Wer länger in Lima wohnt, muss zwischendurch mal Luft schnappen. Raus ans Meer oder hoch in die Berge. Liegt ja beides um die Ecke. Weil wir in letzter Zeit so viel Meeresbrise geschnuppert haben, sind wir in die Berge gefahren, nach Tornameza. Das liegt etwa 2 Stunden östlich von Lima – bei wenig Verkehr und bei guter Planung. Auf der Hinfahrt hatten wir beides nicht – die Straßen verstopft und Eva hatte ihre Infos nicht dabei, wann wir wo umsteigen müssen und wo Tornameza überhaupt liegt. So war es ein kleines Abenteuer, bis wir am 30. April spätabends – Walpurgisnacht! – in der Casa de los Titiriteros ankamen, im Haus der Puppenspieler, in einer verwunschenen Welt voller grüner Pflanzen und gurgelndem Wasser des Rímac im Hintergrund, mit duftender Pizza aus dem Lehmofen und Windspielen unterm Sternenhimmel. Die Kinder hatten die Abenteuerfahrt über geschlafen und wachten nun mit großen Augen auf. Das Künstlerkollektiv hatten uns mehrere Freunde empfohlen – gracias Agus, Beto y Pepe! – und hiermit können wir es wärmstens allen weiter empfehlen. Eine Oase voller Fantasie und Magie, voller Theater und Puppenspiel (titeres), Seifenblasen (burbujas) und Musik und warmen Worten überall. Wir haben gezeltet und morgens die Berge in der Morgensonne angeblinzelt, haben Steine bemalt und mit Schuhen jongliert und alte Freunde wiedertroffen und neue Freunde gefunden und gelacht und selbstgebackene Pizza gegessen und nachts die quietschenden Züge gehört, die auf dem Weg in die Berge auf einer riesigen Drehscheibe (Tornamesa), der ältesten in Lateinamerika sogar, in die richtige Richtung gedreht werden, bevor sie über den 4500 Meter hohen Toromocha-Pass ruckeln und irgendwann in Huancayo ankommen. Danke Sergio und Leo und alle anderen Titiriteros für diesen wunderbaren Ort! Aber schaut selbst…


Reisen
Don’t think about life…
…ride it! So stand es auf der Wand einer Bar in Australien, vor 14 Jahren. Einfach aufs Surfbrett schwingen, rauspaddeln, an nichts denken als an die nächste Welle.
Die letzten Wochen waren voll mit Terminen, beruflichen Kurzreisen, Landestreffen und Kita-Eingewöhnung. Darum hat sich auf dem Blog auch länger nichts getan, ähem. Jetzt wollten wir einfach mal rauspaddeln und an nichts denken als an die nächsten Wellen. In der Semana Santa / Osterwoche haben wir uns also ein paar Tage freigenommen und sind Richtung Piura gefahren. Die Stadt selbst ist eher rau und staubig, ein wenig Wildwestromantik fegt durch die Straßen. Nördlich davon aber, bei Máncora, liegt das Piuradies…mit den besten Surfstränden Perus, Luft und Wasser sind immer warm, die Sonne scheint, Palmen wedeln im Wind, Pferde galoppieren am Wasser. Es war wunderbar. Auf der Rückreise haben wir in Huanchaco (bei Trujillo) noch ein paar Tage Halt gemacht. Auch sehr schön. Hier ein paar Eindrücke!
Immer Sonne in Lunahuaná
Die Sonne in Lima lässt auf sich warten. Manchmal wagt sie sich ein paar Stunden hervor, dann kommt wieder die graue Wolkendecke und deckt den Himmel zu. Heute ist der 1. Januar 2015 und wir wollen raus aus der Stadt, die Sonne suchen. Auf der Panamericana Sur fahren wir Richtung Süden. Alle fahren Richtung Süden, es sind
Sommerferien, die Stadtbewohner wollen ans Meer. Die ersten Strandorte südlich von Lima tragen schöne Namen wie Punta Hermosa (schöne Spitze) oder El Silencio (die Ruhe). Ruhig ist es dort jetzt nicht, es sieht aus wie in Rimini, Sonnenschirm an Sonnenschirm und tausend badende Menschen. Am Straßenrand verkaufen fliegende Händler Wasserbälle, Schwimmreifen, Klappstühle, Sonnenschirme. Aber der Himmel ist auch hier gemütlich grau. Wir fahren weiter Richtung Süden, vorbei an Bergen aus Sand und Wüste, bis Cerro Azul. Dann biegen wir links ab und fahren ins Tal des Rio Cañete hinein. Nach zwei weiteren Stunden Fahrt sehen wir am Horizont die Berge golden leuchten. Wir sind in Catapalla, einem Dorf hinter Lunahuaná. Hier hat sich die Sonne versteckt. Hier kann man wandern, raften, reiten oder einfach nur Wein trinken und faulenzen. Hier bleiben wir.
Ein paar Eindrücke von einer Woche in den Bergen.
Zum Weiterlesen hier ein Klimareporter-Artikel über die Wasserressourcen im Cañete-Tal.
Goldrausch im Gebirge
Für das Red Muqui zu arbeiten bedeutet für uns auch viel im Land zu reisen. Kaum zurück aus Cajamarca, geht es ein paar Tage später mit dem Bus in die Cordillera Blanca – das größte Bergmassiv Perus und das höchste tropische Gebirgsmassiv weltweit. Hier finden sich allein 36 Gipfel über 6000 Meter, darunter auch der majestätische Huascarán (6768m), den wir kurz vorher mit der knatternden Propellermaschine überflogen hatten.
Diesmal ging es in die Comunidad Campesina Huarca (Departamento Ancash), wo ein internationaler Konzern Gold abbauen möchte. Mit Jessy und Monika vom Netzwerkpartner CEAS haben wir dort einen Informations- und Empowerment-Workshop mit den Bauern der Comunidad durchgeführt.
Ancash ist eine Region im zentralen Hochland Perús, wo sich die eben erwähnten höchsten schneebedeckten Berge der Cordillera Blanca erheben. Darunter befindet sich das umstrittene Gold, wofür in diesem Land im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzt werden, um daran zu kommen. In Ancash ist ein Großteil der Landesfläche konzessioniert. In ganz Peru sind es knapp 25%, also ein Viertel des Untergrunds welcher verkauft wurde. Die darüberliegenden Flächen, Weiden, Wiesen, Äcker, Flüsse und Lagunen gehören meist den Comunidades. Ihre Landtitel sind also Gold wert und ziehen viele ausländische Investoren an, die hier das große Geld wittern und bei ihren Geschäften nicht immer korrekt handeln, d.h. über die Bedürfnisse der Bauern hinweg entscheiden. In Ancash finden sich viele der Konflikte um Land und Wasser zwischen Bauerndörfern und Bergbaukonzernen. Das Red Muqui arbeitet in dieser Region sowie in fast allen anderen Regionen Perús, in denen solche Konflikte auftreten. Dabei unterstützt das Kollektiv die Comunidades in der Verteidigung ihrer Rechte und analysiert die sozio-ökologischen Konflikte.
Die Gesetzeslage im Land verschärft sich zunehmend zu Gunsten ausländischer Investoren und Bergbaukonzerne und zu Lasten der ländlichen Regionen. Raumordnungsplanung, Umweltstandards und partizipative Mitentscheidungsrechte fallen in der aktuellen Politik kaum ins Gewicht. Stattdessen geht es immer wieder um das neoliberale Entwicklungsmodell, das Ressourcen ausbeutet und finanziellen Profit vor den Schutz der Natur und der Menschen stellt. Die vom Red Muqui durchgeführten Informations- und Empowerment-Workshops sind daher umso wichtiger, um die betroffenen Bevölkerungsgruppen untereinander zu stärken und zu vernetzen – eine wichtige Basis für Veränderungsprozesse.
Nach dem Workshop in Huarca besuchen wir unsere Freundin Patricia, die Mattes noch aus seinen Ecuador-Zeiten kennt und die wir zuletzt 2010 in Bolivien getroffen hatten. Patricia und ihr Mann Nicolas haben sich in der Nähe von Carhuaz gerade ein Haus gebaut, es gibt einen großen Garten, einen Wasserlauf vorm Haus und die Berge dahinter. Ein kleines Paradies. Jakob ackert mit Nachbarin Nelly im Garten, Kommunikation läuft über Quechua, Deutsch und Zeichensprache. Ronja wirft fasziniert Steine in den Bach und grunzt vor Vergnügen wie das riesige, wahrscheinlich sehr glückliche Schwein im Maisfeld nebenan. Und die Eltern schauen zu, wie die Wolken über die Bergkämme ziehen und finden das Leben ganz wunderbar.
El pueblo unido…
…jamás será vencido! Ein bekannter Kampfruf der sozialen Bewegungen, bedeutet übersetzt etwa „gemeinsam sind wir stark“. Im Vorfeld des Cumbre de los Pueblos, dem Alternativgipfel zur Weltklimakonferenz in Lima Anfang Dezember, haben sich in Celendín in der Nähe von Cajamarca einige 100 Vertreter sozialer Bewegungen, zivilgesellschaftlicher Organisationen und Netzwerke getroffen, um sich über die Folgen des von Menschen gemachten Klimawandels auszutauschen, sich im Kampf gegen die ungebremste Ausbeutung von Rohstoffen und der „Madre Tierra/Pachamama“ zu vernetzen und Vorschläge für alternative Entwicklungsmodelle (Buen Vivir) zu diskutieren (puh, das war ein langer Satz. Geht aber nicht kürzer 🙂

Im knatternden Propellerflugzeug sind wir also nach Cajamarca geflogen. Unsere erste größere Reise im Land! Jakob darf vorm Start einmal ins Cockpit und will danach sofort Pilot werden. Falls das mit der Mototaxi-Karriere nichts werden sollte. In Cajamarca kommen wir mit unserem Kollegen Edwin in der Hospedaje Los Jazmines unter, eine Empfehlung eines Kollegen von Grufides (Netzwerkpartner von Red Muqui). Eine sehr gute Empfehlung! Mitten im Zentrum gelegen, mit Garten, Café mit wirklich gutem Kaffee und sehr netten (holländischen) Betreibern. ERoJa bleiben dort und erkunden in den darauffolgenden Tagen die Stadt und Umgebung, während Ma(ttes) mit seinem Kollegen weiterfährt nach Celendín und mit Arbeitsgruppen sozio-ökologische Konflikte und Folgen von Mega-Bergbauprojekten im Land kartiert. Das Ergebnis der Arbeitsgruppen, Workshops und Diskussionsrunden auf diesem dreitägigen Kongress sind konkrete Forderungen an die Politiker des Weltklimagipfels, um auf die verheerenden Folgen des aktuellen Entwicklungsmodells für ländliche Regionen und Bevölkerungsgruppen aufmerksam zu machen.

Protest gegen die geplante Mega-Mine Conga. In der Region Cajamarca gibt es bereits die Mine Yanacocha, die größte Goldmine Lateinamerikas und die zweitgrößte der Welt.
Mattes kommt glühend vor Inspiration zurück, er hat Hugo Blanco getroffen, den legendären Bauern- und Gewerkschaftsführer und Ex-Guerillero, Lourdes Huanca, Vorsitzende der Frauenrechtsbewegung FENMUCARINAP und andere charismatische Menschen.
Hier ein paar Eindrücke von ihm:
…und vom touristischen Rahmenprogramm der anderen drei 🙂
Kleine Oase in der Wüste
Wir haben von einer grünen Oase namens Ecotrulypark gehört, etwa 1 Stunde nördlich von Lima an der Panamericana. Oase klingt gut, also packen wir Taschen, Sonnencreme, Inkacola und Kinder ein und fahren hin. Auf dem Weg sehen wir Sand, Geröll, noch mehr Sand. Und dann auf einmal ein grünes Tal. Mittendrin liegt der Ecotrulypark, gegründet und geführt von einer Hare Krishna Gemeinschaft. Sie haben sich dort ein kleines Paradies geschaffen, die viele Reisende anzieht und Menschen auf der Suche nach Alternativen und Sinn. Manche bleiben ein paar Tage als Voluntarios, manche einige Wochen, andere für immer.
Die Gemeinschaft lebt vegetarisch bis vegan und ernährt sich fast ausschließlich aus eigener Landwirtschaft. Das Essen ist himmlisch. Auf Fleisch und Fisch können wir ein paar Tage gut verzichten. Aber der Kaffee am Morgen fehlt uns. Glücklicherweise gibt es draußen am Strand kleine Stände, die Kaffee in Tütchen verkaufen. Wir werden sofort Stammkunden.
Inspirierend: die aus Lehm gebauten Häuser, Trulys genannt. Yoga morgens um 7. Gemeinsame Mahlzeiten unterm Baum, in dem Hanuman herumtobt, ein kleiner Affe, den die Hare Krishnas adoptiert haben. Gespräche über gutes Leben. Funkelnder Sternenhimmel. Meeresrauschen zum Einschlafen. Barfuß herumlaufen.






































































