Von Nebel, Wind und grünen Hügeln

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Während in Deutschland gerade die Sonne (meistens) scheint und der Sommer noch einige Wochen lang die Menschen beglücken wird  mit langen und lauen Abenden, duftenden Wiesen, Freibadbesuchen, haben wir hier auf der Südhalbkugel Winter. Wir merken das daran, dass wir morgens aus unserer Wohnung im 14. Stock in dichten Nebel gucken. Wir ziehen uns Wollsocken an und Jacken über. Am späten Nachmittag pfeift ein frischer Wind um die Häuser. Nur die Sonne geht immer zur gleichen Zeit auf und unter, daran ändert sich – so nah am Äquator – nichts.

Jetzt, wenn der Nebel über der Stadt wabert, erwachen einige der sonst so staubtrockenen Hügel in Lima zum Leben. Hinter dem bevölkerungsreichen Stadtteil Villa María del Triunfo zum Beispiel liegen die Lomas Verdes de Villa María. 1700 Hektar ist das Gebiet groß, das sich in den Wintermonaten August bis Oktober in eine leuchtend grüne Landschaft verwandelt. Dann setzen sich die Nebelschwaden (das Kondenswasser des Meeres) über den Hügeln ab und schaffen ein natürliches Bewässerungssystem. Nur wenige Kilometer vom staubigen und mit Verkehr vollgestopften Villa María entfernt herrscht hier auf einmal paradiesische Ruhe, die Füße betreten einen weichen grünen Teppich, gesprenkelt mit gelben und orangefarbenen Blumentupfern, darüber flattern Schmetterlinge. Nicht von ungefähr haben die Menschen den Hügeln hier den Namen Lomas del Paraíso gegeben, Paradies-Hügel.

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Paradiesisch ist es hier ansonsten eher weniger. Villa María und die umliegenden Hügel gelten als Rand- und Armutsbezirke. Die Straßen sind unbefestigt, die Hütten aus Pappe, Wellblech und unverputzten Ziegeln gebaut. Aufgerissene Müllsäcke stapeln sich am Straßenrand, ein paar struppige Hunde schnüffeln nach Essbarem.

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Unterwegs mit Alois Kennerknecht, einem kauzigen Agraringenieur aus dem Allgäu, der seit bald 30 Jahren in Peru lebt. Er hat Ministerien und Hilfsorganisationen bei landwirtschaftlichen Projekten in Äthiopien, Madagaskar, Haiti und Paraguay beraten. Mit dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) hat er Ende der 80er Jahre bei der Rehabilitierung von Terrassen und Kanälen der präinkanischen Bewässerungsanlagen mitgeholfen und Lösungen für Müll- und Abwasserprobleme gesucht, als in den 1990er Jahren in Peru die Cholera ausbrach.

„Das sind keine Armenviertel“, findet Kennerknecht. „Schauen Sie doch mal hin: die Leute sind sauber gekleidet, die haben alle Arbeit.“ Tatsächlich sieht man nicht nur Hütten, sondern auch feste Häuser mit Strom, Gas und fließendem Wasser, Kühlschrank und Fernseher. Es gibt kleine Geschäfte, eine Privatschule und eine Kita, eine Gesundheitsstation. Kennerknecht misstraut mitleidigen Spendern und beamteten Armutsbekämpfern. „Wer den Leuten Geld gibt, macht sie unmündig und passiv“, schimpft er. „Oft verfallen Projekte, weil man auf die nächste Überweisung wartet.“

P1060589In den Hügeln von Villa María nennen sie den 73-jährigen Deutschen nur „den Irren“. Denn Kennerknecht will, dass die Menschen selbst aktiv werden. Armut zu bekämpfen bedeutet für ihn, den Menschen Rechte statt Geld zu geben. Das ist nicht einfach in einer Kultur, wo sich Arme und Reiche darin eingerichtet haben, Almosen zu geben oder zu empfangen und wo Spekulanten damit die Umwelt ruinieren. Seine Touren durch die Vororte stehen inzwischen in drei Reiseführern, sagt er.  Als „Touren durch die Armenviertel“, was Kennerknecht aufregt. Ihn regt ziemlich viel auf.

„Die Politiker versorgen die Leute mit Wohnungen, dafür bekommen sie deren Stimmen“, sagt Kennerknecht. „Vor allem aber profitieren die Spekulanten. Die Besetzer sind oft gar keine Landlosen, sondern übergeben ihr Grundstück an die Bodenspekualten, die traficantes, die es mit hohem Gewinn verkaufen.“ Laut Richard Aguilar, Präsident des örtlichen Comité Ecológico de Defensa de las Lomas Villa María, schüchtern Schlägertrupps die Bürgermeister der Orte ein. „Da regt sich kein Widerstand mehr.“

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Anwohnerin der Hügel von Villa Maria, die die Ausweitung der illegalen Besiedlungen kritisch sieht

Wir fahren hinauf zu Marta, die einen kleinen Comedor (Restaurant) oben auf den Hügeln betreibt und auf dem sandigen Boden Kartoffeln und Salat zieht. Neben ihrem Häuschen steht ein Gerüst, drei Meter hoch und acht Meter lang:  ein Nebelfänger, eine Konstruktion aus Stahlrohr, Netz und einer Membran, um Feuchtigkeit aus der Luft und den Winternebeln zu filtern. Vor einigen Jahren hat die kleine deutsche Organisation Alimón sie bauen lassen, um die verdorrten Hügel wieder ergrünen zu lassen. An sich eine gute Idee: die Nebelfänger übernahmen, was bis vor 100 Jahren die Bäume getan hatten. Zusammen mit den Anwohnern hob man Wasserreservoirs aus, legte Leitungen. „Die Nebelfänger haben 15.000 Liter täglich produziert“, sagt Kennerknecht, „Das hat gut funktioniert.“

lomas1Aber bald waren die Nebelfänger unbrauchbar. Die Anwohner hielten sie nicht in Stand, die Leitungen zerfielen. Vor allem aber störten die Wasserspender die heimlichen Herrscher der Gegend, die Bodenspekulanten. Grüne Hügel, die zu einem Naturschutzgebiet werden könnten, sind ein Hindernis für illegale Siedlungen. Plötzlich vergaßen Bürgermeister ihre Versprechen, Behörden mussten prüfen, Gesetze verzögerten sich. Den deutschen Initiatoren wurde gar am Flughafen die Einreise verwehrt.

Blick ins Tal. Bis zum Horizont haben sich die illegalen Siedlungen von Hügel zu Hügel gefressen. Richard Aguilar deutet nach rechts: „Diese Häuser waren bei unserem letzten Besuch noch nicht da.“ Er erklärt, wie die Landnahme vor sich geht: Menschen besetzen ein Stück Land und bauen provisorische Holzhütten – die Bausätze dafür werden an der Straße verkauft. Wenn die Polizei die Invasion nicht sofort beendet, werden die Besetzer zu Besitzern mit Anspruch auf das Land. Nach fünf Jahren haben sie ein Recht auf Wasser- und Stromleitungen. Alles ist perfekt legal, deshalb hat der Wasserversorger Sedapal drei riesige Wassertanks in das Tal von Bellavista gebaut.

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Die Stadtverwaltung von Lima hat 2013 bei der staatlichen Naturschutzbehörde SERNANP beantragt, das 1700 Hektar große Gebiet in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln.  Der Antrag liegt aber seitdem auf der Halde. Wenn Lima weiterhin so rasant wächst und die Hügel hinter Villa Maria immer weiter besiedelt werden, wird sich das Thema irgendwann von selbst erledigt haben.

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Lang lebe die blaue Lagune

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Schon gute zwei Wochen sind wir zurück in Lima la gris. Der Blog-Beitrag zu unseren zwei Wochen in der Cordillera Blanca hat ein wenig auf sich warten lassen, aber so langsam sind wir wieder im Alltags-Groove und kommen dazu, euch einige Worte und Bilder über unsere Zeit in den Bergen zu schicken.

Mattes hat in den zwei Wochen eine Gruppe von Geografie-Studierenden aus Hamburg betreut, die zum Thema Alternativen zum Bergbau geforscht und die Gemeinden befragt haben, Eva hat Recherchen und Aktualisierungen für den Stefan Loose Reiseführer gemacht und die Kinder haben die Ferien genossen. Wir sind zwei Wochen zwischen Huaraz und Caraz gependelt, haben unseren Freund Adan und seine Frau Eva (wirklich) und ihr Baby Kain (wirklich!!) in der Comunidad Cruz del Mayo besucht, haben die über 6000 Meter hohen Berggipfel bestaunt und die Höhenluft genossen. Am Campo Santo, dem Friedhof von Yungay haben wir ehrfüchtig zum mächtigen Huascarán, dem höchsten Berg Perus (6768m) hinaufgeschaut. Am 31. Mai 1970 hatte ein Erdbeben eine gewaltige Lawine aus Eis, Schlamm und Geröll vom Berg gelöst und begrub an einem schönen Sonntagmorgen das gesamte Dorf Yungay mit einer 5 Meter hohen Schicht unter sich (siehe Titelbild). 20.000 Menschen starben innerhalb weniger Minuten. Das neue Yungay wurde in der Nähe des alten Dorfes, hinter einem schützenden Bergkamm, wieder aufgebaut.

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Was von Yungay übrig blieb: Campo Santo mit dem Huascarán im Hintergrund

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Der höchste Punkt und auch Höhepunkt der Reise war das Fest an der Laguna Parón am 29. Juli, der größten Lagune in der Cordillera. Die Lagune liegt auf 4186 Meter Höhe im Nationalpark Huascarán. Am selben Tag vor acht Jahren, am 29. Juli 2008, hatte die Comunidad Cruz del Mayo die Nutzung des Wassers der Lagune für sich reklamiert und die Wasseranlage des US-amerikanischen Unternehmens Duke Energy besetzt. Duke Energy ist Besitzer des Wasserkraftwerks im Cañón del Pato – einer schmalen Schlucht, in der sich die Cordillera Blanca und die Cordillera Negra bis auf wenige Meter nähern und durch die der Rio Santa fließt.  Die Nutzungsrechte der Laguna Parón waren 1996 unter der Regierung Alberto Fujimoris an das Unternehmen verkauft worden. Bald bekamen die Comuneros die negativen Auswirkungen der Nutzung der Lagune für das Wasserkraftwerk zu spüren: der Wasserpegel der Lagune sank drastisch, die Wassermengen für die Bewässerung der Felder und Äcker in der Gemeinde wurden unregelmäßig. Die Bauern beklagten Ernteausfälle, die Bewohner von Caraz tief unten im Tal die Qualität des Wassers.

2007 kündigte Duke Energy an, mehr Wasser aus der Lagune abzulassen, um mehr Strom zu generieren. Die Comuneros waren alarmiert und sahen ihre Felder, die mit dem Wasser der Lagune bewässert werden, in Gefahr. Duke Energy machte goldene Gewinne mit dem Wasserkraftwerk, Bergbauunternehmen heimsten Millionen mit dem Abbau von Kupfer, Silber und Zink ab, aber die Bauern profitierten davon wenig. 2007 lebten etwa 42 Prozent der Bevölkerung des Departamentos Ancash (in der sich die Cordillera Blanca befindet) in Armut, davon 17 Prozent in extremer Armut. Die Wassermassen, die Duke Energy ab 2007 aus der Lagune pumpte, ließ den Wasserstand der Laguna Parón schließlich auf die Hälfte sinken.

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Weil Gespräche mit dem Unternehmen und den Behörden immer wieder gescheitert waren, organisierten sich im Juli 2008 die Comuneros aus Cruz del Mayo und die Kommission der Nutzer des Unterlaufs Parón-Llullán, in Koordination mit der Provinzverwaltung Huaylas, als „Frente de Defensa de la Laguna Parón y el Medio Ambiente“ und nahmen die Sache selbst in die Hand. Sie besetzten die Wasserentnahmestelle und kündigten an, diese erst freizugeben, wenn die Forderungen der Comunidad ernsthaft Gehör fänden. Drei dicke Schlösser hängen heute am Tor der Anlage, durch die das Wasser ablief. Die Schlüssel liegen bei den Comuneros. Bis heute sind sie die Wächter der Lagune. (zum Weiterlesen ein Artikel en español von CEAS, Mitgliedsorganisation des Red Muqui; sie arbeitet mit den Comunidades in der Region).

Seitdem hat es viele Gespräche mit dem Unternehmen Duke Energy gegeben. 2011 initiierte die Zentralregierung Gespräche zwischen den Parteien, die aber scheiterten. Die Runden Tische wurden 2012 wieder aufgenommen, 2014 einigte man sich schließlich darauf, dass das Unternehmen das Wasser unter der Supervision einer dritten unabhängigen Partei für das Wasserkraftwerk nutzen dürfe. Das Unternehmen hat sich verpflichtet, das Wasser der Lagune künftig nur in Absprache mit der Gemeinde zu nutzen.

Die Comuneros feiern derweil ihr jährliches Fest an der Laguna Parón, einige Tausend sind gekommen, zwei Stunden holperige Serpentinenstraße von Caraz hinauf zu einer der schönsten Lagunen der Cordillera. 200 Combis parken entlang der schmalen Straße, Frauen mit bunten Röcken und großen Hüten haben riesige Töpfe hochgebracht, es gibt Choclo con Queso (Mais mit Käse), Cuy (Meerschweinchen), Papas (Kartoffeln), Mate de Coca (Coca Tee) und Inka Cola, die neongelbe und wahrscheinlich süßeste Limonade der Welt. Sogar ein Eisverkäufer läuft herum, aber es ist schon kalt genug auf über 4000 Metern mit eisigem Wind.

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Auf der Wiese vor dem Refugio, der Berghütte an der Laguna Parón, drängen sich die Menschen, festlich gekleidete Tänzer tanzen im Kreis an langen roten Bändern. Ein paar Männer rudern die Ñusta, die repräsentative Prinzessin dieser Feier fürs Wasser, auf den See hinaus und wieder zurück. Dann werden Reden geschwungen, ein Geistlicher hält eine Zeremonie, der Bürgermeister von Caraz ist da und sämtliche Präsidenten der umliegenden Gemeinden. Auch Mattes darf etwas sagen, er sagt kluge Sachen wie „Agua es Vida“ (Wasser ist Leben) und alle klatschen und fotografieren. Dann  gibt es Musik und Tanz bis in den Abend. Wir fahren schon früher zurück, die Kinder sind ziemlich platt von der Höhe und wollen lieber in Caraz aufs Trampolin auf dem kleinen Jahrmarkt, wo sie jeden Nachmittag gehüpft sind wie wilde Flummis. Wir verabschieden uns also von der blauen Lagune und fahren hinunter nach Caraz, 2000 Meter tiefer. Dort scheint die Sonne, wir essen wie jeden Tag ein Eis in dieser Stadt der Süßigkeiten (Caraz Dulzura ist der Spitzname des Ortes) und werfen noch einmal einen Blick hinauf zu den Bergen. Weit oben, hinter den grünen Hügeln und den grauen Zacken, sehen wir die weiße Spitze des Sechstausenders Huandoy leuchten. Ein Apu, ein beseelter Berg, der über die Lagune wacht. Dann gehen wir Trampolinspringen.

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Máxima Acuña gewinnt Goldman-Preis für Umweltschutz

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Die zierliche Bäuerin aus Cajamarca wird in diesen Tagen ihrem Namen – Máxima, die Größte – mehr als gerecht: Nach Jahren des Widerstands gegen das Bergbau-Unternehmen Yanacocha wurde ihr jetzt in San Francisco der renommierte Goldman-Preis für die Verteidigung der Umwelt verliehen. Der Goldman-Preis gilt als Nobelpreis für UmweltaktivistInnen.

Vor einem Jahr hatten wir hier schon einmal über Máxima Acuña und die Mega-Mine Yanacocha geschrieben: Wie David gegen Goliath.  Máxima Acuña und ihre Familie weigern sich seit Jahren, ihre vier Hektar Land an die Yanacocha-Mine zu verkaufen. Dieses Land aber braucht das Unternehmen für die Erweiterung der 260 Quadratkilometer großen Yanacocha-Mine  – größte Goldmine Lateinamerikas und viertgrößte weltweit. Máxima gab trotz jahrelangem Rechtstreit und Einschüchterungsversuchen seitens des Unternehmens nicht klein bei. Stattdessen ist sie in den letzten Jahren zum Symbol für den Widerstand gegen die skrupellosen Methoden bei der Goldförderung in Peru durch internationale Unternehmen, Armee und Nationalstaat geworden.

Die Auszeichnung erkennt nun auch offiziell und international ihren Einsatz für den Schutz der Umwelt – und ihrer eigenen Rechte – an. Die Drangsalierungen gegen Máxima und ihre Familie gehen allerdings weiter. Die in Cajamarca sitzende NGO Grufides schreibt, dass Unbekannte auf das Haus von Máxima geschossen hätten.

Man kann nur hoffen, dass sie nicht das gleiche Schicksal ereilt wie die Preisträgerin des Goldman-Umweltpreises von 2015: die honduranische Umweltschützerin und Indigenen-Aktivistin Berta Cáceres wurde vor einem Monat in ihrem Haus in La Esperanza (Honduras) von Unbekannten getötet. Cáceres hatte sich seit Jahren für die Rechte der Lenca-Indigenen eingesetzt und kämpfte gegen den Bau von Staudämmen und Bergwerken in deren Siedlungsgebieten.

Wilde Wasser und weite Wüsten

 

 

 

 

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Murales * Wandbilder

Conga No Va! Agua Si – Oro No! Yo cuido mis tierras – y tú? In der Region Cajamarca ist der Bergbau ein sehr konfliktbeladenes Thema. In Celendín haben Jugendliche begonnen, Konflikt und Kunst zusammenzubringen. In der Stadt gibt es unglaublich viele Murales an den Hauswänden. Die Bilder haben sich zum beliebten und friedlichen Protest gegen die geplante Erweiterung der Mega-Mine Yanacocha (Conga-Projekt) entwickelt. Jorge vom bergbaukritischen Forum Plataforma Institucional Celendína (PIC) führte uns einen Nachmittag lang durch die Straßen der Stadt. Hier ein paar Eindrücke aus einer Stadt, die mehr auf Lager hat als große Hüte und leckere Kartoffeln. Más informaciones en español aqui.

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Kunst und Wirklichkeit. Das Foto hat Milton Sanchez (PIC) 2012 aufgenommen

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Und zu guter Letzt doch noch ein paar große Hüte 🙂

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Im einem Dorf namens Fortschritt

P1060370Eine andere Welt ist möglich, sagt Eduardo Gudynas, Vordenker des Postwachstum. Er hat ein Buch geschrieben „Die Rechte der Natur“, das liest sich wunderbar. Er rüttelt darin am derzeit verbreiteten Wachstums-Gedanken und fordert eine Abkehr vom Raubbau an der Natur. Lateinamerika brauche mehr regionale Wirtschaftskreisläufe und müsse seine Rolle als reiner Rohstoff-Exporteur ablegen. Nachhaltige Alternativen könnten gemeindebasiserter Tourismus, ökologische Landwirtschaft oder verarbeitende Gewerbe sein – je nach Region. Da in Peru jedoch seit der Kolonialisierung alle Strukturen auf dem Abbau und Export von Rohstoffen aufgebaut sind (siehe Eduardo Galeanos fantastisches Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“), ist das kein leichtes Unterfangen. Zwar wurde 2002 ein Ministerium für Produktion gegründet, das sich der Diversifizierung der Wirtschaftbereiche im Land verschrieben hat. Aber das Ministerium ist ähnlich machtlos wie das Umweltministerium, das nur Marionette ist des Bergbauministeriums. Entsprechend ratlos stehen also die Akteure da. Eine konkrete Antwort hat auch Gudynas nicht. Er ist Utopist, Visionär – er malt die Sonne an den Himmel, aber für alle anderen ist der Himmel weit entfernt.

Neulich haben wir Gudynas kennengelernt, als er mit uns in eine Comunidad mit dem so passenden wie unpassenden Namen „El Progreso“ (Fortschritt) gefahren ist, etwa zwei Stunden von Celendín entfernt. Er erzählte den Dorfbewohnern, warum Extraktivismus – massiver Raubbau an der Natur und der Export dieser Rohstoffe – problematisch ist. Den zweiten konkreten Teil, nämlich welche Alternativen es zu dieser Rohstoffausbeutung gibt, überließ er Mattes. Der schaute sich das Dorf mit den Bewohnern per Satellitenbild an und überlegte mit ihnen, wie sie die Zukunft des Dorfes sehen. Gudynas reiste zurück nach Cajamarca, er hatte noch wichtige Termine. Ein kurzer Auftritt eines großen Theoretikers. Wie das den Dorfbewohnern weiterhilft, ist fraglich. Immerhin sind sie bisher geschlossen davon überzeugt, dass der Bergbau in dieser Region nur Nachteile bringen würde.

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Meine Kollegin Hildegard Willer, ebenfalls freie Journalistin, hat Gudynas vor einem Jahr für die taz zum Thema interviewt. Gudynas sagt in diesem Gespräch, dass Peru bei Weitem die wenigste Offenheit für die Debatte um das „Gute Leben“ (Buen Vivir) habe.  Der öffentliche Diskurs im Land sei sehr einseitig von einer engen ökonomischen Sicht geprägt, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt habe. Hinzu komme, dass die großen Medien in Peru sehr konservativ und autoritär seien. In Bolivien und Ecuador habe die Debatte viel mehr Kraft, dort werde der Entwicklungsbegriff auch als kultureller Begriff diskutiert.

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Was vom Leuchtenden Pfad übrig blieb

In Peru gibt es eine Tür zu einem Zimmer, die ist fest verschlossen. Die Menschen im Land wissen, dass es das Zimmer gibt, sie kennen die Geister, die darin herumspuken und die Geschichten, die sich darin abgespielt haben. In diesem Zimmer hat der peruanische Bürgerkrieg stattgefunden. Die 20 Jahre zwischen 1980 und 2000, als die maoistische Guerillagruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) gegen das Militär kämpfte, Unschuldige folterte und verschwinden ließ und über 70.000 Menschen starben, vor allem Angehörige der Quechua-sprachigen Landbevölkerung.

Peru trägt eine offene Wunde mit sich herum, die noch lange nicht verheilt ist. Seine Bewohner eilen geschäftig hin und her, sie haben zu tun, sie kurbeln die Wirtschaft an, indem sie die Berge und die Erde durchwühlen auf der Suche nach Gold und Silber und Erdöl, sie exportieren und „entwickeln sich“, man spricht von Peru jetzt als Schwellenland, die Menschen bauen hohe Häuser und drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern der gläsernen Konsumpaläste. Opfer und Täter wollen vergessen und die blutigen Jahre hinter sich lassen.

Aber die Wunde eitert. Die Geister im Zimmer spuken.

Im Film “Magallanes” (Regisseur Salvador del Solar), der gerade im Kino läuft, setzt sich die Vergangenheit eines Tages einfach ins Taxi.

Es ist die Geschichte eines gealterten Taxifahrers (Damián Alcázar), Magallanes sein Name. Er war Gehilfe eines gefürchteten Militäroffiziers auf Regierungsseite in den blutigsten Tagen des bewaffneten Konflikts in Peru. Heute bessert er sein mageres Taxigehalt mit täglichen Ausflügen für einen senilen Herrn auf. Dieser Greis ist der einst gefürchtete Colonel. Er hielt damals ein indigenes Mädchen, die 13-jährige Celina, als Sexsklavin in seinem Zimmer, über ein Jahr lang.

Als eben jene Celina (Magaly Solier, bekannt aus dem Film „La Teta Asustada“, der 2010 für den Oscar nominiert war) eines Tages in das Taxi von Magallanes steigt, wirft es diesen schlagartig zurück in die Zeit des Bürgerkriegs, als er die rechte Hand des Colonels war, aber auch Celina liebte. Damals verhalf er Celina zur Flucht. Heute lebt die scheue Frau mit ihrem behinderten Sohn in einem Armenviertel in Lima und führt einen Friseursalon, der nichts einbringt. Magallanes will das Geschehene wieder gut machen. Mittels eines Fotos, das den Colonol mit dem Mädchen zeigt, will er den wohlhabenden Sohn des Colonels erpressen und das Geld Celina geben. magallanesIn der Geschichte brechen Wunden auf, werden Türen aufgerissen, die verschlossen bleiben sollten. Es ist markerschütternd, als Celina am Ende des Films auf der Polizeistation vom Spanischen ins Quechua wechselt. In ihrer Muttersprache schleudert sie all ihre Wut hinaus über das, was man ihr angetan hat, die Trauer über ihre Eltern, die sie nie wiedergesehen hat, das Trauma, das bleibt. Es gibt keine Untertitel für diese Szene. Die Wörter ergießen sich in einem Schwall über den Zuschauer. Sie gehen ins Mark, auch wenn man sie nicht versteht. Weil man sie nicht versteht. Weil man nur ahnen kann, wie sich diese über Jahrhunderte manifestierte Ungerechtigkeit, Herablassung, Gewalt gegenüber den Pueblos Indigenas von den Betroffenen anfühlt. Was wissen denn die Mittelschichts-Limenos über ihre Mitmenschen aus dem Hochland? Sie sprechen ihre Sprache nicht, sie verstehen ihre Weltanschauung nicht, ihren Bezug zu Pacha Mama (Mutter Erde) und Mama Llacu (Mutter Wasser). Es prallen zwei Welten aufeinander in dieser Szene. Am Ende gehen sie getrennter Wege. 

Die Kommunistische Partei Perus – auf dem Leuchtenden Pfad José Carlos Mariáteguis (bekannter unter dem Namen Leuchtender Pfad – Sendero Luminoso) war Ende der 1960er aus einer Studentenbewegung an der Universität San Cristóbal de Huamanga in Ayacucho entstanden. Sein Gründer und Anführer, der Philosophieprofessor Abimael Guzmán, hatte Ende der 1960er Jahre das China der Kulturrevolution bereist und begann unter diesem Vorbild, Anhänger unter den Studenten zu sammeln. Sein politisches Ziel war der völlige Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung, eine Kulturrevolution nach maoistischem Vorbild. Cartel-propagandistico-Sendero-Luminoso-Google_CYMIMA20150602_0009_16Ayacucho war damals eine der ärmsten Provinzen Perus. Bei der überwiegend indigenen Bevölkerung weckte Guzmán anfangs Hoffnungen auf eine Besserung der Lebensverhältnisse. Im Jahr 1980 rief der Sendero Luminoso zum Wahlboykott auf und erklärte den bewaffneten Kampf. Zuerst verbrannten sie die Wahlurnen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Ayacucho, dann folgen Überfälle auf Polizeistationen und Dörfer. 1982 rief die Regierung in der Provinz den Ausnahmezustand aus und schickte das Militär in die Region.

Abimaél Guzmán und seine Anhänger waren in ihrer Ideologie und Praxis extrem radikal auf eine Weise, die es in Lateinamerika so vorher nicht gegeben hatte. Guzmán, der sich Presidente Gonzalo nannte oder „Das vierte Schwert der Weltrevolution“ (nach Marx, Lenin und Mao), verlangte absolute Unterwerfung unter seine Führung. Obwohl viele Kader des Sendero bäuerlicher Abstammung waren, nahm er auf indigene Traditionen keine Rücksicht. Stattdessen verlangte er von den Bauern bedingungslose Unterstützung. sendero-luminosoDie Senderisten rekrutierten in den von ihnen kontrollierten Gebieten oft unter Gewaltandrohung Kämpfer aus der Bevölkerung. Für die Armee galt daher bald jeder Bauer im Hochland als potenzieller Terrorist. Sowohl die Guerilleros als auch das Militär bestraften die Zusammenarbeit der Dorfbewohner mit dem jeweiligen Gegner. In den abgelegenen Regionen des Berglandes kam es zu zahlreichen Massakern an der mehrheitlich indigenen Landbevölkerung.

Die Menschen flohen in Massen aus den betroffenen Regionen nach Lima. In den 1990er Jahren kamen jährlich mehr als 200.000 Menschen in die Hauptstadt. Sendero_LuminosoHier kontrollierten die Senderisten mit einem dichten Spitzel- und Sympathisantennetz die Elendsviertel, verübten Bombenanschläge und ermordeten Aktivisten anderer linker Organisationen. Im Jahr 1990 war der Sendero Luminoso in der Hälfte des Landes aktiv. Die Situation der damaligen Zeit beschreibt der Roman „Tod in den Anden“ des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, der 1990 bei der Präsidentenwahl Alberto Kenya Fujimori unterlag. Fujimori regierte von 1990 bis 2000 und wurde schließlich wegen Korruption und Verletzung der Menschenrechte seines Amtes enthoben. Heute sitzt er im Gefängnis. Seine Tochter Keiko kandidiert derzeit für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Sie hat gute Chancen, gewählt zu werden. Man fragt sich ernsthaft, wie sie so weit kommen konnte. 

Auch wenn der Krieg längst vorbei ist – die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Manche haben nie das Ende des Bewaffneten Konflikts erlebt. Ende Juli befreite die Armee über 50 Geiseln aus den Händen der Rebellen, darunter viele Frauen und Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind. Manche Frauen hatten 25 Jahre in Gefangenschaft verbracht. 

Für die Lateinamerika Nachrichten habe ich über die jüngste Geiselbefreiung einen Artikel geschrieben, HIER könnt ihr ihn als pdf herunterladen und lesen.