In anderen Sphären: Marcahuasi

img_6682Es gibt eine Gruppe hier in der Stadt, die nennt sich Getaway Lima. Sie organisiert regelmäßig Ausflüge in die Umgebung von Lima. Rafting in Lunahuaná, Baden in der Oasis Morón, Wandern in den Lomas de Lachay. Einmal waren wir mit Getaway ein paar Stunden mit dem Kayak auf dem Pazifik paddeln, diesmal war der Ausflug länger und weiter weg: Marcahuasi war das Ziel, ein mysthisch anmutender Steinwald auf gut 4000 Meter Höhe, wo man nachts meint, die Sterne berühren zu können und wo sich hartnäckig das Gerücht hält, dass man hier Ufos und andere Erscheinungen sichten kann.

Marcahuasi ist einen guten 3-Stunden-Aufstieg von San Pedro de Casta entfernt, einem Dörfchen, das man nach 4 Stunden Fahrt von Lima erreicht, 2 Stunden davon über eine beängstigend schmale Schotterpiste ohne Sicherung an tiefen Schluchten vorbei, die es allemal mit der Carretera de la Muerte in Bolivien aufnehmen könnte.

img_8124img_7965

San Pedro de Casta liegt wie ein Adlerhorst auf einer gewaltigen Felsklippe. Wir stärken uns mit einem Mittagessen aus Suppe, Reis und Fleisch und schnallen unsere Rucksäcke auf. Ein paar Esel tragen unsere Zelte und anderes Gepäck. Dann geht es los, über einen vor zwei Jahren gut ausgebauten Wanderweg. Die Strecke an sich ist nicht lang – etwa 5 Kilometer vom Dorf bis zur Stätte – aber geht stetig bergauf. Das Herz fängt an zu pumpen. Wir laufen langsamer, Schritt für Schritt, machen alle paar Hundert Meter Pausen und lutschen Zitronenbonbons. Manche haben Koka-Blätter dabei, das uralte Mittel gegen Soroche, die Höhenkrankheit der Anden.

img_5697

img_7999

img_7997An einer Weggabelung entscheiden wir uns für den kürzeren, aber steilen Weg, der uns direkt auf das Felsplateau von Marcahuasi bringen soll. Die Esel laufen um den Berg herum und durch eine schmale Schlucht bis zum Amphitheater, wo wir unsere Zelte aufschlagen werden. Die letzten 500 Meter schleppen wir uns langsam die Stufen hinauf, mir ist schwindelig und ich frage mich, was ich meinem Körper da eigentlich antue, mich an einem Tag von Meereshöhe auf 4000 Meter zu begeben. Aber dann biegen wir um eine Felsnase und sind da. Ein gewaltiger Felsbrocken, der die Form eines Kopfes hat, schaut uns gleichmütig an. Vielleicht nickt er ein wenig, ich weiß es nicht mehr. Wir treten ein in eine andere Welt. Der Himmel ist so dunkelblau wie sonst nur hoch oben im Flugzeug. Die Granitfelsen glattgeschliffen wie mit einem gewaltigen Schmirgelpapier, Boulderer würden hier das Paradies auf Erden finden. Auf Felsvorsprüngen stehen geduckte Häuser aus Stein, Chullpas genannt, sie sind präinkaische Grabstätten, in denen die Toten mit Besitztümern wie Kleidung, Schmuck und Ausrüstungsgegenständen in Kauerstellung bestattet wurden. Die meisten Chullpas  haben nur eine Öffnung, in Richtung Osten zur aufgehenden Sonne.

img_8034

img_8023Wir verlieren uns auf dem weitläufigen, fast vier Quadratkilometer großen Plateau, folgen den aufgeschichteten Steinhäufchen und gelangen schließlich zu einer engen Schlucht. Wir gehen hinein und schlottern gleich vor Kälte. Unten im Amphitheater ist die Sonne schon nicht mehr zu sehen und wir bekommen eine Ahnung, wie kalt es später werden wird.

Als die Sonne in einem sagenhaften Meer aus Farben hinter dem Horizont verschwunden ist, bricht die Nacht herein. Und tatsächlich wird es bitterkalt. Die Temperaturen sinken unter Null. Wir ziehen uns immer weitere Schichten Thermoklamotten an. Der Sternenhimmel hängt so tief über uns mit einer Milliarde von Sternen, dass wir das Gefühl haben, den Kontakt zur Erde verloren zu haben. Nachts wache ich ständig auf. Sternschnuppen sausen vorbei. Wenn in dieser Nacht espíritus, Geister, aufgetaucht wären, es hätte mich nicht gewundert. Erstaunt sind wir darum auch nicht, als wir am nächsten Tag beim Abstieg eine seltsame Kugel über Marcahuasi schweben sehen, reglos und weiß schimmernd. Wir denken, dass es ein Wetterballon sein muss, irgendwas Wissenschaftliches, was auch immer. Aber insgeheim sind wir uns sicher, dass es ein UFO war.

img_5735

img_6692img_6102

 

 

 

 

img_8067

img_6681img_6680

 

 

 

 

img_6683img_6687

 

 

 

 

marcahuasi

img_5717

img_8087

img_8121

img_8122

img_8106

img_8126

img_6701

Ein Ufo über Marcahuasi?

Das Buch ist fertig!

Das auf Raubbau und Rohstoff-Export basierende Wirtschaftsmodell, das derzeit in vielen Ländern Lateinamerikas Konjunktur hat, hat die Armut in vielen Regionen ansteigen lassen. „Extraktivismus hat wirtschaftliche Krisen vorangetrieben und gleichzeitig Mentalitäten geschaffen, die nur auf Profit ausgerichtet sind“, urteilt Alberto Acosta, Ex-Minister für Energie und Bergbau in Ecuador und heute Vordenker der Weltanschauung des Buen Vivir – Recht auf ein Gutes Leben

Das Buch sucht  und zeigt Alternativen für ein sozialeres Modell, das mehr Wert legt auf Solidarität, Respekt gegenüber der Natur, auf nachhaltige Nutzung von Naturressourcen und nicht zuletzt auf die kollektiven Rechte von angestammten Gemeinschaften – ein Lebensmodell des Buen Vivir, allin kausay, suma kawsay, suma qamañ.

Zum Weiterlesen: ein Text (en español) vom Red Muqui zur Buchpräsentation auf der Buchmesse und unser Artikel zum Buch, veröffentlicht bei der Infostelle Peru.

Von Nebel, Wind und grünen Hügeln

P1060787

Während in Deutschland gerade die Sonne (meistens) scheint und der Sommer noch einige Wochen lang die Menschen beglücken wird  mit langen und lauen Abenden, duftenden Wiesen, Freibadbesuchen, haben wir hier auf der Südhalbkugel Winter. Wir merken das daran, dass wir morgens aus unserer Wohnung im 14. Stock in dichten Nebel gucken. Wir ziehen uns Wollsocken an und Jacken über. Am späten Nachmittag pfeift ein frischer Wind um die Häuser. Nur die Sonne geht immer zur gleichen Zeit auf und unter, daran ändert sich – so nah am Äquator – nichts.

Jetzt, wenn der Nebel über der Stadt wabert, erwachen einige der sonst so staubtrockenen Hügel in Lima zum Leben. Hinter dem bevölkerungsreichen Stadtteil Villa María del Triunfo zum Beispiel liegen die Lomas Verdes de Villa María. 1700 Hektar ist das Gebiet groß, das sich in den Wintermonaten August bis Oktober in eine leuchtend grüne Landschaft verwandelt. Dann setzen sich die Nebelschwaden (das Kondenswasser des Meeres) über den Hügeln ab und schaffen ein natürliches Bewässerungssystem. Nur wenige Kilometer vom staubigen und mit Verkehr vollgestopften Villa María entfernt herrscht hier auf einmal paradiesische Ruhe, die Füße betreten einen weichen grünen Teppich, gesprenkelt mit gelben und orangefarbenen Blumentupfern, darüber flattern Schmetterlinge. Nicht von ungefähr haben die Menschen den Hügeln hier den Namen Lomas del Paraíso gegeben, Paradies-Hügel.

kl_P1060559

kl_P1060563

Paradiesisch ist es hier ansonsten eher weniger. Villa María und die umliegenden Hügel gelten als Rand- und Armutsbezirke. Die Straßen sind unbefestigt, die Hütten aus Pappe, Wellblech und unverputzten Ziegeln gebaut. Aufgerissene Müllsäcke stapeln sich am Straßenrand, ein paar struppige Hunde schnüffeln nach Essbarem.

lomas

Unterwegs mit Alois Kennerknecht, einem kauzigen Agraringenieur aus dem Allgäu, der seit bald 30 Jahren in Peru lebt. Er hat Ministerien und Hilfsorganisationen bei landwirtschaftlichen Projekten in Äthiopien, Madagaskar, Haiti und Paraguay beraten. Mit dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) hat er Ende der 80er Jahre bei der Rehabilitierung von Terrassen und Kanälen der präinkanischen Bewässerungsanlagen mitgeholfen und Lösungen für Müll- und Abwasserprobleme gesucht, als in den 1990er Jahren in Peru die Cholera ausbrach.

„Das sind keine Armenviertel“, findet Kennerknecht. „Schauen Sie doch mal hin: die Leute sind sauber gekleidet, die haben alle Arbeit.“ Tatsächlich sieht man nicht nur Hütten, sondern auch feste Häuser mit Strom, Gas und fließendem Wasser, Kühlschrank und Fernseher. Es gibt kleine Geschäfte, eine Privatschule und eine Kita, eine Gesundheitsstation. Kennerknecht misstraut mitleidigen Spendern und beamteten Armutsbekämpfern. „Wer den Leuten Geld gibt, macht sie unmündig und passiv“, schimpft er. „Oft verfallen Projekte, weil man auf die nächste Überweisung wartet.“

P1060589In den Hügeln von Villa María nennen sie den 73-jährigen Deutschen nur „den Irren“. Denn Kennerknecht will, dass die Menschen selbst aktiv werden. Armut zu bekämpfen bedeutet für ihn, den Menschen Rechte statt Geld zu geben. Das ist nicht einfach in einer Kultur, wo sich Arme und Reiche darin eingerichtet haben, Almosen zu geben oder zu empfangen und wo Spekulanten damit die Umwelt ruinieren. Seine Touren durch die Vororte stehen inzwischen in drei Reiseführern, sagt er.  Als „Touren durch die Armenviertel“, was Kennerknecht aufregt. Ihn regt ziemlich viel auf.

„Die Politiker versorgen die Leute mit Wohnungen, dafür bekommen sie deren Stimmen“, sagt Kennerknecht. „Vor allem aber profitieren die Spekulanten. Die Besetzer sind oft gar keine Landlosen, sondern übergeben ihr Grundstück an die Bodenspekualten, die traficantes, die es mit hohem Gewinn verkaufen.“ Laut Richard Aguilar, Präsident des örtlichen Comité Ecológico de Defensa de las Lomas Villa María, schüchtern Schlägertrupps die Bürgermeister der Orte ein. „Da regt sich kein Widerstand mehr.“

kl_P1060588

Anwohnerin der Hügel von Villa Maria, die die Ausweitung der illegalen Besiedlungen kritisch sieht

Wir fahren hinauf zu Marta, die einen kleinen Comedor (Restaurant) oben auf den Hügeln betreibt und auf dem sandigen Boden Kartoffeln und Salat zieht. Neben ihrem Häuschen steht ein Gerüst, drei Meter hoch und acht Meter lang:  ein Nebelfänger, eine Konstruktion aus Stahlrohr, Netz und einer Membran, um Feuchtigkeit aus der Luft und den Winternebeln zu filtern. Vor einigen Jahren hat die kleine deutsche Organisation Alimón sie bauen lassen, um die verdorrten Hügel wieder ergrünen zu lassen. An sich eine gute Idee: die Nebelfänger übernahmen, was bis vor 100 Jahren die Bäume getan hatten. Zusammen mit den Anwohnern hob man Wasserreservoirs aus, legte Leitungen. „Die Nebelfänger haben 15.000 Liter täglich produziert“, sagt Kennerknecht, „Das hat gut funktioniert.“

lomas1Aber bald waren die Nebelfänger unbrauchbar. Die Anwohner hielten sie nicht in Stand, die Leitungen zerfielen. Vor allem aber störten die Wasserspender die heimlichen Herrscher der Gegend, die Bodenspekulanten. Grüne Hügel, die zu einem Naturschutzgebiet werden könnten, sind ein Hindernis für illegale Siedlungen. Plötzlich vergaßen Bürgermeister ihre Versprechen, Behörden mussten prüfen, Gesetze verzögerten sich. Den deutschen Initiatoren wurde gar am Flughafen die Einreise verwehrt.

Blick ins Tal. Bis zum Horizont haben sich die illegalen Siedlungen von Hügel zu Hügel gefressen. Richard Aguilar deutet nach rechts: „Diese Häuser waren bei unserem letzten Besuch noch nicht da.“ Er erklärt, wie die Landnahme vor sich geht: Menschen besetzen ein Stück Land und bauen provisorische Holzhütten – die Bausätze dafür werden an der Straße verkauft. Wenn die Polizei die Invasion nicht sofort beendet, werden die Besetzer zu Besitzern mit Anspruch auf das Land. Nach fünf Jahren haben sie ein Recht auf Wasser- und Stromleitungen. Alles ist perfekt legal, deshalb hat der Wasserversorger Sedapal drei riesige Wassertanks in das Tal von Bellavista gebaut.

kl_P1060583

Die Stadtverwaltung von Lima hat 2013 bei der staatlichen Naturschutzbehörde SERNANP beantragt, das 1700 Hektar große Gebiet in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln.  Der Antrag liegt aber seitdem auf der Halde. Wenn Lima weiterhin so rasant wächst und die Hügel hinter Villa Maria immer weiter besiedelt werden, wird sich das Thema irgendwann von selbst erledigt haben.

lomas

Fast zu schön, um Mai zu sein

IMG_0404_AussschnittWährend die Farben des Himmels heute von tiefgrau zu bleigrau zu weißgrau wechseln, schreiben wir hier einen Nachruf auf den Sommer, der noch gar nicht so lange her ist. Denn wie schon im letzten Jahr haben uns die Ausläufer von El Niño Sonnentage bis in den Mai beschert. In dieser Zeit hatten wir Besuch von Freunden aus Kolumbien, die kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes ein wenig Meeresbrise schnuppern (und natürlich auch uns sehen) wollten, was sie wegen des Zika-Virus in Kolumbien derzeit nicht so gut machen können. Sie bekamen fünf Tage feinsten blauen Himmel und Licht so gleißend wie das Gold der Inka und abends versank die Sonne glühend rot im Pazifik, es hätten nur noch schmalzige Gitarrenklänge gefehlt. Wir fühlten uns wie im Urlaub, mitten in der Stadt. Einmal fuhren wir raus in den Süden und landeten in Pucusana und Punta Hermosa. Punta Hermosa heißt schöne Spitze. Und es war spitze.

Nun sind die Freunde wieder in Bogotá und hier ist es kalt geworden. Aber wir sind unbekümmert, denn mit dem Ende des Sommers beginnen unsere Reisen in die Berge, wo in diesen Monaten der Himmel klar ist. Heute abend fahren wir mit Kindern und Freundinnen zum Selvámonos Festival nach Oxapampa. Dazu bald mehr. Bis dahin: schöne Sonnentage euch allen, in echt oder im Kopf!

IMG_669420160506_151436

 

 

 

 

IMG_6719IMG_6737

 

 

 

 

IMG_0405IMG_0376

 

Alltagsgeschichten

1Eine unserer Leser*innen hat uns gefragt, ob wir ein bißchen von unserm Alltag als deutsche Familie in Lima erzählen können. Das tun wir gerne. Hier also ein paar Eindrücke nach zwei Jahren:

Als wir mit unseren sieben Koffern, Laufrad, Kinderwagen und diversen Rucksäcken im August 2014 in Peru ankamen, war einiges vertraut und einiges neu. Vertraut war, dass wir schon diverse Male in Lateinamerika waren, in Ecuador, Bolivien, Kuba. Wir sprachen Spanisch, kannten und liebten Salsa und Cumbia, hatten bereits Cuy (Meerschweinchen) gegessen, waren unabhängig voneinander zum Machu Picchu geklettert und in knatternden Mototaxis (zu Taxis umgebaute dreirädrige Motorräder) durch die Gegend gefahren. Neu war, dass wir hier mit zwei Kindern, sieben Koffern und der Aussicht standen, einige Jahre hier zu bleiben und uns allmählich einen Alltag in der 10-Millionen-Stadt Lima aufzubauen.

Die ersten Monate waren eine Zeit der Orientierung, ein Auf und Ab der Gefühle, der Überforderung mitunter, der Suche: nach einer Wohnung,  einer geeigneten Kita, nach Fahrradwegen, Freunden. Wir hatten Glück und fanden eine schöne Wohnung, eine wunderbare Kita, wir kauften Fahrräder und fanden Fahrradwege, Freunde und Bekannte. Die wichtigsten Begleiterinnen in diesen Monaten:  Geduld und Zuversicht. Dass sich schon alles finden wird. Manches früher, manches später.

Und heute? Vieles ist so normal geworden, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Manches fällt uns immer noch auf: dass wir (anders als in z.B. derzeit in Europa) als Ausländer*innen herzlich aufgenommen werden. Nur ein brummeliger Nachbar blafft uns jedesmal mit einem herzlichen „Gringos!“ an, alle anderen sind interessiert, offen, neugierig. Deutschland gilt vielen als gelobtes Land, das Sicherheit und Perspektiven verspricht. Dass das nicht immer so ist und der politische Kurs in Deutschland gerade eher besorgniserregend ist, ist eine andere Geschichte.

Parque del Amor, Miraflores

Parque del Amor, Miraflores

3

Blick aus dem Wohnzimmer, Jesús María

 

 

 

 

 

Uns ist bewusst, dass wir trotz unseres für deutsche Verhältnisse sehr bescheidenen Gehalts hier ziemlich privilegiert leben. Wir haben eine wunderschöne große Wohnung, die wir uns mit Freunden teilen, wir können die Kinder in eine für peruanische Verhältnisse recht teure Kita schicken, im Taxi herumfahren, regelmäßig unsere Babysitterin anfragen, Essen gehen, verreisen. Wir haben über unseren Entwicklungshelfervertrag eine Krankenversicherung, die für viele Peruaner*innen völlig unerschwinglich wäre. Eine gute medizinische Versorgung kostet hier viel viel Geld. Es gibt einige staatliche Krankenversicherungen, aber die decken nur einen Bruchteil ab von dem, was viele in Deutschland an medizinischer Versorgung gewöhnt wären. Oft sammeln Freunde und Familie das Geld für die Betroffenen zusammen. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass man selbst in der Notaufnahme erst einmal Bares auf den Tisch legen muss, um überhaupt behandelt zu werden.

Wir wissen um diese Privilegien und versuchen so gut es geht,  andere daran teilhaben zu lassen und den Blick auf die vielen anderen Gesichter der Stadt und in der Stadt nicht zu verlieren. Als sogenannte Expats (hierzu ein lesenswerter englischer Artikel aus dem Guardian) könnten wir es uns auch in unserer Privilegienblase gemütlich machen. Aber Lima ist mehr als Miraflores und Barranco.

Und sonst so? Wir fallen immer wieder auf als diejenigen, die im Supermarkt Jutebeutel auspacken und ihre Einkäufe ohne Plastik einpacken. Wir werden bestaunt als unerschrockene Fahrradfahrer. Über unseren Brotkonsum (wir backen selber) macht unsere peruanische Mitbewohnerin Milena immer noch große Augen. Passanten bleiben stehen, wenn Ronja mit ihren blonden Haaren und blauen Augen vorbeiläuft, „que preciosa!!“ rufen sie, wie wunderschön! und „una muneca“, eine Puppe! Nur Leo, unser 4-jähriger Freund aus der Kita sticht mit seiner wilden Mähne von roten Korkenzieherlocken noch mehr aus der Menge.

Kindergeburtstag in Barranco

P1070466

Bei Freunden in San Juan de Lurigancho

Es gibt immer wieder Momente, in denen uns Unterschiede auffallen. Wie Menschen Kindergeburtstage feiern. Oder Weihnachten. Welche Bedeutung Familie hat. Was man alles essen kann (Meerschweinchen, Augen in der Suppe, Maden im Regenwald). Wie man (nicht) Nein sagt. Das bleibt spannend. Und dann gibt es all diese vielen Momente, die am Anfang neu waren – Emoliente de Quinoa trinken am Straßenstand auf dem Weg zur Arbeit, im Mototaxi zu Freunden tuckern, an Weihnachten Tshirts tragen, Salsa tanzende Senioren in der Nachbarschaft – die mittlerweile Alltag sind.

Es gibt einen schönen Text, den ich auf Nachbereitungsseminaren von Auslandsaufenthalten oft vorgelesen habe, da heißt es „Es machte mich glücklich, wie schnell das Gefühl aufkam, dass es am Ende doch egal war, ob man nun in Paris oder Perth, Amsterdam oder Amman lebte. Das Eingewöhnen dauert hier eventuell länger als dort, die Blicke auf der Straße sind dort vielleicht intensiver als hier, aber am Ende kann jeder dieser Orte ein Zuhause sein. Ich spürte dem Wegsein nach (…) wie es sich anfühlte und was es mit mir machte. Gegen Ende meines Aufenthaltes filterte ich heraus, was ich am Schönsten daran fand und was eventuell das sein könnte, was viele so schön an Auslandsaufenthalten finden. Es war nicht etwa, all das Neue zu sehen oder zu erleben, das konnte man auch in zwei bis vier Wochen Urlaub haben. Es war dieses langsame Werden eines Zuhauses, das Aufkommen eines Alltags, in dem manche Dinge Selbstverständlichkeiten wurden, in dem viele andere Dinge Selbstverständlichkeiten blieben“.

Es ist ein Kuczynski!

Nach fünf Tagen mühevollen Auszählens der knapp 20 Millionen Wahlzettel ist es endlich entschieden: der neue Präsident Perus für die nächsten fünf Jahre heißt Pedro Pablo Kuczynski (PPK). Mit einem minimalen Vorsprung von 0,2 Prozent oder knapp 40.000 Stimmen gewann er gegen seine Konkurrentin Keiko Fujimori.

peru1 peru1

 

 

 

 

 

 

 

peru4peru2

 

 

 

20 Millionen Peruaner*innen haben gewählt

Die ersten Hochrechnungen nach der Wahl gab es bereits am Montag, aber dann verlangsamte sich der Prozess. 78,2 Prozent ausgezählt, 88,4 Prozent, 92,4 Prozent…Den Peruanern wurde einiges an Geduld abverlangt. In den sozialen Medien kursierten Memes und Karikakturen, die das zähe Voranschreiten der Auszählungen der Wahlzettel auf die Schippe nahmen und schläfrige Faultiere am Computer zeigten oder den 77-jährigen Kuczynski als Mumie, der immer noch auf das Wahlergebnis wartet. Die letzte Aktualisierung gab es schließlich am Donnerstag vormittag – mit 99,991 Prozent verarbeiteten und 99,532 Prozent vorliegenden Wahlzetteln.

Die Langwierigkeit hatte aber seine guten Gründe: die Stimmzettel aus der gesamten Welt müssen im  Original bei der peruanischen Wahlbehörde ONPE vorliegen, um Wahlbetrug und -fälschung vorzubeugen. In Peru herrscht Wahlpflicht. Da eine halbe Million Peruaner*innen im Ausland leben, musste die Wahlbehörde warten, bis die Wahlzettel aus den verschiedenen Ländern, von Deutschland über Mazedonien, Ghana, Japan bis Neuseeland mit dem Flugzeug eingetroffen waren. Auch aus den entlegenen Regionen Perus wie aus dem Tal der Flüsse Apurímac, Ene und Mantaro (Vraem) verzögerte sich die Ankunft der Wahlstimmen.
Nun ist es also ein Kuczynki geworden. Viele Peruaner*innen sagen, dass nicht er gewonnen habe, sondern die „No a Keiko“-Bewegung, Kuczynski als das geringere Übel sozusagen. Abzuwarten ist, wie Keiko reagieren wird. Fechtet sie das Wahlergebnis an? Oder konzentrieren sich die Fujimoris auf 2021, wenn Keikos Bruder Kenji Fujimori kandidieren soll? Es bleibt spannend.

Ihr Name ist Fujimori

congresodelperuu_1Am Sonntag fand die Stichwahl zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten in Peru statt – der konservativen Keiko Fujimori (40) und dem liberalen Pedro Pablo Kuczynski (77). Einer von beiden wird in den nächsten fünf Jahren als Präsident*in den politischen Kurs des Landes maßgeblich mitbestimmen.

Nach ersten Hochrechnungen am Sonntag abend lag Kuczynski mit 51,5% ganz knapp vor Keiko. Seitdem sind zwei Tage vergangen und der Abstand zwischen den beiden Kandidaten hat sich in der Zwischenzeit auf 0,5 Prozentpunkte verringert – laut bisheriger Wahlergebnisse haben 50,15 % für Kuczynski gestimmt und 49,85 % für Keiko. Aber ist das so? Im Radio wird debattiert, welchen Einfluss Keiko und ihre Wahlmannschaft auf die Auswertung der Ergebnisse haben könnte und warum sich die Auswertung der Wahlzettel seit anderthalb Tagen so drastisch verlangsamt hat. Diejenigen, die in den letzten Wochen und Monaten zu Tausenden auf die Straße gegangen sind, um gegen die Kandidatur Keikos zu protestieren (auch ihr wurde vorgeworfen, Wählerstimmen gekauft zu haben), haben bereits angekündigt, zu Hunderttausenden auf die Straßen zu gehen, sollte Keiko dieses merkwürdige Kopf-an-Kopf-Rennen doch gewinnen.

keikoookeikonova

 

 

In Peru finden die Präsidentschafts- und Kongresswahlen getrennt statt. Die Wahlen des Kongresses fanden bereits im April statt. Mit ihrer Partei Fuerza Popular (Volks-Kraft) hat Keiko 72 Sitze gewonnen und wird so oder so einen entscheidenen Einfluss auf die künftige Politik des Landes haben. Der ehemalige Wirtschaftsminister Kuczynski hat mit seiner Partei Peruanos por el Kambio (PKK), Peruaner für den Wandel, nur rund 25 Sitze.

Die Rechtspopulistin Keiko Fujimori und Tochter des autoritären früheren Präsidenten Alberto Fujimori, der die Demokratie ausgehebelt hatte und später wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, spaltet das Land. Denn Keiko Fujimori ist nicht einfach nur die Tochter von Alberto Fujimori. Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde sie 1994 als 19-Jährige an der Seite ihres Vaters zur jüngsten First Lady Lateinamerikas. Sie war an seiner Seite, als er 1992 in einem Selbstputsch den Kongress auflöste und die Gerichte entmachtete. Das autoritäre Regime Fujimoris ist den Peruanern noch sehr präsent und damit auch die Erinnerungen an außergerichtliche Exekutionen, Zwangssterilisierungen als Mittel der Armutsbekämpfung, Einschränkung der Medienfreiheit, Wahlbetrug und Korruption. Für viele Peruaner steht der Name für eine dunkle Zeit, in der die Menschenrechte und die Demokratie mit Füßen getreten wurden, für fast die Hälfte aller Peruaner*innen ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten auf keinen Fall wählbar.

Wunsch nach harter Hand

Fujimori begann nach ihrer ersten Präsidentschaftskandidatur 2011 (damals scheiterte sie knapp gegen den noch amtierenden Präsidenten Ollanta Humala), sich vom Image ihres Vaters zu distanzieren und seine „Fehler und Verbrechen“ öffentlich anzuprangern. Sie ist sich aber auch bewusst, dass für viele Peruaner*innen der Name Fujimori mit Neuanfang verbunden ist, mit Ordnung und Aufschwung. Peru stand am wirtschaftlichen Abgrund, als Alberto Fujimori 1990 an die Macht kam. Marktfreundliche Reformen, Privatisierungen und weitreichende Sozialprogramme brachten Peru auf den wirtschaftlichen Erfolgskurs zurück, von dem bis heute gerne und stolz die Rede ist. Gleichzeitig beendete Fujimori in seiner Amtszeit weitgehend den Terror der Guerillaorganisation Sendero Luminoso. Dass seine Regierung und das äußerst brutale Vorgehen des Militärs selbst für den Tod von Tausenden Zivilisten und Unschuldigen verantwortlich ist, ist ein anderes Thema (dazu bald mehr im Beitrag zur Bürgerkriegsgedenkstätte Lugar de la Memoria).

Für viele Peruaner*innen steht der Name Fujimori daher bis heute für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Sie hoffen, dass Keiko mit ähnlich harter Hand regieren wird wie ihr Vater, um Probleme wie Kriminalität und Wirtschaftsstagnation in den Griff zu bekommen. Es bleibt zu bezweifeln, ob das eine gute Entscheidung war.

Hier eine sehr sehenswerte Doku/Videobiografie „Su nombre es Fujimori“ (Sein/Ihr Name ist Fujimori, Regisseur: Fernando Vílchez) über den Einfluss, den die Familie Fujimori auf das Schicksal Perus gehabt hat. Gegen das Vergessen.