Unterwegs mit einem gezähmten Macho

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Es gab mal eine Zeit, da nannte man den Zug, der zwischen Huancayo und Huancavelica fährt, Tren Macho, Macho-Zug. „Nunca se sabe cuando sale y cuando llega“, sagte man, man wisse nie, wann der Zug abfahre und ankomme und zwischendurch halte er auch noch an vielen Stationen. Tatsächlich fuhr der Zug über viele Jahre sehr unregelmäßig, manchmal war die Verbindung wegen starker Regenfälle oder beschädigter Gleise ganz unterbrochen. Mittlerweile fährt die Diesellok wieder jeden Montag, Mittwoch und Freitag pünktlich um 6.30 Uhr ab Huancayo. Sie ist eine langsame (für 129 Kilometer braucht der Zug etwa 6 Stunden), aber wichtige Verbindung für Zehntausende Landbewohner in den umliegenden Gemeinden und vor allem erschwinglich (neun bis 13 Soles, etwa 3 Euro), was man von den wenigen anderen Zugverbindungen in Peru (Lima-Huancayo, Ollantaytambo-Aguas Calientes/Machu Picchu) nicht mehr sagen kann. Sämtliche Privatisierungsversuche des Tren Macho sind bisher gescheitert.

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Ich bin wieder einmal für den Reiseführer auf Recherchetour. Zwei Tage war ich in Huancayo unterwegs, mit Abstecher nach Tarma. Jetzt geht es weiter nach Huancavelica und weil Montag ist, will ich die Gelegenheit nutzen und mit dem Zug fahren. Weil man das Ticket nicht vorab kaufen kann, muss man rechtzeitig am Schalter sein, um einen Sitzplatz zu ergattern. Der Bahnhof ist um 5 Uhr bereits rappelvoll. Ein älterer Herr schiebt sich an mir vorbei – soy jubilado, sagt er, ich bin Rentner, und bucht die vorletzten Plätze. Ich ergattere den letzten Platz. Später wird mir der Senior gegenüber sitzen, Alberto heißt er, und wir werden über Politik streiten, über Wirtschafts- und Entwicklungsmodelle, das Leben in der Stadt und auf dem Land vergleichen und schweigend aus dem Fenster schauen, an dem Berge, Schluchten und Flüsse vorüberziehen.

Jetzt, um 5.30 Uhr vorm Bahnhof, verkaufen  fliegende Händler warmen Emoliente aus Soja und Quinoa, belegte Brötchen mit Avocado, Nüsse, Früchte und anderen Proviant. Die Luft ist kalt und klar. Ich denke an andere Züge auf der Welt, die wie kleine Raupen über Berge zuckeln, durch Ebenen rauschen, in Tunneln verschwinden, wieder auftauchen, ich denke an tagelange Bahnfahrten durch Indien, wo die Sitze abends zu dreistöckigen Betten umgebaut werden, der warme Fahrtwind weht in die offenen Abteile, an die Transsibirische Eisenbahn, über die ich bisher nur gelesen habe, ein Zug, der einen ganzen Kontinent durchquert, an langgestrecke Züge in Australien,  die The Ghan heißen oder Indian Pacific. Ich erinnere mich an die tausend vergangenen Bahnfahrten in Deutschland, in Regionalzügen oder ICEs, wo man still sitzt und sich doch fortbewegt, aber nur so schnell, dass die Seele noch Schritt halten kann.

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Die Sonne geht auf und wir steigen in den Zug. Einige wenige Touristen sind dabei, manche wirken aufgeregt, sie machen Fotos, freuen sich auf die Fahrt. Die meisten Mitreisenden dösen bald ein. Die Landschaft zieht langsam vorüber. Händler steigen in den Zug und bieten gerösteten Mais, Brot, Mais, Wackelpudding an, Tee und Kaffee. Ich lese in der Tageszeitung La República  (eher links), Alberto liest in der Gestión (eher rechts), wir diskutieren eine Weile, schauen aus dem Fenster, lesen weiter, dösen ein. Mittags erreichen wir Huancavelica auf 3676 Meter, das Licht ist gleißend, der Ort sieht ruhig und einladend aus. Ich schnappe meine Unterlagen, den Reiseführer und die Stadtpläne und mache mich auf den Weg in die Stadt.

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In anderen Sphären: Marcahuasi

img_6682Es gibt eine Gruppe hier in der Stadt, die nennt sich Getaway Lima. Sie organisiert regelmäßig Ausflüge in die Umgebung von Lima. Rafting in Lunahuaná, Baden in der Oasis Morón, Wandern in den Lomas de Lachay. Einmal waren wir mit Getaway ein paar Stunden mit dem Kayak auf dem Pazifik paddeln, diesmal war der Ausflug länger und weiter weg: Marcahuasi war das Ziel, ein mysthisch anmutender Steinwald auf gut 4000 Meter Höhe, wo man nachts meint, die Sterne berühren zu können und wo sich hartnäckig das Gerücht hält, dass man hier Ufos und andere Erscheinungen sichten kann.

Marcahuasi ist einen guten 3-Stunden-Aufstieg von San Pedro de Casta entfernt, einem Dörfchen, das man nach 4 Stunden Fahrt von Lima erreicht, 2 Stunden davon über eine beängstigend schmale Schotterpiste ohne Sicherung an tiefen Schluchten vorbei, die es allemal mit der Carretera de la Muerte in Bolivien aufnehmen könnte.

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San Pedro de Casta liegt wie ein Adlerhorst auf einer gewaltigen Felsklippe. Wir stärken uns mit einem Mittagessen aus Suppe, Reis und Fleisch und schnallen unsere Rucksäcke auf. Ein paar Esel tragen unsere Zelte und anderes Gepäck. Dann geht es los, über einen vor zwei Jahren gut ausgebauten Wanderweg. Die Strecke an sich ist nicht lang – etwa 5 Kilometer vom Dorf bis zur Stätte – aber geht stetig bergauf. Das Herz fängt an zu pumpen. Wir laufen langsamer, Schritt für Schritt, machen alle paar Hundert Meter Pausen und lutschen Zitronenbonbons. Manche haben Koka-Blätter dabei, das uralte Mittel gegen Soroche, die Höhenkrankheit der Anden.

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img_7997An einer Weggabelung entscheiden wir uns für den kürzeren, aber steilen Weg, der uns direkt auf das Felsplateau von Marcahuasi bringen soll. Die Esel laufen um den Berg herum und durch eine schmale Schlucht bis zum Amphitheater, wo wir unsere Zelte aufschlagen werden. Die letzten 500 Meter schleppen wir uns langsam die Stufen hinauf, mir ist schwindelig und ich frage mich, was ich meinem Körper da eigentlich antue, mich an einem Tag von Meereshöhe auf 4000 Meter zu begeben. Aber dann biegen wir um eine Felsnase und sind da. Ein gewaltiger Felsbrocken, der die Form eines Kopfes hat, schaut uns gleichmütig an. Vielleicht nickt er ein wenig, ich weiß es nicht mehr. Wir treten ein in eine andere Welt. Der Himmel ist so dunkelblau wie sonst nur hoch oben im Flugzeug. Die Granitfelsen glattgeschliffen wie mit einem gewaltigen Schmirgelpapier, Boulderer würden hier das Paradies auf Erden finden. Auf Felsvorsprüngen stehen geduckte Häuser aus Stein, Chullpas genannt, sie sind präinkaische Grabstätten, in denen die Toten mit Besitztümern wie Kleidung, Schmuck und Ausrüstungsgegenständen in Kauerstellung bestattet wurden. Die meisten Chullpas  haben nur eine Öffnung, in Richtung Osten zur aufgehenden Sonne.

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img_8023Wir verlieren uns auf dem weitläufigen, fast vier Quadratkilometer großen Plateau, folgen den aufgeschichteten Steinhäufchen und gelangen schließlich zu einer engen Schlucht. Wir gehen hinein und schlottern gleich vor Kälte. Unten im Amphitheater ist die Sonne schon nicht mehr zu sehen und wir bekommen eine Ahnung, wie kalt es später werden wird.

Als die Sonne in einem sagenhaften Meer aus Farben hinter dem Horizont verschwunden ist, bricht die Nacht herein. Und tatsächlich wird es bitterkalt. Die Temperaturen sinken unter Null. Wir ziehen uns immer weitere Schichten Thermoklamotten an. Der Sternenhimmel hängt so tief über uns mit einer Milliarde von Sternen, dass wir das Gefühl haben, den Kontakt zur Erde verloren zu haben. Nachts wache ich ständig auf. Sternschnuppen sausen vorbei. Wenn in dieser Nacht espíritus, Geister, aufgetaucht wären, es hätte mich nicht gewundert. Erstaunt sind wir darum auch nicht, als wir am nächsten Tag beim Abstieg eine seltsame Kugel über Marcahuasi schweben sehen, reglos und weiß schimmernd. Wir denken, dass es ein Wetterballon sein muss, irgendwas Wissenschaftliches, was auch immer. Aber insgeheim sind wir uns sicher, dass es ein UFO war.

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Ein Ufo über Marcahuasi?

Bagua. Wenn zwei Welten aufeinanderprallen

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Gestern abend war ich mit zwei Freundinnen im Kino. Das Kino liegt neben einer riesigen Shoppingmall in San Miguel, einem sehr wuseligen Stadtteil. Auf dem Weg dorthin fahren wir Slalom durch den Feierabendverkehr, die Autofahrer hupen, die Motoren knattern, manche Kombis kippen in den Kurven bedenklich zur Seite, weil sie so voll besetzt sind. Als wir den Kinosaal betraten, wird es schlagartig ruhig. Die Leinwand wird grün. Und wir sehen einen wunderbar gemachten, erschütternden Film, El Choque de dos mundos, über zwei Welten, die aufeinanderprallen: das Leben der Menschen im peruanischen Regenwald und das der 10 Millionen Menschen in der Hauptstadt des Landes, wo Wirtschaftsinteressen regieren. Die einen sagen: „Das Land, diese Erde, gehört uns nicht, sie ist uns nur geliehen. Darum müssen wir noch achtsamer mit ihr sein, als wenn es tatsächlich unsere eigene wäre, und sie in besserem Zustand, als sie jetzt ist, an die nächsten Generationen weitergeben“. Der damalige Präsident Perus, Alan García, sagt (2007): „Kommt, amerikanische Investoren, hier findet ihr Rohstoffe in Hülle und Fülle. Seid euch sicher, niemand wird euch in euren Geschäften stören.“ Das kann nicht gutgehen.

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Was folgt, ist eines der traurigen Kapitel der peruanischen Politik und Geschichte. 2009 protestieren Tausende Menschen in Bagua in der nördlichen Provinz Amazonas gegen eine Reihe von Eildekreten, die García erlassen hatte. Zu den Dekreten waren die Indigenen zuvor nicht konsultiert worden, aber die Auswirkungen – die Nutzung ihres Landes für den Erdölabbau, die möglichen Umweltschäden – hätten sie direkt betroffen. Die aufgebrachten Bewohner der Region fordern die Anerkennung ihrer politischen Rechte und ihrer Lebensweisen, sie wollen Dialoge. 60 Tage blockieren sie eine wichtige Zufahrtsstraße in der Region. Dann kippt der Präsident ein wichtiges Gesetz, das den Indigenen Mitspracherechte am Regenwald nimmt, aus Sorge, ein geplantes Handelsabkommen mit den USA zu gefährden. Einen Tag später schickt er Militär in die Curva del Diablo, die Teufelskurve, wo sich die Protestierenden aufhalten.

Alan García, Präsident von Peru 1985-1990 und 2006-2011

Alan García, Präsident von Peru 1985-1990 und 2006-2011

Alberto Pizango, ehem. Präsident der Indigenen Vereinigung AIDESEP

Alberto Pizango, ehem. Präsident der Indigenen Vereinigung AIDESEP

Am Ende sind 33 Menschen (davon 15 Polizisten) tot und 150 verletzt. In den Medien werden die „Morde an den Polizisten“ hochgepuscht und die Indigenen als rückständige Wilde diffamiert, die sich verschworen haben gegen den Fortschritt des Landes. Der Präsident der Indigenen Vereinigung zur Entwicklung im peruanischen Regenwald (AIDESEP), Alberto Pizango, wird wegen Unruhestiftung, Verschörung und Volksverhetzung angeklagt. Er flieht nach Nicaragua. Zwei Jahre später kommt er zurück, um sich den Vorwürfen zu stellen. Jetzt warten er und 53 andere indigene Führungspersonen und Zivile auf ihren Prozess. Die zuständigen Minister werden von jeder Verantwortung für die tödlichen Ereignisse freigesprochen.

Alan Garcia regiert weiter bis 2011. Das Gesetzespaket von damals ist, bis auf wenige Änderungen, trotzdem in Kraft getreten. Es erleichtert ausländischen Investoren bis heute, Ressourcen auf indigenen Territorien auszubeuten. Der jetzige Präsident Pedro Pablo Kuczynski wird an diesem Kurs vermutlich festhalten. Vizepräsidentin in seinem Kabinett ist Mercedes Aráoz Fernández, die unter Alan García Außenhandels-, Wirtschafts- und Tourismusministerin war und wesentlich zur Eskalation des Konflikts beigetragen hatte.

Hier der Trailer zum Film

Der unstillbare Hunger nach Rohstoffen

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Während unserer Deutschland-Reise war Mattes mit anderen AGEH-Fachkräften und ihren Projektpartnern nach Bonn eingeladen worden, um an einer Workshopwoche zum Thema Rohstoffe teilzunehmen.  Denn Abbau und Verbrauch von Rohstoffen sind ein verbindendes Thema zwischen Menschen im Süden und im Norden. Deutschland ist einer der Hauptabnehmer von peruanischem Kupfer und hat sich 2014 den Zugang zu den für die Industrie wichtigen Metallen in einer Rohstoffpartnerschaft mit Peru gesichert. Jede fünfte Tonne Steinkohle, die deutsche Kraftwerke 2013 in Strom umgewandelt haben, kam aus Kolumbien.

Zu der Workshopreihe kamen Mitarbeiter*innen aus Kolumbien, Kongo, Südafrika und Sierra Leone. Aus Peru war Mattes‘ Red Muqui Kollege Edwin Alejandro dabei und Mirtha Vásquez, die Anwältin von Máxima Acuna (die vor kurzem einen Umweltpreis für ihren Widerstand gegen die Yanacocha Mine gewonnen hat, siehe unser Blog-Beitrag). Bodenlos – Auwirkungen des Bergbaus auf Umwelt und lokale Bevölkerung war der Titel der Veranstaltung, mit der die AGEH Entwicklungshelfer*innen, Projektpartner und Finanzgeber zusammenbrachte, um Erfahrungen zu teilen und internationale Vernetzungen zu knüpfen. Viele Projektpartner der AGEH setzen sich in ihren Ländern dafür ein, dass die Auswirkungen des immensen Rohstoffabbaus auf Umwelt und Bevölkerung von den Minenbetreibern sozial verträglich und nachhaltig gestaltet werden.  Die Regierungen in den Ländern des Südens wollen oder können die Rechte ihrer Bevölkerung oft nicht schützen. Immer wieder kommt es zu Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen und schlimmen Umweltschäden. Es war sehr spannend, aber auch erschreckend zu sehen, dass sich die Konfliktlage in den verschiedenen Ländern sehr ähnelt. Bei einem Besuch im Tagebau Garzweiler in der Nähe von Bonn konnten die Teilnehmenden sehen, wie die Auswirkungen der Kohleförderung in Deutschland sind und welche Strategien der Entschädigungen oder Umsiedlung es gibt.

Zum Thema Bergbaukonflikte gibt es hier einen interessanten Film aus Kolumbien, entstanden in einer Kooperation zwischen AGEH/Ziviler Friedensdienst, der Corporación Podion und dem Netzwerks für Demokratie und Frieden (Red Nacional en Democracia y Paz).

Wenige Tage später gab es in Berlin in der Heinrich-Böll-Stifung eine weitere öffentliche Veranstaltung zum Thema, die unter anderen das Kolumbien-Netzwerk kolko, die Kampagne „Bergwerk Peru – Reichtum geht, Armut bleibt“, Misereor und die AGEH mit ihren Partnerorganisationen organisiert hatte. Der unstillbare Hunger nach Rohstoffen war die Veranstaltung betitelt und so sprachen die Referent*innen (Bärbel Höhn, Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, die peruanische Anwältin Mirtha Vásquez von der NGO Grufides, der kolumbianische Anwalt Luis Guilbild_boelllermo Pérez Casas, Tatiana Rodríguez Maldonado von CENSAT Agua Viva und Leonardo González vom Instituto de Estudios para el Desarrollo y la Paz ) in der Podikumsdiskussion über bestehende Bergbaukonflikte in Peru und Kolumbien und über die Verantwortung, die die deutsche Regierung und Wirtschaft dabei einnehmen.

Zum Weiterlesen gehts hier zum Artikel der Infostelle Peru

Spätsommer im Kastanienland

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Wir sind zurück aus Deutschland. Einen Monat lang haben wir einen wunderbar sonnigen September genossen, mit Planschbecken-Geplansche, Grillabenden, Nachmittagskaffee auf den warmen Stufen vorm Haus, glänzenden Kastanien, Fahrradfahrten unterm Sternenhimmel, vielen Kindern, Freunden und unseren Familien im Bremer Umland und im Münsterland. Ein Wochenende haben wir mit meinem Bruder und seiner Freundin auf dem Schauinsland in Freiburg Hochzeit gefeiert. Dank der wunderbaren Freiburger Klezmer-Band  Haiducken ging schon um sechs Uhr abends so die Post ab, dass die Nacht eigentlich nicht schöner werden konnte. (Als im Morgengrauen die Karnevalskamellen aufgelegt werden – mein Bruder hat lang in Köln gelebt – bin ich glücklicherweise schon im Bett)

Später dann fuhren wir mit dem ICE, den die Kinder so vermisst haben, nach Köln zur AGEH. Zugfahren, welch ein Luxus. Pommes essen hinterm Bahnhof in Köln. Erinnerungen wachrufen an die Zeit vor zwei Jahren, als wir ganz aufgeregt in den Vorbereitungskursen saßen und unser Umzug nach Lima noch bevorstand.

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Und dann weiter nach Berlin, wo wir früher gewohnt haben, wo alles so war wie immer und sich die Zeit doch auch weiterdreht. Kleine Menschen, die hinzugekommen sind, große Menschen, die nicht mehr da sind, neue Wohnungen, andere Partner, gleiche Spielplätze und Wege, auch Jakobs Kita ist noch so wie früher mit seiner Erzieherin Annette, nur dass Jakobs Freunde und er selbst ja auch jetzt nicht mehr pummelige 3-jährige sind, sondern hochgeschossene Vorschulkinder. „Und Jakob, was hast du so erlebt?“, fragt Karim. Schulterklopfen, dann ab auf die Roller und losgeflitzt. Auf dem Tempelhofer Feld wurde weiter gewerkelt, es gibt jetzt ein Flugzeug aus Holzpaletten und kleine Holzhütten mit rot-weiß gestreiften Markisen, die Hochbeete quellen immer noch über vor Blumen, Kräuter, das Bienenhotel ist auch noch da.

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Fast fühlt es sich so an, als ob wir nie weggewesen wären aus Berlin. Wir mögen die Stadt immer noch sehr. Aber als wir dann wieder im Flugzeug sitzen und über den weiten blauen Ozean zurückfliegen in unser anderes Zuhause, da sagt Jakob „mein Körper lacht von innen, weil ich mich so freue“ und ich finde, das trifft es genau.

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Am Ufer des Amazonas

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Vor kurzem bin ich (Eva) nach Iquitos im Departamento Loreto geflogen – zum ersten Mal richtig hinein in den Regenwald, der fast 60 Prozent der Fläche Perus ausmacht. Fliegen war (fast) die einzige Option – man hätte auch 20 Stunden mit dem Bus nach Yurimaguas und dann zwei Tage mit dem Boot fahren können. Eine direkte Straße nach Iquitos gibt es nicht – sie ist die größte Stadt der Welt, die nicht per Landweg zu erreichen ist. Eine Insel mit 400.000 Einwohnern, 30.000 Mototaxis und einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Ein Abenteuer.

Mit im Gepäck hatte ich den Stefan Loose Reiseführer, der für die nächste Ausgabe (2017) aktualisiert werden muss. Mein Auftrag: einen Tag Informationsbüros, Hotels, Restaurants abklappern, Abfahrtszeiten von Booten und Flügen klären und die Lodges im Amazonas überprüfen. Der Autor des Buches, Frank Herrmann, lebt mittlerweile wieder in Deutschland und brauchte Recherche-Unterstützung für das neue Buch. Gerne.

Auch mit dabei war Susanne, eine gute Freundin. Die hatte sich direkt in einer schönen Lodge einquartiert (Muyuna Lodge, ca. 140 Kilometer flussaufwärts des Amazonas). Ich folgte am Sonntag morgen. Vorher lief ich kreuz und quer durch Iquitos, genoß die Hitze und freute mich über die Wirkung der Vitamin-B-Tabletten, die ich in der Woche vor der Abreise genommen hatte: kein einziger Moskito wollte mich verspeisen. Ich dachte an Kuba und fand, dass Iquitos ein ähnliches Flair von verfallener, tropischer Schönheit hat wie Havanna; zu Zeiten des Kautschukbooms in Iquitos Ende des 19. Jahrhunderts wurden prunkvolle Kolonialbauten an den Malecón gesetzt, die noch heute gleichmütig auf den Fluss schauen.

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Ich saß am Hafen im Gewusel zwischen dem Ein- und Ausladen der Schiffe und schauteam Abend, als der Himmel tiefblau wurde, auf das spiegelglatte Wasser hinaus. Ich dachte an all die Geschichten und Mythen, die sich um den Amazonas ranken, Filme, die hier gedreht wurden (Fitzcarraldo u.a.), mächtige Pflanzen (Ayahuasca), deretwegen Menschen aus aller Welt hierherkommen. Die Weltanschauung der Bewohner des Amazonasgebietes beruht auf einer starken Verbindung zur Natur. Der Wald atmet, in den Stämmen der Bäume sitzen Geister und in den Tieren die Seelen Verstorbener. Das Wohlergehen der Menschen hängt von der Kontrolle dieser zahllosen übernatürlichen Kräfte ab. Mit Riten und Zeremonien bewahren sie die universale Harmonie, magische Mittel spielen eine wichtige Rolle. „Für uns ist der Regenwald ein lebendiges Wesen“, sagte Albino später, ein Mitarbeiter der Muyuna Lodge, der aus dem nahegelegenen Dorf San Juan kommt.

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Am Tag drauf fuhr ich zu Susanne in die Lodge. Zwei Tage versanken wir in der Stille, in allen Schattierungen von Grün, wir stapften in Gummistiefeln durch das Dickicht und begegneten nachts Skorpionen, goldenen Riesenfröschen und winzigen Fröschen von der Größe eines kleinen Fingernagels, perfekt geformt. Spinnen, die ein ganzes Sternenfirmament auf ihrem Rücken trugen. In den Baumwipfeln keckerten Affen und auf dem Weg zu einer Lagune, in der wir uns in schwimmenden Pflanzen verhedderten und beinahe steckengeblieben wären, wenn wir nicht alle mit der Machete mitgeholfen, um uns daraus zu befreien und mit den Händen in den grünen Teppich gegriffen und die Pflanzen zur Seite geschleudert hätten, die unter Wasser warm und modrig waren und vor Spinnen trieften; erst als sich die Nacht auf den Regenwald legte wie ein sternengesprenkeltes schwarzes Tuch, kamen wir in der Lodge an – also auf dem Weg zur Lagune trafen wir dieses herrlich entschleunigtes Faultier, das sich so wunderbar träge bewegte, dass es aussah, als falle es bei der nächsten Bewegung vom Baum und zu uns ins Boot. Als wir zurückfuhren nach Iquitos, da schauten aus dem Amazonas die Rücken der berühmten rosa Flussdelfine heraus.

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Es wLOGO-FOSPA-AGOSTO-2016-1ar ein erster Blick in dieses grüne Universum, das von so vielen Seiten bedroht wird (Abholzung, Monokulturen von Palmöl-Plantagen). Wir werden wiederkommen. Spätestens zum Panamazonischen Sozialforum (Foro Social Panamazónico) im April 2017.

Das Buch ist fertig!

Das auf Raubbau und Rohstoff-Export basierende Wirtschaftsmodell, das derzeit in vielen Ländern Lateinamerikas Konjunktur hat, hat die Armut in vielen Regionen ansteigen lassen. „Extraktivismus hat wirtschaftliche Krisen vorangetrieben und gleichzeitig Mentalitäten geschaffen, die nur auf Profit ausgerichtet sind“, urteilt Alberto Acosta, Ex-Minister für Energie und Bergbau in Ecuador und heute Vordenker der Weltanschauung des Buen Vivir – Recht auf ein Gutes Leben

Das Buch sucht  und zeigt Alternativen für ein sozialeres Modell, das mehr Wert legt auf Solidarität, Respekt gegenüber der Natur, auf nachhaltige Nutzung von Naturressourcen und nicht zuletzt auf die kollektiven Rechte von angestammten Gemeinschaften – ein Lebensmodell des Buen Vivir, allin kausay, suma kawsay, suma qamañ.

Zum Weiterlesen: ein Text (en español) vom Red Muqui zur Buchpräsentation auf der Buchmesse und unser Artikel zum Buch, veröffentlicht bei der Infostelle Peru.