardo Gudynas, Vordenker des Postwachstum. Er hat ein Buch geschrieben „Die Rechte der Natur“, das liest sich wunderbar. Er rüttelt darin am derzeit verbreiteten Wachstums-Gedanken und fordert eine Abkehr vom Raubbau an der Natur. Lateinamerika brauche mehr regionale Wirtschaftskreisläufe und müsse seine Rolle als reiner Rohstoff-Exporteur ablegen. Nachhaltige Alternativen könnten gemeindebasiserter Tourismus, ökologische Landwirtschaft oder verarbeitende Gewerbe sein – je nach Region. Da in Peru jedoch seit der Kolonialisierung alle Strukturen auf dem Abbau und Export von Rohstoffen aufgebaut sind (siehe Eduardo Galeanos fantastisches Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“), ist das kein leichtes Unterfangen. Zwar wurde 2002 ein Ministerium für Produktion gegründet, das sich der Diversifizierung der Wirtschaftbereiche im Land verschrieben hat. Aber das Ministerium ist ähnlich machtlos wie das Umweltministerium, das nur Marionette ist des Bergbauministeriums. Entsprechend ratlos stehen also die Akteure da. Eine konkrete Antwort hat auch Gudynas nicht. Er ist Utopist, Visionär – er malt die Sonne an den Himmel, aber für alle anderen ist der Himmel weit entfernt.
Neulich haben wir Gudynas kennengelernt, als er mit uns in eine Comunidad mit dem so passenden wie unpassenden Namen „El Progreso“ (Fortschritt) gefahren ist, etwa zwei Stunden von Celendín entfernt. Er erzählte den Dorfbewohnern, warum Extraktivismus – massiver Raubbau an der Natur und der Export dieser Rohstoffe – problematisch ist. Den zweiten konkreten Teil, nämlich welche Alternativen es zu dieser Rohstoffausbeutung gibt, überließ er Mattes. Der schaute sich das Dorf mit den Bewohnern per Satellitenbild an und überlegte mit ihnen, wie sie die Zukunft des Dorfes sehen. Gudynas reiste zurück nach Cajamarca, er hatte noch wichtige Termine. Ein kurzer Auftritt eines großen Theoretikers. Wie das den Dorfbewohnern weiterhilft, ist fraglich. Immerhin sind sie bisher geschlossen davon überzeugt, dass der Bergbau in dieser Region nur Nachteile bringen würde.
Meine Kollegin Hildegard Willer, ebenfalls freie Journalistin, hat Gudynas vor einem Jahr für die taz zum Thema interviewt. Gudynas sagt in diesem Gespräch, dass Peru bei Weitem die wenigste Offenheit für die Debatte um das „Gute Leben“ (Buen Vivir) habe. Der öffentliche Diskurs im Land sei sehr einseitig von einer engen ökonomischen Sicht geprägt, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt habe. Hinzu komme, dass die großen Medien in Peru sehr konservativ und autoritär seien. In Bolivien und Ecuador habe die Debatte viel mehr Kraft, dort werde der Entwicklungsbegriff auch als kultureller Begriff diskutiert.
In Peru gibt es eine Tür zu einem Zimmer, die ist fest verschlossen. Die Menschen im Land wissen, dass es das Zimmer gibt, sie kennen die Geister, die darin herumspuken und die Geschichten, die sich darin abgespielt haben. In diesem Zimmer hat der peruanische Bürgerkrieg stattgefunden. Die 20 Jahre zwischen 1980 und 2000, als die maoistische Guerillagruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) gegen das Militär kämpfte, Unschuldige folterte und verschwinden ließ und über 70.000 Menschen starben, vor allem Angehörige der Quechua-sprachigen Landbevölkerung.
Peru trägt eine offene Wunde mit sich herum, die noch lange nicht verheilt ist. Seine Bewohner eilen geschäftig hin und her, sie haben zu tun, sie kurbeln die Wirtschaft an, indem sie die Berge und die Erde durchwühlen auf der Suche nach Gold und Silber und Erdöl, sie exportieren und „entwickeln sich“, man spricht von Peru jetzt als Schwellenland, die Menschen bauen hohe Häuser und drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern der gläsernen Konsumpaläste. Opfer und Täter wollen vergessen und die blutigen Jahre hinter sich lassen.
Aber die Wunde eitert. Die Geister im Zimmer spuken.
Im Film “Magallanes” (Regisseur Salvador del Solar), der gerade im Kino läuft, setzt sich die Vergangenheit eines Tages einfach ins Taxi.
Es ist die Geschichte eines gealterten Taxifahrers (Damián Alcázar), Magallanes sein Name. Er war Gehilfe eines gefürchteten Militäroffiziers auf Regierungsseite in den blutigsten Tagen des bewaffneten Konflikts in Peru. Heute bessert er sein mageres Taxigehalt mit täglichen Ausflügen für einen senilen Herrn auf. Dieser Greis ist der einst gefürchtete Colonel. Er hielt damals ein indigenes Mädchen, die 13-jährige Celina, als Sexsklavin in seinem Zimmer, über ein Jahr lang.
Als eben jene Celina (Magaly Solier, bekannt aus dem Film „La Teta Asustada“, der 2010 für den Oscar nominiert war) eines Tages in das Taxi von Magallanes steigt, wirft es diesen schlagartig zurück in die Zeit des Bürgerkriegs, als er die rechte Hand des Colonels war, aber auch Celina liebte. Damals verhalf er Celina zur Flucht. Heute lebt die scheue Frau mit ihrem behinderten Sohn in einem Armenviertel in Lima und führt einen Friseursalon, der nichts einbringt. Magallanes will das Geschehene wieder gut machen. Mittels eines Fotos, das den Colonol mit dem Mädchen zeigt, will er den wohlhabenden Sohn des Colonels erpressen und das Geld Celina geben. In der Geschichte brechen Wunden auf, werden Türen aufgerissen, die verschlossen bleiben sollten. Es ist markerschütternd, als Celina am Ende des Films auf der Polizeistation vom Spanischen ins Quechua wechselt. In ihrer Muttersprache schleudert sie all ihre Wut hinaus über das, was man ihr angetan hat, die Trauer über ihre Eltern, die sie nie wiedergesehen hat, das Trauma, das bleibt. Es gibt keine Untertitel für diese Szene. Die Wörter ergießen sich in einem Schwall über den Zuschauer. Sie gehen ins Mark, auch wenn man sie nicht versteht. Weil man sie nicht versteht. Weil man nur ahnen kann, wie sich diese über Jahrhunderte manifestierte Ungerechtigkeit, Herablassung, Gewalt gegenüber den Pueblos Indigenas von den Betroffenen anfühlt. Was wissen denn die Mittelschichts-Limenos über ihre Mitmenschen aus dem Hochland? Sie sprechen ihre Sprache nicht, sie verstehen ihre Weltanschauung nicht, ihren Bezug zu Pacha Mama (Mutter Erde) und Mama Llacu (Mutter Wasser). Es prallen zwei Welten aufeinander in dieser Szene. Am Ende gehen sie getrennter Wege.
Die Kommunistische Partei Perus – auf dem Leuchtenden Pfad José Carlos Mariáteguis (bekannter unter dem Namen Leuchtender Pfad – Sendero Luminoso) war Ende der 1960er aus einer Studentenbewegung an der Universität San Cristóbal de Huamanga in Ayacucho entstanden. Sein Gründer und Anführer, der Philosophieprofessor Abimael Guzmán, hatte Ende der 1960er Jahre das China der Kulturrevolution bereist und begann unter diesem Vorbild, Anhänger unter den Studenten zu sammeln. Sein politisches Ziel war der völlige Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung, eine Kulturrevolution nach maoistischem Vorbild. Ayacucho war damals eine der ärmsten Provinzen Perus. Bei der überwiegend indigenen Bevölkerung weckte Guzmán anfangs Hoffnungen auf eine Besserung der Lebensverhältnisse. Im Jahr 1980 rief der Sendero Luminoso zum Wahlboykott auf und erklärte den bewaffneten Kampf. Zuerst verbrannten sie die Wahlurnen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Ayacucho, dann folgen Überfälle auf Polizeistationen und Dörfer. 1982 rief die Regierung in der Provinz den Ausnahmezustand aus und schickte das Militär in die Region.
Abimaél Guzmán und seine Anhänger waren in ihrer Ideologie und Praxis extrem radikal auf eine Weise, die es in Lateinamerika so vorher nicht gegeben hatte. Guzmán, der sich Presidente Gonzalo nannte oder „Das vierte Schwert der Weltrevolution“ (nach Marx, Lenin und Mao), verlangte absolute Unterwerfung unter seine Führung. Obwohl viele Kader des Sendero bäuerlicher Abstammung waren, nahm er auf indigene Traditionen keine Rücksicht. Stattdessen verlangte er von den Bauern bedingungslose Unterstützung. Die Senderisten rekrutierten in den von ihnen kontrollierten Gebieten oft unter Gewaltandrohung Kämpfer aus der Bevölkerung. Für die Armee galt daher bald jeder Bauer im Hochland als potenzieller Terrorist. Sowohl die Guerilleros als auch das Militär bestraften die Zusammenarbeit der Dorfbewohner mit dem jeweiligen Gegner. In den abgelegenen Regionen des Berglandes kam es zu zahlreichen Massakern an der mehrheitlich indigenen Landbevölkerung.
Die Menschen flohen in Massen aus den betroffenen Regionen nach Lima. In den 1990er Jahren kamen jährlich mehr als 200.000 Menschen in die Hauptstadt. Hier kontrollierten die Senderisten mit einem dichten Spitzel- und Sympathisantennetz die Elendsviertel, verübten Bombenanschläge und ermordeten Aktivisten anderer linker Organisationen. Im Jahr 1990 war der Sendero Luminoso in der Hälfte des Landes aktiv. Die Situation der damaligen Zeit beschreibt der Roman „Tod in den Anden“ des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, der 1990 bei der Präsidentenwahl Alberto Kenya Fujimori unterlag. Fujimori regierte von 1990 bis 2000 und wurde schließlich wegen Korruption und Verletzung der Menschenrechte seines Amtes enthoben. Heute sitzt er im Gefängnis. Seine Tochter Keiko kandidiert derzeit für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Sie hat gute Chancen, gewählt zu werden. Man fragt sich ernsthaft, wie sie so weit kommen konnte.
Auch wenn der Krieg längst vorbei ist – die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Manche haben nie das Ende des Bewaffneten Konflikts erlebt. Ende Juli befreite die Armee über 50 Geiseln aus den Händen der Rebellen, darunter viele Frauen und Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind. Manche Frauen hatten 25 Jahre in Gefangenschaft verbracht.
Für die Lateinamerika Nachrichten habe ich über die jüngste Geiselbefreiung einen Artikel geschrieben, HIER könnt ihr ihn als pdf herunterladen und lesen.
Seit einigen Monaten ist Mattes regelmäßig auf dem Land unterwegs, um gemeinsam mit den Partnerorganisationen des Red Muqui Workshops mit der Landbevölkerung zu machen. Sie arbeiten zu Themen wie Nutzung von Naturressourcen, Umweltmonitoring, Alternativen zum Bergbau, Buen Vivir, Empowerment von ländlichen und indigenen Gemeinschaften u.v.m.
Mitte September fuhr Mattes mit seinem Kollegen Edwin und Elki von der NGO CooperAcción nach Huamachuco. Das Dorf liegt fünf Stunden von Trujillo entfernt in den nördlichen Anden (Region La Libertad). Die NGO Proyecto Amigo, ebenfalls Socio des Red Muqui, arbeitet hier mit der Bevölkerung zu Raumordnungsplanung (Ordenamiento Territorial, kurz OT). Auf dem Treffen stellten sie ihre Erfahrungen mit Raumplanung vor und informierten die Leute darüber, wie die Nutzung und Verteilung des Landes auf nationaler Ebene gehandhabt wird. Das Problem ist nämlich, dass es keine offizielle Raumordnungsplanung gibt. Anders als in Deutschland, wo das Raumordnungsgesetz genau festlegt, wie Regionen genutzt, entwickelt und gesichert werden sollen, ist das Land in Peru bis auf wenige Ausnahmen (Naturschutzgebiete, religiöse Stätten) fast nirgends registriert. Nur wenige Regionen haben Pläne, die bestimmte Gebiete für bestimmte Tätigkeiten ausweisen. Man macht sich das Land zu eigen, wie es gerade passt – seien es Privatpersonen oder Unternehmen. Darum gibt es in Peru so viele Konflikte um Land: wem gehört das Land im Regenwald, wo comunidades nativas leben ohne offizielle Landtitel und wo Konzerne nach Erdöl bohren? Wer darf das Land nutzen in den Bergen voller Kupfer und Gold, wo die Interessen von Dorfgemeinschaften denen großer Minengesellschaften gegenüberstehen?In Huamachuco gibt es einen Berg, der Cerro del Toro genannt wird. Im Berg hat man vor Jahren viel Gold gefunden. Kurz darauf kam der Bergbau in die Region, formell (offiziell registrierte Minengesellschaften) und informell (einfache Goldschürfer ohne Genehmigung). Heute durchwühlen Menschen und Maschinen den Berg und tragen Schicht um Schicht ab, um das kostbare Mineral herauszuholen. Das hat die üblichen Umweltbelastungen mit sich gebracht, Verschmutzungen von Luft und Wasser, Landvertreibungen usw.
Die Comunidad Paranshique liegt gegenüber dieses Berges voller Gold. Man kann die Detonationen hören, wenn das Gold aus dem Berg gesprengt wird, man sieht die Maschinen über den kahlen Berg rollen. Noch schaut das Dorf zu, aber der informelle Bergbau klopft mit seinen Versprechungen bereits an die Türen der Bewohner.
Proyecto Amigo und Red Muqui sind nach Paranshique gefahren und haben die Bewohner eingeladen, ihr Dorf zu kartieren. Sie begannen mit einer einfachen Grundrisskarte, kartierten Flora und Fauna, Naturressourcen und ergänzten ökonomische Details – wo gibt es Landwirtschaft, Märkte, Arbeit? Im letzten Schritt kartierten sie die Konflikte des Dorfes: in welchen Gebieten ist die Arbeitslosigkeit hoch, wo gibt es Migration, Vertreibung oder Umweltverschmutzung?
Die zentrale Frage des Workshops war: Wie wollt ihr in Zukunft leben? Wie soll euer Dorf in 15 Jahren aussehen? In einer Art Zukunftswerkstatt überlegten die Bewohner, mit welchen konkreten Schritten und Aktivitäten sie ihr Dorf gemeinsam so gestalten können, dass es für sie ein lebenswerter Ort bleibt.
Eine gemeinsam gestaltete Raumplanung von der Basis aus könnte ein Ansatz sein für Comunidades, in denen der Bergbau bereits um die Ecke lugt und der die Dörfer einzunehmen droht, wenn sie sich nicht zusammensetzen und überlegen, was für ein Leben sie in Zukunft führen wollen. Es ist wichtig, sich schon vorher nach Alternativen zum Bergbau umzuschauen als im Nachhinein zu realisieren, dass der Bergbau den Dörfern nur kurzfristigen Gewinn gebracht hat und danach verbrannte Erde hinterlässt.
Aufgrund der großen Nachfrage wird es im November einen weiteren Workshop in Huamachuco geben.
Im Juni hat das Red Muqui mit der Universität San Marcos (Lima) und der Universität Gent (Belgien) eine internationale Konferenz organisiert zum Thema „Luchas Sociales por la Tierra“, soziale Konflikte um Land. Wissenschaftler wie Alberto Acosta und Vertreter sozialer Bewegungen debattierten zwei Tage lang über die Auswirkungen des Raubbaus und Ausverkauf des Landes in Peru und mögliche Alternativen, wie die Solidarische Ökonomie oder die Stärkung der (familiären) Landwirtschaft.
Hier geht es zum Artikel, den wir für die Infostelle Peru geschrieben haben.
Und hier zum Red Muqui-Artikel für Spanisch-Lesende.
Und hier ein Trailer zu einem Filmprojekt „Hija de la Laguna“ der Dokufilm-Gruppe Guarango. „El oro no se come“ – Gold kann man nicht essen. Sehenswert.
Mattes und ich haben einen Artikel bei der Infostelle Peru über den eskalierenden Konflikt um die Kupfermine Tía María in Arequipa veröffentlicht. HIER der link
Eine kurze Zusammenfassung hier:
Der Konflikt um die geplante Kupfermine Tía María in der Provinz Islay (Region Arequipa) ist eskaliert. Seit Beginn des Konfliktes vor rund zwei Monaten starben fünf Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Dutzende wurden teils schwer verletzt. Am 22. Mai 2015 hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen. Persönliche Freiheiten wie Bewegungs- und Versammlungsfreiheit seien damit ab sofort eingeschränkt, sagte Perus Ministerpräsident Pedro Cateriano am Freitag. „Die Regierung wird die Anordnungen wenn nötig mit dem Einsatz von Gewalt durchsetzen“, so Cateriano.
Angesichts der tragenden Rolle, die die Regierung in der Entwicklung der Proteste gespielt hat, wird die Wut der Zivilbevölkerung immer größer. Seit Beginn des Streiks vor gut 60 Tagen hatten Bauern, Lokalpolitiker und Umweltorganisationen mehr Transparenz und Berücksichtigung der lokalen Interessen im Konflikt um das Bergbauprojekt Tía María gefordert. Die Regierung ist diesen Forderungen jedoch kaum nachgekommen. „Agro sí, mina no“ rufen die Menschen nun immer lauter, sie wollen Landwirtschaft, keinen Bergbau. Sie wollen, dass sich Southern Copper mit ihrer geplanten Kupfermine aus der Region zurückzieht.
Seit Jahren protestieren die Bauern des Valle de Tambo gegen die Pläne des Bergbaukonzerns Southern Copper. Das Tal ist seit Jahrhunderten eine wichtige Region in der Landwirtschaft. Hier werden Reis, Bohnen und Früchte für die Versorgung von Arequipa angebaut, der zweitgrößten Stadt Perus. Die Mine würde Unmengen an Wasser verbrauchen, das in dieser Region aber knapp ist. „Wir sprechen hier über eine wichtige landwirtschaftliche Zone der Region Arequipa“, erklärt Dr. José de Echave, Ökonom und Bergbauexperte. „Die Menschen in Islay wissen, dass Tía María nur das erste von vielen geplanten Projekten ist. Sie befürchten, dass sich ihre Region von einem ausgeprägten Agrargebiet in eine Bergbauzone verwandeln wird.“
Tante María soll weg. So wollen es die Leute. Regierung will aber nicht. Um das Bergbauprojekt Tía María bei Arequipa im Süden des Landes ist Ende März ein schon Jahre andauernder Konflikt wieder aufgebrochen. Der US-amerikanische Bergbaukonzerns Southern Copper Corporation will im Valle del Tambo, einem vor allem landwirtschaftlich genutzten Tal, im großen Stil Kupfer abbauen.
Der offene Tagebau im Einzugsgebiet des Flusses Tambo verspricht eine Produktion von 120.000 Tonnen Kupfer pro Jahr über eine Zeitspanne von 21 Jahren. Southern wirbt damit, 1500 Arbeitsplätze zu schaffen und 1,4 Milliarden US-Dollar zu investieren. Aber das Bergbauprojekt wird seit Jahren von Protesten der lokalen Bevölkerung begleitet. In einem Referendum sprachen sich bereits 2009 mehr als 90% der Bevölkerung gegen Tía María aus. Bauern und Umweltschutzorganisationen befürchten dramatische Folgen für die Umwelt. Wassermangel durch den exzessiven Wasserverbrauch für die Mine, Verschmutzung von Wasser und Luft, Verdrängung der Landwirtschaft…
Die Regierung könnte vermitteln. Auf der ersten Blick scheint es, als ob sie das täte. Sie hat sogenannte mesas de diálogo, Runde Tische, eingerichtet, an denen Politiker, Unternehmer und Zivilbevölkerung zusammenkommen. Aber die lokale Bevölkerung fühlt sich nicht ernst genommen. Die Regierung steht klar auf Seiten des Unternehmens Copper. Der neu ernannte Ministerpräsident Pedro Cateriano sagt: „Wir werden so oft nach Arequipa kommen wie nötig, um dieses Projekt voranzutreiben”. Und: „Die Menschen können heute entscheiden zwischen dem Weg der Entwicklung oder der Armut”. Staatspräsident Humala sieht in Tía María eine großartige Chance, um das Land wirtschaftlich voranzutreiben. Das Landwirtschaftsministerium schweigt. Umweltminister Manuel Pulgar-Vidal verteidigt das Projekt Tía María und weist die herbe Kritik an der Umweltstudie (EIA – Estudio de Impacto Ambiental) entschieden zurück.
Eine Lösung für den Konflikt ist bisher nicht in Sicht. Seit bald einem Monat protestieren Tausende von Bewohnern der Region, Bauern und Umweltverbände mit einem Generalstreik gegen die geplante Mine, mit Protestmärschen und Straßenblockaden. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei. Der Minenbetreiber, Oscar Gonzales Rocha, spricht von „Anti-Bergbau-Terrorismus“. Tausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz.
Fragwürdiges Vorgehen der Polizei
Angesichts des mehr als fragwürdigen Vorgehens der Polizei (in diesem Video sieht man, wie ein Polizist einem Protestierenden mit Gewalt eine Waffe in die Hand drückt und das Bild am nächsten Tag auf den Titelseiten mindestens einer Zeitung (El Correo) steht, untertitelt mit „así atacaron los anti-mineros/so haben die Bergbaugegner angegriffen“) wird die Wut der Menschen immer größer und die Stimmung von Tag zu Tag angespannter: Wortführer der Opposition werden festgenommen, es gibt Gewalt und Dutzende Verletzte. Vor wenigen Tagen gab es das erste Todesopfer, ein 61-jähriger Bauer starb nach Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass Southern das Minenprojekt bis zum Jahr 2017 aussetzen wird. Die Bewohner der Region wollen aber nur noch eines: dass das Unternehmen sich komplett zurückzieht.
Tía María ist letzten Endes vor allem ein politischer Konflikt. Auf welcher Seite steht die peruanische Regierung – verteidigt sie die Souveränität ihrer Bürger oder die Interessen ausländischer Unternehmen? Werden die Stimmen der Bewohner des Tals ernst genommen oder als Terroristen diffamiert? Entscheidet sich die Regierung für die Demokratie und den Dialog oder nimmt sie den Weg des Autoritarismus und der politischen Verfolgung? Jetzt wäre der Moment, Partei zu ergreifen.