Im einem Dorf namens Fortschritt

P1060370Eine andere Welt ist möglich, sagt Eduardo Gudynas, Vordenker des Postwachstum. Er hat ein Buch geschrieben „Die Rechte der Natur“, das liest sich wunderbar. Er rüttelt darin am derzeit verbreiteten Wachstums-Gedanken und fordert eine Abkehr vom Raubbau an der Natur. Lateinamerika brauche mehr regionale Wirtschaftskreisläufe und müsse seine Rolle als reiner Rohstoff-Exporteur ablegen. Nachhaltige Alternativen könnten gemeindebasiserter Tourismus, ökologische Landwirtschaft oder verarbeitende Gewerbe sein – je nach Region. Da in Peru jedoch seit der Kolonialisierung alle Strukturen auf dem Abbau und Export von Rohstoffen aufgebaut sind (siehe Eduardo Galeanos fantastisches Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“), ist das kein leichtes Unterfangen. Zwar wurde 2002 ein Ministerium für Produktion gegründet, das sich der Diversifizierung der Wirtschaftbereiche im Land verschrieben hat. Aber das Ministerium ist ähnlich machtlos wie das Umweltministerium, das nur Marionette ist des Bergbauministeriums. Entsprechend ratlos stehen also die Akteure da. Eine konkrete Antwort hat auch Gudynas nicht. Er ist Utopist, Visionär – er malt die Sonne an den Himmel, aber für alle anderen ist der Himmel weit entfernt.

Neulich haben wir Gudynas kennengelernt, als er mit uns in eine Comunidad mit dem so passenden wie unpassenden Namen „El Progreso“ (Fortschritt) gefahren ist, etwa zwei Stunden von Celendín entfernt. Er erzählte den Dorfbewohnern, warum Extraktivismus – massiver Raubbau an der Natur und der Export dieser Rohstoffe – problematisch ist. Den zweiten konkreten Teil, nämlich welche Alternativen es zu dieser Rohstoffausbeutung gibt, überließ er Mattes. Der schaute sich das Dorf mit den Bewohnern per Satellitenbild an und überlegte mit ihnen, wie sie die Zukunft des Dorfes sehen. Gudynas reiste zurück nach Cajamarca, er hatte noch wichtige Termine. Ein kurzer Auftritt eines großen Theoretikers. Wie das den Dorfbewohnern weiterhilft, ist fraglich. Immerhin sind sie bisher geschlossen davon überzeugt, dass der Bergbau in dieser Region nur Nachteile bringen würde.

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Meine Kollegin Hildegard Willer, ebenfalls freie Journalistin, hat Gudynas vor einem Jahr für die taz zum Thema interviewt. Gudynas sagt in diesem Gespräch, dass Peru bei Weitem die wenigste Offenheit für die Debatte um das „Gute Leben“ (Buen Vivir) habe.  Der öffentliche Diskurs im Land sei sehr einseitig von einer engen ökonomischen Sicht geprägt, die sich in den letzten Jahren noch verstärkt habe. Hinzu komme, dass die großen Medien in Peru sehr konservativ und autoritär seien. In Bolivien und Ecuador habe die Debatte viel mehr Kraft, dort werde der Entwicklungsbegriff auch als kultureller Begriff diskutiert.

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Hinter den Kulissen des Wirtschaftswunders von Peru

Die Regierungsmaschinen aus Frankreich, Deutschland, Kanada, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten stehen aufgereiht am Flughafen, als Eva und ihre Mutter in die Lüfte abheben. Während sie durch Cuzco streifen, sitzt Mattes im Gran Hotel Bolivar im Zentrum von Lima und wirft einen Blick hinter die Kulissen des sogenannten Wirtschaftswunders von Peru. Vom 8. bis 11. Oktober fand in Lima die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank statt. Erstmals seit knapp 50 Jahren fand die Veranstaltung wieder in Lateinamerika statt. 13.000 Finanzexperten – Finanzminister, Notenbanker, Parlamentarier, Fachleute privater Banken und Nichtregierungslogo_BMorganisationen – aus 188 Ländern waren angereist, um über die „Krise der Schwellenländer“ zu diskutieren, die Bewältigung der Flüchtlingsströme und den Klimawandel.

Überhaupt spielte das Klimathema beim Jahrestreffen der globalen Finanzelite eine so dominante Rolle wie selten zuvor. IWF-Chefin Christine Lagarde wählte auf der Konferenz drastische Worte, um auf die globale Erwärmung hinzuweisen. Sollte die Menschheit dem Klimawandel tatenlos zusehen, werde es ihr so ergehen wie dem peruanischen Geflügel, das die Konferenzteilnehmer in Lima genössen, sagte Lagarde während einer Podiumsdiskussion mit Weltbankpräsident Jim Yong Kim und UN-Klimageneralsekretärin Christina Figueres. „Wir werden uns alle in Hühnchen verwandeln und gebraten, gegrillt, getoastet und geröstet“, sagte sie. Kim und Lagarde forderten die Abkehr von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Notwendigkeit von Verbrauchssteuern für Kohlenstoffemissionen.

Mit der Wahl des Tagungsortes in Lima zeichneten Weltbank und IWF ein Land aus, das in den letzten Jahren durch forsches Wirtschaftswachstum aufgefallen ist. In Wirtschaftskreisen und bei Entwicklungsorganisationen gilt Peru als Vorzeigeland. Konsequent seien die Rezepte des Währungsfonds und neoliberaler Ökonomen seit dem Ende der autoritären Herrschaft von Präsident Fujimori im Jahr 2000 umgesetzt worden, schreibt die NZZ. Laut Weltbank ist die Wirtschaft des Andenlandes in den letzten zehn Jahren jährlich im Durchschnitt um 6,4% gewachsen. Im selben Zeitraum habe sich das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt – ein Erfolg, den kein anderes lateinamerikanisches Land vorweisen könne – und liege heute bei 6370 $.

logoSo weit so schön. Das Wirtschaftswunderland Peru genießt den Applaus der internationalen Finanzwelt. Dann fällt der Theatervorhang. Die Protagonisten verschwinden in der Garderobe. Und unter der Maske tauchen andere Gesichter auf, andere Geschichten. Auf dem Alternativforum zum Treffen der internationalen Finanzelite , organisiert vom Komitee zur Abschaffung der Schulden der Entwicklungsländer (CADTM) kamen sie zum Vorschein. „Desmintiendo el milagro peruano“ nannte sich die Veranstaltung, was so viel bedeutet wie „Hinter den Kulissen des Wirtschaftswunders von Peru“. Im Gran Hotel Bolivar am Plaza San Martín trafen sich NGOs, Hilfsorgansationen, Wissenschaftler und Aktivisten und sprachen über die Herausforderung der (wirtschaftlichen) Ungleichheit in Peru und Ländern Lateinamerikas, über alternative Wirtschaftsmodelle, Auswirkungen des Mega-Bergbaus, Menschenrechte und Landsicherung für indigene Völker. Auch die Rolle der internationalen Finanzorganisationen und der Klimawandel wurden ausgiebig debattiert.

Tatsache ist: vom Wirtschaftswachstum profitieren – wie so oft – einige sehr, andere gar nicht. Die Armut im Land ist längst nicht bewältigt. In Cajamarca, der Provinz mit den großen Goldvorkommen, befinden sich die ärmsten Distrikte des Landes. „Sin agua, vivienda, empleo y educación no existe el milagro peruano“ proklamierten entsprechend einige Hundert Aktivisten, die am Freitag auf die Straße gingen, um gegen den Weltbankgipfel zu demonstrieren – ohne Wasser, Wohnung, Arbeit und Bildung gebe es kein peruanisches Wunder.

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Mirtha Vásquez (NGO Grufides, links) und Máxima Acuña (rechts), Widerstandskämpferin aus Cajamarca

Auf dem Gegengipfel waren Organisationen vertreten wie Oxfam, Coordinadora Nacional de DerechoP1060315s Humanos, CARE, IBC (Instituto del Bien Común / Institut für das Gemeinwohl) und AIDESEP (Interethnischer Verband für die Entwicklung des Peruanischen Regenwaldes). Am zweiten Konferenztag stellte das Red Muqui den Fall Yanacocha vor, der größten Goldmine Lateinamerikas in Cajamarca im Norden Perus. In Kooperation mit Grufides und der Plataforma Interinstitucional de Celendín (PIC) zeigten sie den Dokumentarfilm “La hija de la Laguna“ (vom Film-Kollektiv Guarango), über den ich hier schon einmal geschrieben hatte. Máxima Acuña Chaupe und Elmer Campos erzählten, welche Auswirkungen die Macht der Mega-Unternehmen auf ihr Leben hat: Elmer wurde bei einer Demonstration gegen die Erweiterung der Goldmine (Conga-Projekt) in Cajamarca 2012 von einem Polizisten angeschossen und sitzt seitdem im Rollstohl, Máxima kämpft seit Jahren gegen Yanacocha um ihr Land, das sie nicht aufgeben will (siehe Blog-Eintrag David gegen Goliath, April 2015).

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Die Kriminalisierung der Proteste gegen Bergbaufirmen

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Szene aus „Hija de la Laguna“

Der Nabel der Welt

IMG_0695Mit meiner Mutter ein paar Tage in Cuzco. Dunkelblauer Himmel über braun verbrannten Bergen. Herzklopfen in 3400 Meter über dem Meer. Mate de Coca schlürfen. Wuchtige Kirchen. Noch wuchtigere Inkasteine, millimetergenau ineinandergefügt. Mütterchen mit bunten Röcken und Filzhüten, die Kinder im Tuch auf dem Rücken. Kopfsteinpflastergetrappel. Touristenscharen wie Erdmännchenrudel, links schauen, rechts schauen, hoch schauen. Läden voller bunter Stoffe. Palo Santo weht vorüber, es riecht nach Weihrauch. Fliegende Händler bieten Walking Sticks, Teleskopstangen fürs Smartphone und Moskityspray an für die Reisenden nach Machu Picchu, es wird einem an nichts fehlen auf dem Weg dorthin.

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Früher war Q’osco (Quechua für „Nabel der Welt“) das Zentrum des gewaltigen Inkareiches, das sich von Kolumbien und Ecuador über Peru bis ins nördliche Chile und Argentinien erstreckte, ein Gebiet so groß wie vom Nordkap bis nach Sizilien. Tawantinsuyu, das Reich der vier Weltgegenden: Antisuyu (Osten), Chinchaysuyu (Norden), Kuntisuyu (Westen) und Qullasuyu (Süden). Die Inka bauten ein dichtes Netz aus gepflasterten Straßen, kommunizierten über ein ausgeklügeltes System von Knotenschnüren (Quipus) und beteten die Sonne (Inti) an.  In der Blütezeit der Inka glänzte die Stadt voller Gold. Dann kamen die Spanier mit Francisco Pizarro. 1533 marschierten sie in Cuzco ein, töteten die Inkaherrscher,  zerstörten ihre Tempel und bauten auf deren Grundmauern wuchtige Kirchen. Sie ließen fast alles Gold und Silber herbeikarren, einschmelzen und nach Europa verschiffen. Die Bevölkerung Cuzcos starb in Scharen durch eingeschleppte Krankheiten.IMG_0642

Nach den wüsten Jahren der Eroberung verfiel Cuzco in einen Dornröschenschlaf. Die spanischen Kolonialherren verlagerten ihre Aktivitäten an die Pazifikküste, künftig wurden Geschäfte und Politik von Lima aus geregelt. Am ehemaligen Nabel der Welt wurde es ruhig. Manchmal gab es Aufstände der Bevölkerung gegen die Kolonialherrschaft, manchmal gab es Erdbeben, irgendwann feierte Peru die Unabhängigkeit von Spanien. Dann stießen Forscher 1911 auf die mysthische Inkafestung Machu Picchu, überwuchert vom Urwald. Und Cuzco erwachte. Nachdem die Stadt lange Zeit nur mit Bussen oder der Eisenbahn über Arequipa und den Titicacasee erreichbar gewesen war, kamen mit den ersten Flugzeugen immer mehr Touristen. Anfangs ein paar Hundert, dann Tausende. Ende der 1980er waren es 70.000 pro Jahr. 2011, im Jahr des 100. Jahrestags der Wiederentdeckung des „Alten Gipfels“ (Quechua für Machu Picchu) kraxelten 900.000 Menschen in den Ruinen herum. Cuzco ist heute der Nabel der Touristen-Welt in Peru.

Statt uns den Massen anzuschließen, die am Feiertagswochenende zum Machu Picchu strömen, wandern meine Mutter und ich zu den Salzterrassen von Maras und fahren weiter nach Ollantaytambo. Vor 10 Jahren war ich schon einmal hier und verlor mich in den Gassen des kopfsteingepflasterten Dorfes, das wie aus der Zeit gefallen schien. Wir klettern zur Ruine auf dem Berg Pinkuylluna hinauf, in der ich damals mit meinem Reisebegleiter und zwei Kindern aus dem Dorf gesessen hatte. Als ich auf Ollantaytambo herunterblicke, verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart. Was ist Zeit, frage ich mich. War ich jemals woanders als hier? Es fühlt sich gut an, da oben zu sitzen, der Himmel spannt sich weit und blau über den Bergen. Irgendwann steigen wir wieder herunter. In der Ferne hören wir das Tuten des Machu-Picchu-Touristenzugs im Urubamba-Tal. Es klingt wie ein trauriger Lockruf. Dann fahren wir zurück nach Cuzco.

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Cusco 2015 & 2005 (re.)

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Recherchereise in den Regenwald

P1060040„Hier ist sie, die Mutter“, sagt Grimaldo und zeigt auf eine kleine grüne Raupe, die regungslos am Stamm eines Erdnuss-Strauchs klebt. Jede Pflanze besitzt eine Mutter, eine Art guten Geist, sagt der Kleinbauer, der in der indigenen Gemeinde El Naranjal in der Nähe von Lamas lebt. Lamas ist eine Kleinstadt von 20.000 Einwohnern und liegt auf einem Hügel von 300 bis 900 Höhenmetern in der Nähe von Tarapoto im Amazonasgebiet von Peru. Das Klima ist tropisch, man kann die weiten Tiefebenen des Regenwaldes schon erahnen, wo sich die breiten Flüsse des Amazonas, Ucayali und Marañon wie Lebensadern durch das dichte Grün schlängeln.

P1060228Die Infostelle Peru und der Nachrichtendienst Comunicaciones Aliadas haben mit der Finanzierung des BMZ zwei Recherchereisen in den peruanischen Regenwald organisiert, um die Berichterstattung über das Amazonasgebiet zu stärken. 16 junge Journalisten aus Lima sollen aus erster Hand erfahren, was die Anliegen und Probleme der indigenen Bevölkerung im Amazonasgebiet sind und zu Umweltthemen recherchieren, die in den Medien der Hauptstadt nur wenig oder keine Beachtung finden. Mitte September reiste die erste Gruppe von 8 Journalismus-Studierenden nach Nauta in die Provinz Loreto, zwei Wochen machte sich die zweite Gruppe auf den Weg nach Lamas (Provinz San Martín). Barbara Fraser, US-amerikanische Umweltjournalistin und Nieves Vargas von Comunicaciones Aliadas haben sie begleitet. Im Auftrag der Infostelle Peru konnte ich bei der zweiten Reise ebenfalls dabei sein.

P1060221„Wir bitten die Natur um Erlaubnis, bevor wir säen, ernten oder jagen gehen“, sagt Grimaldo jetzt. „Man kann nicht einfach losmarschieren in den Wald, das bringt das ganze Gefüge durcheinander“. Die Weltanschauung der Bewohner des Amazonasgebiet beruht auf einer starken Verbindung zur Natur. „Der Wald atmet, in den Stämmen der Bäume sitzen Geister und in den Tieren die Seelen Verstorbener“, beschreibt Grimaldo. Das Wohlergehen hängt von der Kontrolle dieser zahllosen übernatürlichen Kräfte ab. Mit Riten und Zeremonien bewahren sie die universale Harmonie, magische Mittel spielen eine wichtige Rolle. „Für uns ist der Regenwald ein lebendiges Wesen“, sagt Grimaldo.

Die jungen JournalistInnen schreiben fleißig mit. Zu Beginn der Reise haben sie sich drei Themen zugeordnet, zu denen sie während der knappen Wochen in Lamas recherchieren wollen: den Konflikt um Land, wo sich Naturschutzgebiete in traditionell angestammten Gebieten indigener Gemeinden befinden; die biologische Vielfalt angesichts vermehrter Monokulturen in der Landwirtschaft; und die Umweltbelastungen durch die Schweinefarm „Don Pollo“. P1060215P1060049

    Jeden Morgen ziehen die Nachwuchsjournalisten in drei Gruppen los, ausgerüstet mit Notizblock, Stift, Aufnahmegerät und Kamera. Sie besuchen indigene Gemeinden wie El Naranjal oder Mishquillakillu, sprechen mit Dorfältesten und Anthropologen, interviewen Lokalpolitiker und Vertreter von NGOs wie CEPKA (Ethnischer Beitrat für Quechua-sprachige Dörfer im Amazonasgebiet). Sie streifen über die Felder und fragen nach traditionellen Anbaumethoden, sie probieren frischen Zuckerrohr und Suris, dicke Maden, die aus morschen Stämmen geklaubt und gebraten verspeist werden, sie gelten als wichtiger Proteinlieferant. P1060006„Es kommt mir so vor, als ob ich hier eine Tür zu einer Welt öffne, von der ich bisher überhaupt nichts wusste“, bemerkt Emily einmal, eine der jungen Journalistinnen. Ihre Gesprächspartner – Frauen mit Kindern, junge Männer, Greisinnen – berichten von der richtigen Nutzung von Heilpflanzen, von der BlogP1060001Beschwörung der Geister und Götter des Waldes, sie erzählen davon, wie Ältere die Jüngeren mitnehmen auf die Jagd und sie lehren, wie man sich im Wald bewegt. Immer wieder erwähnen sie die Arbeit in Gemeinschaft, Choba Choba genannt, wie sie seit langer Zeit um Lamas und Awajún in der der Region San Martín ausgeübt wird.

Die Bewohner der Gemeinden begegnen ihnen offen, es kommen nicht oft Journalisten in diese Region. Das verwundert, denn die Abholzung und Verbreitung von Palmölplantagen und Minen im Regenwald haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Tausende Hektar Wald sind in den vergangenen Jahren im peruanischen Regenwald gerodet worden. Laut Pedro Tipulo vom Amazonischen Netzwerk für Umweltinformationen (RAIS) verschwand allein zwischen 2000 und 2010 eine Fläche von 240.000 km², das entspricht etwa der Fläche von Österreich, der Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg.

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Abends sitzt Emily mit den anderen jungen Leuten im Gemeinschaftshaus der NGO Waman Wasi zusammen, hier ist die Gruppe untergebracht. Sie diskutieren über das Leben im Einklang mit der Natur, über die Politik in Lima, soziale Bewegungen und Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem, das vor allem auf Raubbau an der Natur beruht. Draußen dröhnen die Insekten so laut wie startende Flugzeuge, es summt und raschelt, die Nacht ist lau.

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Die Waman Wasi (Quechua für „Haus des Falken“) arbeitet seit 12 Jahren mit indigenen Quechua-sprachigen Gemeinden um Lamas im Bergregenwald zusammen. Sie fördert Initiativen für kulturelle Vielfalt, Biodiversität, kleinbäuerliche Landwirtschaft, indigene Rechte und die intergenerationale Weitergabe von traditionellem Wissen in Quechua-sprachigen Gemeinden.

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Die Nachwuchsjournalisten werden ihre Reportagen und Hintergrundberichte in den kommenden Wochen über den Nachrichtendienst von Comunicaciones Aliadas veröffentlichen. Weitere Texte werden voraussichtlich in den Tages-und Wochenzeitungen der Hauptstadt sowie in Online-Nachrichtendiensten erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass das Amazonasgebiet in Peru künftig respektvoller behandelt wird, als es derzeit der Fall ist. Die Geister und Götter des Waldes werden sich sonst irgendwann rächen.

Zum Artikel, der bei der Infostelle Peru veröffentlicht wurde

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Was vom Leuchtenden Pfad übrig blieb

In Peru gibt es eine Tür zu einem Zimmer, die ist fest verschlossen. Die Menschen im Land wissen, dass es das Zimmer gibt, sie kennen die Geister, die darin herumspuken und die Geschichten, die sich darin abgespielt haben. In diesem Zimmer hat der peruanische Bürgerkrieg stattgefunden. Die 20 Jahre zwischen 1980 und 2000, als die maoistische Guerillagruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) gegen das Militär kämpfte, Unschuldige folterte und verschwinden ließ und über 70.000 Menschen starben, vor allem Angehörige der Quechua-sprachigen Landbevölkerung.

Peru trägt eine offene Wunde mit sich herum, die noch lange nicht verheilt ist. Seine Bewohner eilen geschäftig hin und her, sie haben zu tun, sie kurbeln die Wirtschaft an, indem sie die Berge und die Erde durchwühlen auf der Suche nach Gold und Silber und Erdöl, sie exportieren und „entwickeln sich“, man spricht von Peru jetzt als Schwellenland, die Menschen bauen hohe Häuser und drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern der gläsernen Konsumpaläste. Opfer und Täter wollen vergessen und die blutigen Jahre hinter sich lassen.

Aber die Wunde eitert. Die Geister im Zimmer spuken.

Im Film “Magallanes” (Regisseur Salvador del Solar), der gerade im Kino läuft, setzt sich die Vergangenheit eines Tages einfach ins Taxi.

Es ist die Geschichte eines gealterten Taxifahrers (Damián Alcázar), Magallanes sein Name. Er war Gehilfe eines gefürchteten Militäroffiziers auf Regierungsseite in den blutigsten Tagen des bewaffneten Konflikts in Peru. Heute bessert er sein mageres Taxigehalt mit täglichen Ausflügen für einen senilen Herrn auf. Dieser Greis ist der einst gefürchtete Colonel. Er hielt damals ein indigenes Mädchen, die 13-jährige Celina, als Sexsklavin in seinem Zimmer, über ein Jahr lang.

Als eben jene Celina (Magaly Solier, bekannt aus dem Film „La Teta Asustada“, der 2010 für den Oscar nominiert war) eines Tages in das Taxi von Magallanes steigt, wirft es diesen schlagartig zurück in die Zeit des Bürgerkriegs, als er die rechte Hand des Colonels war, aber auch Celina liebte. Damals verhalf er Celina zur Flucht. Heute lebt die scheue Frau mit ihrem behinderten Sohn in einem Armenviertel in Lima und führt einen Friseursalon, der nichts einbringt. Magallanes will das Geschehene wieder gut machen. Mittels eines Fotos, das den Colonol mit dem Mädchen zeigt, will er den wohlhabenden Sohn des Colonels erpressen und das Geld Celina geben. magallanesIn der Geschichte brechen Wunden auf, werden Türen aufgerissen, die verschlossen bleiben sollten. Es ist markerschütternd, als Celina am Ende des Films auf der Polizeistation vom Spanischen ins Quechua wechselt. In ihrer Muttersprache schleudert sie all ihre Wut hinaus über das, was man ihr angetan hat, die Trauer über ihre Eltern, die sie nie wiedergesehen hat, das Trauma, das bleibt. Es gibt keine Untertitel für diese Szene. Die Wörter ergießen sich in einem Schwall über den Zuschauer. Sie gehen ins Mark, auch wenn man sie nicht versteht. Weil man sie nicht versteht. Weil man nur ahnen kann, wie sich diese über Jahrhunderte manifestierte Ungerechtigkeit, Herablassung, Gewalt gegenüber den Pueblos Indigenas von den Betroffenen anfühlt. Was wissen denn die Mittelschichts-Limenos über ihre Mitmenschen aus dem Hochland? Sie sprechen ihre Sprache nicht, sie verstehen ihre Weltanschauung nicht, ihren Bezug zu Pacha Mama (Mutter Erde) und Mama Llacu (Mutter Wasser). Es prallen zwei Welten aufeinander in dieser Szene. Am Ende gehen sie getrennter Wege. 

Die Kommunistische Partei Perus – auf dem Leuchtenden Pfad José Carlos Mariáteguis (bekannter unter dem Namen Leuchtender Pfad – Sendero Luminoso) war Ende der 1960er aus einer Studentenbewegung an der Universität San Cristóbal de Huamanga in Ayacucho entstanden. Sein Gründer und Anführer, der Philosophieprofessor Abimael Guzmán, hatte Ende der 1960er Jahre das China der Kulturrevolution bereist und begann unter diesem Vorbild, Anhänger unter den Studenten zu sammeln. Sein politisches Ziel war der völlige Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung, eine Kulturrevolution nach maoistischem Vorbild. Cartel-propagandistico-Sendero-Luminoso-Google_CYMIMA20150602_0009_16Ayacucho war damals eine der ärmsten Provinzen Perus. Bei der überwiegend indigenen Bevölkerung weckte Guzmán anfangs Hoffnungen auf eine Besserung der Lebensverhältnisse. Im Jahr 1980 rief der Sendero Luminoso zum Wahlboykott auf und erklärte den bewaffneten Kampf. Zuerst verbrannten sie die Wahlurnen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Ayacucho, dann folgen Überfälle auf Polizeistationen und Dörfer. 1982 rief die Regierung in der Provinz den Ausnahmezustand aus und schickte das Militär in die Region.

Abimaél Guzmán und seine Anhänger waren in ihrer Ideologie und Praxis extrem radikal auf eine Weise, die es in Lateinamerika so vorher nicht gegeben hatte. Guzmán, der sich Presidente Gonzalo nannte oder „Das vierte Schwert der Weltrevolution“ (nach Marx, Lenin und Mao), verlangte absolute Unterwerfung unter seine Führung. Obwohl viele Kader des Sendero bäuerlicher Abstammung waren, nahm er auf indigene Traditionen keine Rücksicht. Stattdessen verlangte er von den Bauern bedingungslose Unterstützung. sendero-luminosoDie Senderisten rekrutierten in den von ihnen kontrollierten Gebieten oft unter Gewaltandrohung Kämpfer aus der Bevölkerung. Für die Armee galt daher bald jeder Bauer im Hochland als potenzieller Terrorist. Sowohl die Guerilleros als auch das Militär bestraften die Zusammenarbeit der Dorfbewohner mit dem jeweiligen Gegner. In den abgelegenen Regionen des Berglandes kam es zu zahlreichen Massakern an der mehrheitlich indigenen Landbevölkerung.

Die Menschen flohen in Massen aus den betroffenen Regionen nach Lima. In den 1990er Jahren kamen jährlich mehr als 200.000 Menschen in die Hauptstadt. Sendero_LuminosoHier kontrollierten die Senderisten mit einem dichten Spitzel- und Sympathisantennetz die Elendsviertel, verübten Bombenanschläge und ermordeten Aktivisten anderer linker Organisationen. Im Jahr 1990 war der Sendero Luminoso in der Hälfte des Landes aktiv. Die Situation der damaligen Zeit beschreibt der Roman „Tod in den Anden“ des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa, der 1990 bei der Präsidentenwahl Alberto Kenya Fujimori unterlag. Fujimori regierte von 1990 bis 2000 und wurde schließlich wegen Korruption und Verletzung der Menschenrechte seines Amtes enthoben. Heute sitzt er im Gefängnis. Seine Tochter Keiko kandidiert derzeit für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Sie hat gute Chancen, gewählt zu werden. Man fragt sich ernsthaft, wie sie so weit kommen konnte. 

Auch wenn der Krieg längst vorbei ist – die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Manche haben nie das Ende des Bewaffneten Konflikts erlebt. Ende Juli befreite die Armee über 50 Geiseln aus den Händen der Rebellen, darunter viele Frauen und Kinder, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind. Manche Frauen hatten 25 Jahre in Gefangenschaft verbracht. 

Für die Lateinamerika Nachrichten habe ich über die jüngste Geiselbefreiung einen Artikel geschrieben, HIER könnt ihr ihn als pdf herunterladen und lesen.

Das Dorf der Zukunft

Blog_P1050985Seit einigen Monaten ist Mattes regelmäßig auf dem Land unterwegs, um gemeinsam mit den Partnerorganisationen des Red Muqui Workshops mit der Landbevölkerung zu machen. Sie arbeiten zu Themen wie Nutzung von Naturressourcen, Umweltmonitoring, Alternativen zum Bergbau, Buen Vivir, Empowerment von ländlichen und indigenen Gemeinschaften u.v.m.

Mitte September fuhr Mattes mit seinem Kollegen Edwin und Elki von der NGO CooperAcción nach Huamachuco. Das Dorf liegt fünf Stunden von Trujillo entfernt in den nördlichen Anden (Region La Libertad). Die NGO Proyecto Amigo, ebenfalls Socio des Red Muqui, arbeitet hier mit der Bevölkerung zu Raumordnungsplanung (Ordenamiento Territorial, kurz OT). Blog_P1050893Auf dem Treffen stellten sie ihre Erfahrungen mit Raumplanung vor und informierten die Leute darüber, wie die Nutzung und Verteilung des Landes auf nationaler Ebene gehandhabt wird. Das Problem ist nämlich, dass es keine offizielle Raumordnungsplanung gibt. Anders als in Deutschland, wo das Raumordnungsgesetz genau festlegt, wie Regionen genutzt, entwickelt und gesichert werden sollen, ist das Land in Peru bis auf wenige Ausnahmen (Naturschutzgebiete, religiöse Stätten) fast nirgends registriert. Nur wenige Regionen haben Pläne, die bestimmte Gebiete für bestimmte Tätigkeiten ausweisen. Man macht sich das Land zu eigen, wie es gerade passt – seien es Privatpersonen oder Unternehmen. Darum gibt es in Peru so viele Konflikte um Land: wem gehört das Land im Regenwald, wo comunidades nativas leben ohne offizielle Landtitel und wo Konzerne nach Erdöl bohren? Wer darf das Land nutzen in den Bergen voller Kupfer und Gold, wo die Interessen von Dorfgemeinschaften denen großer Minengesellschaften gegenüberstehen?Blog_P1050917In Huamachuco gibt es einen Berg, der Cerro del Toro genannt wird. Im Berg hat man vor Jahren viel Gold gefunden. Kurz darauf kam der Bergbau in die Region, formell (offiziell registrierte Minengesellschaften) und informell (einfache Goldschürfer ohne Genehmigung). Heute durchwühlen Menschen und Maschinen den Berg und tragen Schicht um Schicht ab, um das kostbare Mineral herauszuholen. Das hat die üblichen Umweltbelastungen mit sich gebracht, Verschmutzungen von Luft und Wasser, Landvertreibungen usw.

Die Comunidad Paranshique liegt gegenüber dieses Berges voller Gold. Man kann die Detonationen hören, wenn das Gold aus dem Berg gesprengt wird, man sieht die Maschinen über den kahlen Berg rollen. Noch schaut das Dorf zu, aber der informelle Bergbau klopft mit seinen Versprechungen bereits an die Türen der Bewohner.

Proyecto Amigo und Red Muqui sind nach Paranshique gefahren und haben die Bewohner eingeladen, ihr Dorf zu kartieren. Sie begannen mit einer einfachen Grundrisskarte, kartierten Flora und Fauna, Naturressourcen und ergänzten ökonomische Details – wo gibt es Landwirtschaft, Märkte, Arbeit? Im letzten Schritt kartierten sie die Konflikte des Dorfes: in welchen Gebieten ist die Arbeitslosigkeit hoch, wo gibt es Migration, Vertreibung oder Umweltverschmutzung?

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Die zentrale Frage des Workshops war: Wie wollt ihr in Zukunft leben? Wie soll euer Dorf in 15 Jahren aussehen? In einer Art Zukunftswerkstatt überlegten die Bewohner, mit welchen konkreten Schritten und Aktivitäten sie ihr Dorf gemeinsam so gestalten können, dass es für sie ein lebenswerter Ort bleibt.

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Eine gemeinsam gestaltete Raumplanung von der Basis aus könnte ein Ansatz sein für Comunidades, in denen der Bergbau bereits um die Ecke lugt und der die Dörfer einzunehmen droht, wenn sie sich nicht zusammensetzen und überlegen, was für ein Leben sie in Zukunft führen wollen. Es ist wichtig, sich schon vorher nach Alternativen zum Bergbau umzuschauen als im Nachhinein zu realisieren, dass der Bergbau den Dörfern nur kurzfristigen Gewinn gebracht hat und danach verbrannte Erde hinterlässt.

Aufgrund der großen Nachfrage wird es im November einen weiteren Workshop in Huamachuco geben.

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Im Zillertal des Regenwaldes

Blog_Peru 203Es war einmal eine Gruppe von Tirolern und Rheinländern. Die zog um 1850 nach Peru, weil sie in ihrer alten Heimat kein Auskommen mehr fand. Die österreichischen Bauern litten unter der Industrialisierung, hohen Steuern, Schulden und Hunger. Zu dieser Zeit warb die peruanische Regierung Immigranten an, um das Regenwaldgebiet zu erschließen und zu besiedeln. Eine Handelsstraße sollte dort entstehen. Die Überfahrt der Siedler im Jahr 1857 dauerte vier Monate. Der längste Teil der Reise lag jedoch noch vor ihnen. Nach Pozuzo sollten sie gehen, entschied die peruanische Regierung bei ihrer Ankunft in Lima. Der Ort liegt etwa 300 Kilometer Luftlinie von Lima entfernt in völliger Abgeschiedenheit im Berg-Regenwald. Mit dem Bus fährt man diese Strecke in 10 Stunden,  hoch in die Anden und über den 4800 Meter hohen Ticliopass. Die Siedler von damals brauchten mehr als zweieinhalb Jahre. Als sie in Cerro de Pasco (4300 Meter ü.NN) ankamen, mussten sie feststellen, dass die peruanische Regierung den versprochenen Pfad nach Pozuzo nicht gebaut hatte. Manche trennten sich daraufhin von der Gruppe und suchten ihr Glückk als Arbeiter in einer der vielen Minen. Andere blieben und bauten auf eigene Faust einen Weg durch die Wildnis nach Pozuzo.

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Von 400 Menschen, die in Lima starteten, kamen im Sommer 1859 etwa 170 in Pozuzo an. Zehn Jahre später kamen noch einmal 200 Tiroler und Bayern. Dann kam niemand mehr. Zu abgelegen ist der Ort und das Leben war anfangs bei weitem nicht so, wie es den Auswandern versprochen wurde. Es plagten sie Hunger, Krankheit und Heimweh. Aber die Siedler blieben. Einige zogen noch weiter und gründeten die Siedlungen Oxapampa und Villarica. Sie fingen an, Kühe und Schafe zu halten und Mais, Reis, Kaffee und Früchte anzubauen. Vieles in Subsistenzwirtschaft, anderes verkauften sie. Die Wege zu den Märkten waren mehrtägige und beschwerliche Fußmärsche. Eine befahrbare Straße bis Pozuzo gibt es erst seit 1976.

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Heute leben die Nachfahren der Siedler gut von der Landwirtschaft – und vom Tourismus. Vor allem Peruaner sind neugierig auf das Tiroler Dorf im Regenwald. Pozuzo bezeichnet sich stolz als die „einzige  österreichisch-deutsche Kolonie der Welt“. Folklore wird gehegt und gepflegt, wohlwollende Österreicher Vereine engagieren sich für den Erhalt des Tiroler Dialekts, der immer weniger gesprochen wird. Sie schicken Geldpakete und sorgen sich um das Wohlergehen ihrer weit entfernt lebenden Landsmänner und -frauen. Dabei geht es den Nachfahren der damaligen Siedler besser als so manch anderem Zugewanderten. Sie besitzen die bestgelegenen Ländereien an Flussufern und mit gutem Zugang zu Straßen und nutzen modernste Technologien in der Landwirtschaft. Das hat schon zu einigen Konflikten geführt. Auch das Auftauchen fremder Siedler  in einem Gebiet, das vor allem um Oxapampa herum von anderen ethnischen Gruppen wie den Asháninka oder den Yaneshas besiedelt war, verlief anfangs alles andere als reibungslos. Es gab Konflikte um Land und Lebensweisen. Mittlerweile haben sich die verschiedenen Gruppen miteinander arrangiert,  die Plurikulturalität der Region ist heute mehr Bereicherung als Belastung.

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Wir verbringen eine Woche zwischen grünen Hügeln, Kuhweiden und spitzgiebeligen Häusern in Oxapampa und staunen. Es ist eine spannende Mischung aus den verschiedensten kulturellen Einflüssen – Tiroler Folklore und deutsche Sprachwurzeln im Berg-Regenwald, indigenen Asháninka und Hochlandperuanern aus Huancayo. Die Straßen heißen Mullenbrock und Koch, die Pensionen „Frau Maria Egg“ und „Gästehaus Schmidt“. In den Gaststätten servieren die Oxampampinos Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat und Würstchen. Und Bananenstrudel, weil es nun mal Bananen sind, die im Regenwald wachsen und nicht Äpfel.

Blog_Peru 013Peru 231Am peruanischen Nationalfeiertag sitzen wir in unserer rustikalen Hütte und sehen im Dorf die Feuerwerkskörper in den Himmel steigen. Zikaden zirpen, Mücken tanzen Pirouetten, die Luft ist angenehm kühl. Musik schallt herüber. „Ja das sind die Musikanten aus dem Zillertal“ jodelt die Band. „Der Anton der macht Umtata…und die Neger spieln an Samba auf und wackln mitm Bauch“. Ach du meine Güte. Zu viel Folklore kann auch doof machen. Wir sind dann lieber ins Bett gegangen.

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Einmal in die Nacht und zurück

Eigentlich wollte ich über unsere Reise in den Regenwald schreiben, über die Spuren einer Kolonie von deutschen Siedlern mitten in Peru, wo die Straßen Müller und Schultze heißen und am Straßenrand „Goulash“ verkauft wird. Aber heute gibt es eine andere Geschichte, deren Plot ich mir nie hätte ausdenken mögen. Aber das Leben hat sie uns auf den Tisch geknallt und also soll sie erzählt werden.

Freitag abend. Die Kso it goesinder im Bett, ich im Kino, Babysitterin war da. Komme nach Hause, tschüss Maria. Ab ins Bett. Mattes soll morgens aus Otuzco wiederkommen. Das Wochenende liegt vor uns. Aber dann kommt die Nacht, die mich vor Schmerzen fast zerreißt und hineinkatapultiert in die Notaufnahme. In den OP-Saal. Auf die Intensivstation. Und so gerade wieder zurück.

In der Woche davor war ich müder gewesen als sonst. Hatte etwas Bauchschmerzen gehabt. Kommt vor. Was wir nicht wussten: Ich war schwanger. Aber das Baby saß am falschen Ort, im Eileiter.  Wenn man das nicht rechtzeitig bemerkt, wird es lebensbedrohlich. In meinem Fall sind 3 Liter Blut in den Bauch gelaufen. Darum die höllischen Schmerzen. Im Morgengrauen, als Mattes kam, war ich mehrmals bewusstlos geworden.

Er schnappte sich die Kinder, zog ihnen Jacken über die Schlafanzüge und organisierte einen Rollstuhl. Schob mich in die nahegelegene Klinik. Emergencia. Viele Ärzte beugen sich über mich. Blutentnahme, Schläuche mit Flüssigkeiten, Untersuchungen. Ich kriege keine Luft. Schnelle Blicke zwischen den Ärzten. Sofort in den OP-Saal. Mir ist alles egal. Ich sehe tausendfach sich spiegelnde Ärzte im Aufzug, einen kahlen Raum, grelle Lichter. Zwei Atemzüge und dann wirkt die Narkose.

6 Stunden später wache ich auf. Fühle mich hellwach in einem fremden Körper. Will aufstehen, aber kann nicht. Die Ärztin sagt, ich sei gerade nochmal davongekommen. Wirklich? denke ich. Erst in den darauffolgenden Tagen verstehe ich so langsam, was sie damit meint. Begreife die Tragweite dieser furchtbaren Nacht. Verabschiede mich von dem kleinen Lebewesen in mir, das wir leider nicht kennenlernen konnten. Und schließe vorsichtig die Tür zum Tod in dem Haus, der mein Körper ist.

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Die Reise geht weiter. Danke an alle Weggefährt_innen, die mich bisher begleitet haben. Ich freue mich aufs nächste Wiedersehen und -hören 🙂

Ich bin übrigens wieder zuhause. Muss mich noch viel ausruhen, aber die Wunde verheilt gut. Der Kopf wird noch eine Weile brauchen.

 

 

Lass dich überraschen…

…sang Rudi Carrell vor vielen Jahren. „Schnell kann es geschehn und schon werden Wunder in Erfüllung gehn“. So gesungen, schon geschehen.

P1050670P1050698Als wir vor ein paar Wochen ein paar Sachen zusammenpacken, um das Wochenende im Sommerhaus unseres Vermieters zu verbringen (gracias Edwin!), ist es grau und kühl in der Stadt. Das Haus liegt im Fischer- und Ferienörtchen San Bartolo am Meer, nicht weit von Lima, gleiche Klimazone also. Wir denken an Nordseewetter und packen Mütze, Schal und Gummistiefel ein. Keinen Sonnenhut, keine Sonnencreme, keine Badehosen. Hätten wir mal. Denn als wir nach einer guten Stunde im wahrhaft schönen Sommerhäuschen von Edwin ankommen, lugt die Sonne durch die Wolken. Macht sich ganz breit am irgendwann ganz blauen Himmel. Wir blinzeln ungläubig nach oben. Ziehen Schicht um Schicht unserer Kleidung aus. Kaufen geschwind Sonnencreme. Eine nette Dame leiht den Kindern am Strand Strohhüte. Die Kinder buddeln Burgen. Mattes geht surfen. Eva kriegt Sommersprossen. Alle glücklich. Sommertag im Winter, schubiduuu.

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Im richtigen Sommer, also im Februar, gab es einmal an einem anderen Strand in Lima (Playa Ancón) Proteste gegen die Abschottung der Reichen an den Stränden und die Diskriminierung derjenigen, die nicht zu dieser exklusiven Gruppe von Strandhausbesitzern gehören. An öffentlichen Stränden wie in Ancón, aber auch in Asia und La Punta, wurden Schilder aufgestellt, um unliebsame Besucher fernzuhalten. Seile, Zäune, aber auch Menschenketten und Wachleute  unterteilten den Strand in verschiedene Abschnitte – einer für die reichen Anwohner, einer für den Rest. „El lugar es privado y solo para residentes“ rechtfertigen manche Besitzer der weiß getünchten Sommerresidenzen mit Meerblick dieses Vorgehen, der Strand sei privat und nur Anwohner dürften ihn nutzen. „Aber der Strand ist doch öffentlich“, sagen die anderen, wir haben genauso ein Anrecht darauf, hier zu sein.“

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Apartheid am Strand – ein Seil trennt die Gruppen. Sonnenschirme waren zu diesem Zeitpunkt noch erlaubt. Ancón ist nur einer von mehr als 50 Stränden mit eingeschränktem Zugang für die Normalbevölkerung.

„Con Ollas y Sombrillas“ demonstrierte also eine Gruppe von Menschen im Hochsommer gegen die diskriminierenden Praktiken an den Stränden Limas. Töpfe (als Symbol für Essen) und Sonnenschirme deswegen, da beides am Strand verboten ist – für die gewöhnliche Bevölkerung. Die Anwohner hingegen haben Anspruch auf ihre fest installierten Palmwedel-Sonnenschirme und Liegestuhl-Service durch anliegende Clubs.

Letzen Endes geht es nicht nur um den Strand, um Sonnenschirme oder ob man Essen mitbringen darf. Es geht um tief sitzende rassistische Strukturen in Peru, um Privilegien und Machtverhältnisse, die nicht hinterfragt werden. Es geht um gesellschaftlichen Status aufgrund von Hautfarbe, um eine Gesellschaft, in der Menschen mit dunklerer Hautfarbe vor allem als Hausangestellte arbeiten, als Kindermädchen oder Kellner. Die Zeit des jahrhundertelangen Kolonialismus in Peru, des gesellschaftlich gepflegten Rassismus hat ihre Spuren hinterlassen. Zeit, etwas zu verändern.

Hier der link zu einem Artikel zu diesem Thema auf Plattform für kritische Berichterstattung aus Peru, LaMula.pe

Viel Land in den Händen von Wenigen

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Im Juni hat das Red Muqui mit der Universität San Marcos (Lima) und der Universität Gent (Belgien) eine internationale Konferenz organisiert zum Thema „Luchas Sociales por la Tierra“, soziale Konflikte um Land. Wissenschaftler wie Alberto Acosta und Vertreter sozialer Bewegungen debattierten zwei Tage lang über die Auswirkungen des Raubbaus und Ausverkauf des Landes in Peru und mögliche Alternativen, wie die Solidarische Ökonomie oder die Stärkung der (familiären) Landwirtschaft.

Hier geht es zum Artikel, den wir für die Infostelle Peru geschrieben haben.

Und hier zum Red Muqui-Artikel für Spanisch-Lesende.

Und hier ein Trailer zu einem Filmprojekt „Hija de la Laguna“ der Dokufilm-Gruppe Guarango. „El oro no se come“ – Gold kann man nicht essen. Sehenswert.

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