Alltagsgeschichten

1Eine unserer Leser*innen hat uns gefragt, ob wir ein bißchen von unserm Alltag als deutsche Familie in Lima erzählen können. Das tun wir gerne. Hier also ein paar Eindrücke nach zwei Jahren:

Als wir mit unseren sieben Koffern, Laufrad, Kinderwagen und diversen Rucksäcken im August 2014 in Peru ankamen, war einiges vertraut und einiges neu. Vertraut war, dass wir schon diverse Male in Lateinamerika waren, in Ecuador, Bolivien, Kuba. Wir sprachen Spanisch, kannten und liebten Salsa und Cumbia, hatten bereits Cuy (Meerschweinchen) gegessen, waren unabhängig voneinander zum Machu Picchu geklettert und in knatternden Mototaxis (zu Taxis umgebaute dreirädrige Motorräder) durch die Gegend gefahren. Neu war, dass wir hier mit zwei Kindern, sieben Koffern und der Aussicht standen, einige Jahre hier zu bleiben und uns allmählich einen Alltag in der 10-Millionen-Stadt Lima aufzubauen.

Die ersten Monate waren eine Zeit der Orientierung, ein Auf und Ab der Gefühle, der Überforderung mitunter, der Suche: nach einer Wohnung,  einer geeigneten Kita, nach Fahrradwegen, Freunden. Wir hatten Glück und fanden eine schöne Wohnung, eine wunderbare Kita, wir kauften Fahrräder und fanden Fahrradwege, Freunde und Bekannte. Die wichtigsten Begleiterinnen in diesen Monaten:  Geduld und Zuversicht. Dass sich schon alles finden wird. Manches früher, manches später.

Und heute? Vieles ist so normal geworden, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Manches fällt uns immer noch auf: dass wir (anders als in z.B. derzeit in Europa) als Ausländer*innen herzlich aufgenommen werden. Nur ein brummeliger Nachbar blafft uns jedesmal mit einem herzlichen „Gringos!“ an, alle anderen sind interessiert, offen, neugierig. Deutschland gilt vielen als gelobtes Land, das Sicherheit und Perspektiven verspricht. Dass das nicht immer so ist und der politische Kurs in Deutschland gerade eher besorgniserregend ist, ist eine andere Geschichte.

Parque del Amor, Miraflores

Parque del Amor, Miraflores

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Blick aus dem Wohnzimmer, Jesús María

 

 

 

 

 

Uns ist bewusst, dass wir trotz unseres für deutsche Verhältnisse sehr bescheidenen Gehalts hier ziemlich privilegiert leben. Wir haben eine wunderschöne große Wohnung, die wir uns mit Freunden teilen, wir können die Kinder in eine für peruanische Verhältnisse recht teure Kita schicken, im Taxi herumfahren, regelmäßig unsere Babysitterin anfragen, Essen gehen, verreisen. Wir haben über unseren Entwicklungshelfervertrag eine Krankenversicherung, die für viele Peruaner*innen völlig unerschwinglich wäre. Eine gute medizinische Versorgung kostet hier viel viel Geld. Es gibt einige staatliche Krankenversicherungen, aber die decken nur einen Bruchteil ab von dem, was viele in Deutschland an medizinischer Versorgung gewöhnt wären. Oft sammeln Freunde und Familie das Geld für die Betroffenen zusammen. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass man selbst in der Notaufnahme erst einmal Bares auf den Tisch legen muss, um überhaupt behandelt zu werden.

Wir wissen um diese Privilegien und versuchen so gut es geht,  andere daran teilhaben zu lassen und den Blick auf die vielen anderen Gesichter der Stadt und in der Stadt nicht zu verlieren. Als sogenannte Expats (hierzu ein lesenswerter englischer Artikel aus dem Guardian) könnten wir es uns auch in unserer Privilegienblase gemütlich machen. Aber Lima ist mehr als Miraflores und Barranco.

Und sonst so? Wir fallen immer wieder auf als diejenigen, die im Supermarkt Jutebeutel auspacken und ihre Einkäufe ohne Plastik einpacken. Wir werden bestaunt als unerschrockene Fahrradfahrer. Über unseren Brotkonsum (wir backen selber) macht unsere peruanische Mitbewohnerin Milena immer noch große Augen. Passanten bleiben stehen, wenn Ronja mit ihren blonden Haaren und blauen Augen vorbeiläuft, „que preciosa!!“ rufen sie, wie wunderschön! und „una muneca“, eine Puppe! Nur Leo, unser 4-jähriger Freund aus der Kita sticht mit seiner wilden Mähne von roten Korkenzieherlocken noch mehr aus der Menge.

Kindergeburtstag in Barranco

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Bei Freunden in San Juan de Lurigancho

Es gibt immer wieder Momente, in denen uns Unterschiede auffallen. Wie Menschen Kindergeburtstage feiern. Oder Weihnachten. Welche Bedeutung Familie hat. Was man alles essen kann (Meerschweinchen, Augen in der Suppe, Maden im Regenwald). Wie man (nicht) Nein sagt. Das bleibt spannend. Und dann gibt es all diese vielen Momente, die am Anfang neu waren – Emoliente de Quinoa trinken am Straßenstand auf dem Weg zur Arbeit, im Mototaxi zu Freunden tuckern, an Weihnachten Tshirts tragen, Salsa tanzende Senioren in der Nachbarschaft – die mittlerweile Alltag sind.

Es gibt einen schönen Text, den ich auf Nachbereitungsseminaren von Auslandsaufenthalten oft vorgelesen habe, da heißt es „Es machte mich glücklich, wie schnell das Gefühl aufkam, dass es am Ende doch egal war, ob man nun in Paris oder Perth, Amsterdam oder Amman lebte. Das Eingewöhnen dauert hier eventuell länger als dort, die Blicke auf der Straße sind dort vielleicht intensiver als hier, aber am Ende kann jeder dieser Orte ein Zuhause sein. Ich spürte dem Wegsein nach (…) wie es sich anfühlte und was es mit mir machte. Gegen Ende meines Aufenthaltes filterte ich heraus, was ich am Schönsten daran fand und was eventuell das sein könnte, was viele so schön an Auslandsaufenthalten finden. Es war nicht etwa, all das Neue zu sehen oder zu erleben, das konnte man auch in zwei bis vier Wochen Urlaub haben. Es war dieses langsame Werden eines Zuhauses, das Aufkommen eines Alltags, in dem manche Dinge Selbstverständlichkeiten wurden, in dem viele andere Dinge Selbstverständlichkeiten blieben“.

Es ist ein Kuczynski!

Nach fünf Tagen mühevollen Auszählens der knapp 20 Millionen Wahlzettel ist es endlich entschieden: der neue Präsident Perus für die nächsten fünf Jahre heißt Pedro Pablo Kuczynski (PPK). Mit einem minimalen Vorsprung von 0,2 Prozent oder knapp 40.000 Stimmen gewann er gegen seine Konkurrentin Keiko Fujimori.

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20 Millionen Peruaner*innen haben gewählt

Die ersten Hochrechnungen nach der Wahl gab es bereits am Montag, aber dann verlangsamte sich der Prozess. 78,2 Prozent ausgezählt, 88,4 Prozent, 92,4 Prozent…Den Peruanern wurde einiges an Geduld abverlangt. In den sozialen Medien kursierten Memes und Karikakturen, die das zähe Voranschreiten der Auszählungen der Wahlzettel auf die Schippe nahmen und schläfrige Faultiere am Computer zeigten oder den 77-jährigen Kuczynski als Mumie, der immer noch auf das Wahlergebnis wartet. Die letzte Aktualisierung gab es schließlich am Donnerstag vormittag – mit 99,991 Prozent verarbeiteten und 99,532 Prozent vorliegenden Wahlzetteln.

Die Langwierigkeit hatte aber seine guten Gründe: die Stimmzettel aus der gesamten Welt müssen im  Original bei der peruanischen Wahlbehörde ONPE vorliegen, um Wahlbetrug und -fälschung vorzubeugen. In Peru herrscht Wahlpflicht. Da eine halbe Million Peruaner*innen im Ausland leben, musste die Wahlbehörde warten, bis die Wahlzettel aus den verschiedenen Ländern, von Deutschland über Mazedonien, Ghana, Japan bis Neuseeland mit dem Flugzeug eingetroffen waren. Auch aus den entlegenen Regionen Perus wie aus dem Tal der Flüsse Apurímac, Ene und Mantaro (Vraem) verzögerte sich die Ankunft der Wahlstimmen.
Nun ist es also ein Kuczynki geworden. Viele Peruaner*innen sagen, dass nicht er gewonnen habe, sondern die „No a Keiko“-Bewegung, Kuczynski als das geringere Übel sozusagen. Abzuwarten ist, wie Keiko reagieren wird. Fechtet sie das Wahlergebnis an? Oder konzentrieren sich die Fujimoris auf 2021, wenn Keikos Bruder Kenji Fujimori kandidieren soll? Es bleibt spannend.

Ihr Name ist Fujimori

congresodelperuu_1Am Sonntag fand die Stichwahl zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten in Peru statt – der konservativen Keiko Fujimori (40) und dem liberalen Pedro Pablo Kuczynski (77). Einer von beiden wird in den nächsten fünf Jahren als Präsident*in den politischen Kurs des Landes maßgeblich mitbestimmen.

Nach ersten Hochrechnungen am Sonntag abend lag Kuczynski mit 51,5% ganz knapp vor Keiko. Seitdem sind zwei Tage vergangen und der Abstand zwischen den beiden Kandidaten hat sich in der Zwischenzeit auf 0,5 Prozentpunkte verringert – laut bisheriger Wahlergebnisse haben 50,15 % für Kuczynski gestimmt und 49,85 % für Keiko. Aber ist das so? Im Radio wird debattiert, welchen Einfluss Keiko und ihre Wahlmannschaft auf die Auswertung der Ergebnisse haben könnte und warum sich die Auswertung der Wahlzettel seit anderthalb Tagen so drastisch verlangsamt hat. Diejenigen, die in den letzten Wochen und Monaten zu Tausenden auf die Straße gegangen sind, um gegen die Kandidatur Keikos zu protestieren (auch ihr wurde vorgeworfen, Wählerstimmen gekauft zu haben), haben bereits angekündigt, zu Hunderttausenden auf die Straßen zu gehen, sollte Keiko dieses merkwürdige Kopf-an-Kopf-Rennen doch gewinnen.

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In Peru finden die Präsidentschafts- und Kongresswahlen getrennt statt. Die Wahlen des Kongresses fanden bereits im April statt. Mit ihrer Partei Fuerza Popular (Volks-Kraft) hat Keiko 72 Sitze gewonnen und wird so oder so einen entscheidenen Einfluss auf die künftige Politik des Landes haben. Der ehemalige Wirtschaftsminister Kuczynski hat mit seiner Partei Peruanos por el Kambio (PKK), Peruaner für den Wandel, nur rund 25 Sitze.

Die Rechtspopulistin Keiko Fujimori und Tochter des autoritären früheren Präsidenten Alberto Fujimori, der die Demokratie ausgehebelt hatte und später wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, spaltet das Land. Denn Keiko Fujimori ist nicht einfach nur die Tochter von Alberto Fujimori. Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde sie 1994 als 19-Jährige an der Seite ihres Vaters zur jüngsten First Lady Lateinamerikas. Sie war an seiner Seite, als er 1992 in einem Selbstputsch den Kongress auflöste und die Gerichte entmachtete. Das autoritäre Regime Fujimoris ist den Peruanern noch sehr präsent und damit auch die Erinnerungen an außergerichtliche Exekutionen, Zwangssterilisierungen als Mittel der Armutsbekämpfung, Einschränkung der Medienfreiheit, Wahlbetrug und Korruption. Für viele Peruaner steht der Name für eine dunkle Zeit, in der die Menschenrechte und die Demokratie mit Füßen getreten wurden, für fast die Hälfte aller Peruaner*innen ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten auf keinen Fall wählbar.

Wunsch nach harter Hand

Fujimori begann nach ihrer ersten Präsidentschaftskandidatur 2011 (damals scheiterte sie knapp gegen den noch amtierenden Präsidenten Ollanta Humala), sich vom Image ihres Vaters zu distanzieren und seine „Fehler und Verbrechen“ öffentlich anzuprangern. Sie ist sich aber auch bewusst, dass für viele Peruaner*innen der Name Fujimori mit Neuanfang verbunden ist, mit Ordnung und Aufschwung. Peru stand am wirtschaftlichen Abgrund, als Alberto Fujimori 1990 an die Macht kam. Marktfreundliche Reformen, Privatisierungen und weitreichende Sozialprogramme brachten Peru auf den wirtschaftlichen Erfolgskurs zurück, von dem bis heute gerne und stolz die Rede ist. Gleichzeitig beendete Fujimori in seiner Amtszeit weitgehend den Terror der Guerillaorganisation Sendero Luminoso. Dass seine Regierung und das äußerst brutale Vorgehen des Militärs selbst für den Tod von Tausenden Zivilisten und Unschuldigen verantwortlich ist, ist ein anderes Thema (dazu bald mehr im Beitrag zur Bürgerkriegsgedenkstätte Lugar de la Memoria).

Für viele Peruaner*innen steht der Name Fujimori daher bis heute für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Sie hoffen, dass Keiko mit ähnlich harter Hand regieren wird wie ihr Vater, um Probleme wie Kriminalität und Wirtschaftsstagnation in den Griff zu bekommen. Es bleibt zu bezweifeln, ob das eine gute Entscheidung war.

Hier eine sehr sehenswerte Doku/Videobiografie „Su nombre es Fujimori“ (Sein/Ihr Name ist Fujimori, Regisseur: Fernando Vílchez) über den Einfluss, den die Familie Fujimori auf das Schicksal Perus gehabt hat. Gegen das Vergessen.

In den Sümpfen von Lima

RVSL_00321Das Wochenende liegt vor der Tür. Wir wollen raus aus der Stadt, einen Ort entdecken, den wir noch nicht kennen. Die Sümpfe von Villa, schlägt meine Freundin vor. Sümpfe? Ich spitze die Ohren. Sümpfe klingen gut. Wir packen die drei Kinder ein, Schaufeln, einen Eimer, eine Lupe, eine Tasche für Schätze, die wir unterwegs finden könnten und Picknicksachen. Schon im Auto sind alle Brote verputzt. Über den Circuito de Playas, eine Art Stadtautobahn direkt am Meer, kommen wir recht schnell nach Chorillos. Bald haben wir die Pantanos de Villa erreicht, ein knapp 300 Hektar großes Naturschutzgebiet. Es besteht aus Sümpfen, verzweigten Wasserstraßen, Wasserpflanzen, viel Schilf und bietet Abertausenden von Vögeln ein Zuhause. 154 verschiedene Vogelarten wurden hier identifziziert, die Hälfte davon sind Zugvögel aus dem Norden, die ab Oktober in den Sümpfen eintreffen und hier überwintern.

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Wir stapfen hinein in die Sümpfe, werden von vorbeiziehenden Schulklassen fotografiert (drei blonde Kinder!), klettern einen Aussichtsturm hinauf, dann machen wir uns auf die Suche nach den Booten. Dani, Mitarbeiterin von PROHVILLA, der städtischen Schutzbehörde für die Sümpfe von Villa, führt uns hin. Sie rudert uns eine Runde durch eine der Lagunen, „die einzige, die zugänglich ist für Besucher“, sagt sie, „sonst hätten die Vögel gar keine Ruhe“. Sie sagt, dass die Stadt viel mehr tun müsse, um die Sümpfe zu schützen. Früher war das Gebiet 1200 Hektar groß und reichte bis Pachacámac. Heute wird das Gebiet an allen Enden zugebaut, immer wieder findet man Müll, das Wasser ist längst nicht so sauber wie es sein sollte, zuviel Abwässer und Rückstände der Stadt und der Fabriken am Fluss fließen in die Sümpfe. Das Team von PROHVILLA plant gerade, mehr Umweltbildungsprojekte in den umliegenden Stadtteilen und Schulen zu machen.“Eso es un tesoro“ sagt Dani, dieses Gebiet ist ein Schatz, direkt vor der Haustüre von Lima. Hoffentlich verschwindet es nicht.

Schließlich fahren wir die paar Kilometer weiter ans Meer. Wir haben den Strand für uns alleine, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Ein paar Vögel schauen uns zu, wir schauen ihnen zu. Sammeln Federn, Steine und ausgewaschenes Treibholz und verstauen alles in der Schatz-Tasche. Machen Picknick, hüpfen in die Wellen und staunen, wie viel Wasser, wie viel Grün, wie viel Natur es auch in Lima gibt. Man muss nur wissen wo.

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Kleiner Urlaub mit großer Gruppe

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Mattes‘ Eltern sind gerade zu Besuch in Peru. Mitgebracht haben sie diesmal ihre Canasta-Kartenspieltruppe und langjährigen Freunde HG, Anne, Dieter und Elsmarie aus Natbergen bei Osnabrück. Eine Woche schaute sich die eingespielte Reisegruppe Lima an, das Meer, die Altstadt, den Wasserpark, Läden, Restaurants. Gleich am ersten Tag fanden sie ihr Stammlokal, gegenüber von ihrem wirklich schönen Hotel „El Patio“, da saßen sie dann jeden Abend mit den Einheimischen, betagten Miraflores-Bewohnern, die ihre Instrumente mitbrachten und zu Gitarre, Cajón und Maracas (Rasseln) herzerweichende Schnulzen in den lauen Abendhimmel schmetterten. Wunderbar.

Nach einer Woche machte sich die Reisegruppe auf den Weg nach Cusco, dem Schatzkästchen Perus. Wir haben sie ins Inka-Dörfchen Ollantaytambo begleitet, wo sie sich einige Tage an die Höhe gewöhnten, später fuhren sie weiter zum Machu Picchu  und zurück nach Cusco.

Ollantaytambo also wieder – im Oktober habe ich hier einen Nachmittag mit meiner Mutter verbracht, vor elf Jahren ein paar Tage. Obwohl die Touristenströme auf dem Weg zum/vom Machu Picchu hier vorbeifahren und das Örtchen voll auf Gastronomie und Unterkünfte eingestellt ist, gibt es immer noch ruhige Ecken und Winkel, grüne Wiesen, plätschernde Bäche. Wieder verlieren wir uns in den Gassen des kopfsteingepflasterten Dorfes, das wie aus der Zeit gefallen scheint. Es ist das einzige verbliebene Beispiel für Stadtplanung aus der Inkazeit. Die Gebäude, Inka-Terrassen und die engen Gassen von Ollantaytambo sind noch so wie zu Inkazeiten.

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Wieder klettern wir zur Ruine auf dem Berg Pinkuylluna hinauf. Damals saß ich mit meinem Reisebegleiter und zwei Kindern aus dem Dorf dort, heute mit meinen eigenen beiden Kindern, Mann und Schwiegervater. Wieder verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, als ich auf Ollantaytambo herunterblicke. Was ist Zeit, frage ich mich. War ich jemals woanders als hier? Es fühlt sich gut an, da oben zu sitzen, der Himmel spannt sich weit und blau über den Bergen. Unten tutet der Machu Picchu Touristenzug im Urubamba-Tal. Oben zwitschern die Vögel. Wolken ziehen auf. Wind weht um die Nasen. Wir futtern unsere Käsebrote und fühlen uns gleichzeitig groß und stark und winzig klein.

Unten treffen wir die Reisegruppe wieder. Kehren irgendwo ein. Als die Gruppe am nächsten Tag zur wohl bekanntesten Ruine auf dem südamerikanischen Kontinent aufbricht, stapfen Jakob, Ronja und ich noch einmal den Berg hinauf. Dann holen wir Puppe, Teddy und Rucksack ab und machen uns auf den Heimweg nach Lima.

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Bailemos! Oder: Hüftschwung mit den heißen Alten

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Jeden Mittwoch nachmittag beginnt das große Stühlerücken auf der Plaza in der Residencial San Felipe, dort wo sich die Läden, Apotheken, Banken aneinanderreihen, wo sonst Senioren auf den Bänken verweilen und Kinder mit Rollern und Rädern herumflitzen. Jeden Mittwoch nachmittag trudeln rüstige Rentner, gebrechliche Senioren, fitte Silver Ager und auch ein paar jüngere Menschen ein und warten auf den Beginn des allwöchentlichen Tanzabends mit Live-Band, pünktlich um 17 Uhr (im Sommer um 18 Uhr). Die Stadtteilverwaltung in Jesus Maria organisiert das Tanzvergnügen, organisiert Stühle und Musiker, seit vielen Jahren.

Manche der frühen Ankömmlinge lesen noch ein wenig in der Zeitung, blinzeln in die Spätnachmittagssonne, andere plaudern mit ihren Sitznachbarn. Wie war die Woche? Was macht die Hüfte? Und die Enkelkinder?

Wenn die Musiker dann ihre Instrumente und Lautsprecher aufgebaut haben, wenn alle im Quarreé sitzen und erwartungsvoll auf die Band schaut und wenn dann die ersten Takte erklingen, Salsa, Cumbia, Bolero: manchmal springen dann schon die ersten Tänzer auf, schwingen die Hüften, heben die Arme und sie sind nicht mehr 80, sondern 40, ach was, 20 Jahre alt!20160511_173033

Es ist eine helle Freude, den „heißen Alten“, wie manche sie liebevoll nennen, beim Tanzen zuzuschauen. Sie haben sich feingemacht, geschminkt, die Haare gegelt, den Anzug gebügelt und das neue Kleid an, sie haben eine frische Dauerwelle oder sich noch schnell die Nägel lackieren lassen. Sie tanzen, als gäbe es kein Morgen, sie singen die Texte mit und lachen und sie sind überhaupt nicht mehr gebrechlich, sondern gelenkig wie damals. Es herrscht freie Partnerwahl, der alte Herr fordert die junge Mutter auf, die in einer Parfümwolke schwebende Seniorin ihren Sitznachbarn. Die meisten kommen jede Woche. Immer dabei: der Vagabund mit den langen grauen Haaren und Plastiktüten, der so vehement den Takt mitklatscht als wolle er verhindern, dass die Musik jemals wieder aufhöre. Der Herr, der wie eine ältere elegante Version von Robin Hood aussieht mit gelben Lederschuhen und Feder am feschen Hut. Der gealterte Schönling, der nur mit den jüngeren Frauen tanzt. Die Grande Dame mit der Dauerwelle und ihren theatralischen Gesten. Unsere Nachbarin, die einen Hüftschwung hat, von dem sich so mancher noch was abgucken kann. Außerdem dabei: die Eisverkäufer, die Passanten, die gerade aus dem Supermarkt kommen und nun kurz innehalten und mitwippen, ein paar Kinder, die zwischendurch herumflitzen.

Es werden gespielt: Klassiker, Stücke zum Schwoofen, Abtanzen, Mitsingen, sämtliche tropische Rhythmen, Salsa, Cumbia, Boleros, Merengue. Herzergreifend schön. Auf dass die Menschheit nie aufhöre zu tanzen.

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Máxima Acuña gewinnt Goldman-Preis für Umweltschutz

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Die zierliche Bäuerin aus Cajamarca wird in diesen Tagen ihrem Namen – Máxima, die Größte – mehr als gerecht: Nach Jahren des Widerstands gegen das Bergbau-Unternehmen Yanacocha wurde ihr jetzt in San Francisco der renommierte Goldman-Preis für die Verteidigung der Umwelt verliehen. Der Goldman-Preis gilt als Nobelpreis für UmweltaktivistInnen.

Vor einem Jahr hatten wir hier schon einmal über Máxima Acuña und die Mega-Mine Yanacocha geschrieben: Wie David gegen Goliath.  Máxima Acuña und ihre Familie weigern sich seit Jahren, ihre vier Hektar Land an die Yanacocha-Mine zu verkaufen. Dieses Land aber braucht das Unternehmen für die Erweiterung der 260 Quadratkilometer großen Yanacocha-Mine  – größte Goldmine Lateinamerikas und viertgrößte weltweit. Máxima gab trotz jahrelangem Rechtstreit und Einschüchterungsversuchen seitens des Unternehmens nicht klein bei. Stattdessen ist sie in den letzten Jahren zum Symbol für den Widerstand gegen die skrupellosen Methoden bei der Goldförderung in Peru durch internationale Unternehmen, Armee und Nationalstaat geworden.

Die Auszeichnung erkennt nun auch offiziell und international ihren Einsatz für den Schutz der Umwelt – und ihrer eigenen Rechte – an. Die Drangsalierungen gegen Máxima und ihre Familie gehen allerdings weiter. Die in Cajamarca sitzende NGO Grufides schreibt, dass Unbekannte auf das Haus von Máxima geschossen hätten.

Man kann nur hoffen, dass sie nicht das gleiche Schicksal ereilt wie die Preisträgerin des Goldman-Umweltpreises von 2015: die honduranische Umweltschützerin und Indigenen-Aktivistin Berta Cáceres wurde vor einem Monat in ihrem Haus in La Esperanza (Honduras) von Unbekannten getötet. Cáceres hatte sich seit Jahren für die Rechte der Lenca-Indigenen eingesetzt und kämpfte gegen den Bau von Staudämmen und Bergwerken in deren Siedlungsgebieten.

Kennst du das Land, wo die Orangen blühten?

klP1070740Fast zwei Jahre lang – so lang sind wir bald hier – haben wir davon gesprochen, einmal nach Huaral zu fahren. Dort wohnt die Familie von Carlos, einem guten Freund von uns. Seit einigen Monaten wohnt Carlos‘ Cousine Milena bei uns, auch sie hat lange Zeit in Huaral gewohnt. Höchste Zeit also, unseren Freunden und ihren Familien dort einen Besuch abzustatten.

Huaral liegt knapp 80 Kilometer nördlich von Lima an der Küste. Die Stadt ist von weiten Feldern und Plantagen umgeben, hier werden Kartoffeln, Mais und Baumwolle angebaut, Äpfel, Mangos, Mandarinen, Avocado und Guayaba. Auf dem Feld der Familie knabbern wir an Zuckerrohrstengeln, schnuppern am Hierba Luisa und lutschen das weiße Fruchtfleisch der Pacay.

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Früher gab es in Huaral gewaltige Landgüter. Eines davon ist die Hacienda Graña de Huando, sie gehörte der Familie Graña Elizalde. Auf 1450 Hektar Land pflanzten sie fast ausschließlich Orangen. Als Naranjas Huando wurden die kernlosen Früchte zum Exportschlager (auch wenn die Orangenart eigentlich Washington Navel hieß). Die Orangen gingen in die USA, nach Kanada und Europa.

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Die linke Militärregierung unter Juan Velasco Alvarado erließ 1969 ein Agrarreformgesetz, infolgedessen die Haziendas enteignet und an bäuerliche Genossenschaften übertragen wurden. Diese nannten sich an der Küste Cooperativas Agrarias de Producción (CAP), Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, im Andenhochland Sociedades Agrícolas de Interés Social (SAIS), Landwirtschaftliche Gesellschaften von sozialem Interesse. Die Landreform beendete weitgehend das jahrhundertealte System der Schuldknechtschaft (peonaje), einem sklavereiähnlichen Abhängigkeitsverhältnis von Bauern gegenüber Großgrundbesitzern. Allerdings besteht die Konzentration von viel Land in den Händen von Wenigen bis heute fort. Die Infostelle Peru hat dazu vor einiger Zeit einen sehr informativen Artikel geschrieben.

Nach der Landreform wurde also die ehemalige Hacienda auf knapp 500 Genossenschaftler der Cooperativa Agraria de Producción Huando übertragen. Die Genossenschaft löste sich 1992 auf, die Ländereien wurden in Parzellen aufgeteilt. Als eine Plage namens „Virus de la Tristeza“ (Virus der Traurigkeit) die Huando-Orangen befiel, wurde ihre Produktion allmählich eingestellt. Heute pflanzen die Bauern eine Vielzahl anderer Früchte an: Mandarinen, Erdbeeren, Spargel, Avocado.

Die frühere Hacienda Graña de Huando wird heute von ehemaligen Arbeitern verwaltet. An den alten Kolonialgebäuden nagt der Zahn der Zeit. Ein paar Bäuerinnen verkaufen Honig, Mandarinen und Fruchtlikör. Es gibt ein Restaurant und ein kleines Museum mit alten Keramikfunden und einer noch älteren Mumie namens Rosita. Dort, wo heute Tagesgäste eine Runde auf Pferden drehen, ging Carlos früher in den Kindergarten.

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Später essen wir Cuy (gebratenes Meerschweinchen), von Carlos‘  Mutter zubereitet, zählen die Mückenstiche, die wir vom Feld mitgebracht haben und schmettern bei Vollmond in einer Karaokebar schmalzige Lieder. Es war sehr schön. Wir kommen sicher wieder.

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Wilde Wasser und weite Wüsten

 

 

 

 

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Furchtbare Familienpolitik

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Opfer der Zwangssterilisierungen aus den 1990er Jahren fordern Anerkennung und Entschädigung

Heute, am 10. April, sind die Präsidentschaftswahlen in Peru. Eine der aussichtsreichsten, aber auch umstrittensten Kandidatinnen ist Keiko Fujimori. Sie ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori, in dessen Amtszeit bis zu 300.000 peruanische, indigene Frauen und etwa 20.000 Männer zwangssterilisiert wurden. Bis heute sind die Verbrechen nicht aufgearbeitet.

Die Zwangssterilisierungen fanden in den Jahren 1995 bis 1998 statt.  Eingebettet waren diese in das Programm: Reproduktion – Gesundheit und Familienplanung zur Bekämpfung der Armut! Der Internationale Währungsfond, die Weltbank und die offizielle US-AID finanzierten diesen Genozid, offiziell im Rahmen eines Programms zur freiwilligen Sterilisierung. Betroffen waren insbesondere Frauen zwischen 20 und 30 Jahre, die bereits zwei bis vier Kinder hatten. Später wurde deutlich, dass das Sterilisierungsprogramm vor allem in Regionen von bewaffneten Konflikten mit dem Leuchtenden Pfad stattfanden sowie in Regionen, wo große Unternehmen die Ausbeutung von Erdöl-Erdgas und wertvollen Hölzern vorantreiben wollten.

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Aushang des Ministeriums für Justiz & Menschenrechte zur Registrierung der Opfer von Zwangssterilisationen, Quelle: Minjus.gob.pe

Die vor zwei Jahren verstorbene peruanische Rechtsanwältin Giulia Tamayo hatte die Dokumentation dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit maßgeblich vorangetrieben . Tamayo, die vom peruanischen Geheimdienst Morddrohungen erhielt und schließlich nach Spanien ins Exil ging, veröffentlichte 1998 ihren Bericht „Nada personal“ (Nichts Persönliches), in dem sie die massiven Sterilisierungen in Peru enthüllte und anprangerte. Die Eingriffe fanden in staatlichen Gesundheitszentren oder Krankenhäusern statt, unter Zwang oder durch betrügerische Beratungen, so bei Schwangerschaftsuntersuchungen oder durch falsche Diagnosen wie Gebärmutterkrebs. Pro Sterilisierung gab es eine Belohnung zwischen vier und zehn US Dollar für das Gesundheitspersonal. Um die Kosten niedrig zu halten, wurden Narkosemittel aus der Tiermedizin eingesetzt, die in den USA bereits ausgesondert waren. Oftmals übernahmen Krankenschwestern oder Studierende der Medizin die Eingriffe.

Der Verband von Zwangssterilisierungen betroffen Frauen (Asociación de Mujeres Afectadas por las Esterilzaciones Forzadas – CAMET ) strebt als Vertretung von 2.074 Opfern seit Jahren eine Klage gegen Ex-Präsident Fujimori und seine damaligen Gesundheitsminister an. Sie werfen ihm Genozid vor. Der zuständige Staatsanwalt Marco Guzman Baca hat dies wegen „fehlender Beweise“ auch 2015 wieder abgelehnt. Die UN-Kommission gegen Frauendiskriminierung (UN Commitee on the Elimination of Discrimiation against Women (CEDAW) hat die vorgelegten Beweise von Zwangssterilisierten hingegen anerkannt. Sie bezeichnete die Eingriffe als „schwere Verletzung der reproduktiven Rechte von Frauen“ und verurteilte sie als „Methode der medizinischen Kontrolle der Fruchtbarkeit der Frau ohne ihre Zustimmung sowie als Körperverletzung, Folter und Misshandlungen“.

Im November 2015, möglicherweise forciert von Kampagnen wie der von Amnesty International, erließ Präsident Humala endlich ein Dekret zur Registrierung der betroffenen Frauen. Diese Registrierung ist allerdings nur ein erster Schritt, damit die betroffenen Frauen entschädigt und die Schuldigen bestraft werden.

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Hilaria Supa Huamán

Keiko Fujimori nun, die Tochter des damaligen Präsidenten, betreibt die Familienpolitik von damals weiter.  Zwar erklärte sie im Oktober 2015 auf einer Konferenz in der US-Elite-Universität Harvard:„Ich verurteile die Ärzte und fühle mit all jenen Frauen, die einer Zwangssterilisierung unterzogen wurden.“ Zurück in Peru aber sprach sie von lediglich 30 betroffenen Frauen – ein Hohn für Tausende von Frauen, schimpfte die indigene Kongressabgeordnete und Menschenrechtsaktivistin Hilaria Supa Huamán. „Das, was sie den Frauen angetan haben lässt sich nicht wieder gut machen“, sagt Huamán. „Aber wir wollen nicht, dass diese Verbrechen unbestraft bleiben, wir wollen, dass die Frauen vom Staat angemessen gesundheitlich versorgt werden. Doch was wird aus unserem Kampf, wenn Keiko Präsidentin werden sollte? Die Fujimoristen sind stark. Es sind dieselben, die damals gesagt haben: wir bekämpfen die Armut, wir bringen Entwicklung. Für diese Frauen haben sie das Gegenteil gebracht.“

Heute also sind die Wahlen. Noch am Dienstag (5. April) haben 50.000 Menschen gegen eine mögliche Regierung Keiko Fujimoris protestiert. Dennoch führt Fujimori die Wahlumfragen an. Man darf gespannt sein, wie das Ergebnis aussehen wird.

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Titelseite der Tageszeitung La Republica vom 6. April 2016

 

In diesem Interview der Informationsstelle Lateinamerika erklären Raquel Reyonoso und Jesenia Casani von der peruanischen Kampagne „Wir sind 2074 und viele mehr“, was jetzt geschehen muss.

Hier ein Beitrag vom Deutschlandfunk zum Thema, außerdem von der Infostelle Peru, „Zwangssterilisierungen an peruanischen Frauen müssen aufgearbeitet werden“

Más informaciones sobre la campaña „Contra su voluntad“ de Amnestia Internacional