Kleiner Urlaub mit großer Gruppe

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Mattes‘ Eltern sind gerade zu Besuch in Peru. Mitgebracht haben sie diesmal ihre Canasta-Kartenspieltruppe und langjährigen Freunde HG, Anne, Dieter und Elsmarie aus Natbergen bei Osnabrück. Eine Woche schaute sich die eingespielte Reisegruppe Lima an, das Meer, die Altstadt, den Wasserpark, Läden, Restaurants. Gleich am ersten Tag fanden sie ihr Stammlokal, gegenüber von ihrem wirklich schönen Hotel „El Patio“, da saßen sie dann jeden Abend mit den Einheimischen, betagten Miraflores-Bewohnern, die ihre Instrumente mitbrachten und zu Gitarre, Cajón und Maracas (Rasseln) herzerweichende Schnulzen in den lauen Abendhimmel schmetterten. Wunderbar.

Nach einer Woche machte sich die Reisegruppe auf den Weg nach Cusco, dem Schatzkästchen Perus. Wir haben sie ins Inka-Dörfchen Ollantaytambo begleitet, wo sie sich einige Tage an die Höhe gewöhnten, später fuhren sie weiter zum Machu Picchu  und zurück nach Cusco.

Ollantaytambo also wieder – im Oktober habe ich hier einen Nachmittag mit meiner Mutter verbracht, vor elf Jahren ein paar Tage. Obwohl die Touristenströme auf dem Weg zum/vom Machu Picchu hier vorbeifahren und das Örtchen voll auf Gastronomie und Unterkünfte eingestellt ist, gibt es immer noch ruhige Ecken und Winkel, grüne Wiesen, plätschernde Bäche. Wieder verlieren wir uns in den Gassen des kopfsteingepflasterten Dorfes, das wie aus der Zeit gefallen scheint. Es ist das einzige verbliebene Beispiel für Stadtplanung aus der Inkazeit. Die Gebäude, Inka-Terrassen und die engen Gassen von Ollantaytambo sind noch so wie zu Inkazeiten.

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Wieder klettern wir zur Ruine auf dem Berg Pinkuylluna hinauf. Damals saß ich mit meinem Reisebegleiter und zwei Kindern aus dem Dorf dort, heute mit meinen eigenen beiden Kindern, Mann und Schwiegervater. Wieder verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, als ich auf Ollantaytambo herunterblicke. Was ist Zeit, frage ich mich. War ich jemals woanders als hier? Es fühlt sich gut an, da oben zu sitzen, der Himmel spannt sich weit und blau über den Bergen. Unten tutet der Machu Picchu Touristenzug im Urubamba-Tal. Oben zwitschern die Vögel. Wolken ziehen auf. Wind weht um die Nasen. Wir futtern unsere Käsebrote und fühlen uns gleichzeitig groß und stark und winzig klein.

Unten treffen wir die Reisegruppe wieder. Kehren irgendwo ein. Als die Gruppe am nächsten Tag zur wohl bekanntesten Ruine auf dem südamerikanischen Kontinent aufbricht, stapfen Jakob, Ronja und ich noch einmal den Berg hinauf. Dann holen wir Puppe, Teddy und Rucksack ab und machen uns auf den Heimweg nach Lima.

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Kennst du das Land, wo die Orangen blühten?

klP1070740Fast zwei Jahre lang – so lang sind wir bald hier – haben wir davon gesprochen, einmal nach Huaral zu fahren. Dort wohnt die Familie von Carlos, einem guten Freund von uns. Seit einigen Monaten wohnt Carlos‘ Cousine Milena bei uns, auch sie hat lange Zeit in Huaral gewohnt. Höchste Zeit also, unseren Freunden und ihren Familien dort einen Besuch abzustatten.

Huaral liegt knapp 80 Kilometer nördlich von Lima an der Küste. Die Stadt ist von weiten Feldern und Plantagen umgeben, hier werden Kartoffeln, Mais und Baumwolle angebaut, Äpfel, Mangos, Mandarinen, Avocado und Guayaba. Auf dem Feld der Familie knabbern wir an Zuckerrohrstengeln, schnuppern am Hierba Luisa und lutschen das weiße Fruchtfleisch der Pacay.

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Früher gab es in Huaral gewaltige Landgüter. Eines davon ist die Hacienda Graña de Huando, sie gehörte der Familie Graña Elizalde. Auf 1450 Hektar Land pflanzten sie fast ausschließlich Orangen. Als Naranjas Huando wurden die kernlosen Früchte zum Exportschlager (auch wenn die Orangenart eigentlich Washington Navel hieß). Die Orangen gingen in die USA, nach Kanada und Europa.

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Die linke Militärregierung unter Juan Velasco Alvarado erließ 1969 ein Agrarreformgesetz, infolgedessen die Haziendas enteignet und an bäuerliche Genossenschaften übertragen wurden. Diese nannten sich an der Küste Cooperativas Agrarias de Producción (CAP), Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, im Andenhochland Sociedades Agrícolas de Interés Social (SAIS), Landwirtschaftliche Gesellschaften von sozialem Interesse. Die Landreform beendete weitgehend das jahrhundertealte System der Schuldknechtschaft (peonaje), einem sklavereiähnlichen Abhängigkeitsverhältnis von Bauern gegenüber Großgrundbesitzern. Allerdings besteht die Konzentration von viel Land in den Händen von Wenigen bis heute fort. Die Infostelle Peru hat dazu vor einiger Zeit einen sehr informativen Artikel geschrieben.

Nach der Landreform wurde also die ehemalige Hacienda auf knapp 500 Genossenschaftler der Cooperativa Agraria de Producción Huando übertragen. Die Genossenschaft löste sich 1992 auf, die Ländereien wurden in Parzellen aufgeteilt. Als eine Plage namens „Virus de la Tristeza“ (Virus der Traurigkeit) die Huando-Orangen befiel, wurde ihre Produktion allmählich eingestellt. Heute pflanzen die Bauern eine Vielzahl anderer Früchte an: Mandarinen, Erdbeeren, Spargel, Avocado.

Die frühere Hacienda Graña de Huando wird heute von ehemaligen Arbeitern verwaltet. An den alten Kolonialgebäuden nagt der Zahn der Zeit. Ein paar Bäuerinnen verkaufen Honig, Mandarinen und Fruchtlikör. Es gibt ein Restaurant und ein kleines Museum mit alten Keramikfunden und einer noch älteren Mumie namens Rosita. Dort, wo heute Tagesgäste eine Runde auf Pferden drehen, ging Carlos früher in den Kindergarten.

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Später essen wir Cuy (gebratenes Meerschweinchen), von Carlos‘  Mutter zubereitet, zählen die Mückenstiche, die wir vom Feld mitgebracht haben und schmettern bei Vollmond in einer Karaokebar schmalzige Lieder. Es war sehr schön. Wir kommen sicher wieder.

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Wilde Wasser und weite Wüsten

 

 

 

 

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Das einfache Leben

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Ein Wochenende in Huancayo. Zu Besuch bei Ulrika und Wuester, die wie wir für drei Jahre als Entwicklungshelfer in Peru arbeiten.

Der erste Tag ist mühsam. In meinem Kopf pocht es, ich bin verschnupft und fühle mich trotz neun Stunden Schlaf unendlich müde. Mein Körper ist nicht daran gewöhnt, auf 3200 Metern herumzulaufen, trotz mehrmaliger Reisen in die Berge. Ich gebe mir Zeit, laufe langsam, trinke tassenweise Koka-Tee. Am Nachmittag geht es besser. Wir machen einen Rundgang durch die Stadt. Auf der Avenida Real, der Hauptstraße Huancayos, arrangieren Gruppen in mühevoller Arbeit riesige Bilder aus gefärbtem Sägemehl. Am Abend wird eine große Prozession über diese Teppiche spazieren. Später klettern wir durch versteinerte Felsformationen, die Torre Torre (Turm Turm) heißen, die Luft ist warm, Vögel zwitschern, ein kleiner Bach plätschert in der Tiefe. In Huancayo ist das Campo, das Land, sehr nah.

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Am nächsten Tag fahren wir eben dort hin, aufs Land. Im Dörfchen Wicso wohnen die Eltern von Roberto, einem guten Freund aus Lima. In Wicso sind die Straßen nicht befestigt, Mädchen treiben Kühe und Schafe über die Wege, um das Dorf herum liegt ein Meer aus Maisfeldern.

Familie Lopez-Rojas hat ein Haus aus Lehm. Wir stehen mit Gitarre, Charango und breitkrempigem Cajamarca-Sombrero vor der Tür, Wuester singt „Ya llegamos amigos“, er hat für jeden Anlass ein Lied dabei. Robertos Eltern öffnen uns die Tür, ihre Enkel luken heraus, der Hund bellt uns wütend an, dann beruhigt er sich. Wir treten ein. Der Innenhof ist voller Blumen, Kräuter (Oregano, Melisse), Aguaymanto, am Haus ein in die Wand geritztes Bild einer aufgehenden Sonne. 

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Es wird ein friedlicher Tag auf dem Land. Wir gehen aufs Feld und ernten Mais, um daraus später Humitas zu machen, in Maisblätter gewickelte süße Maisfladen. Wir essen Avas (Bohnen), Choclo (Mais) und Yungay-Kartoffeln mit der Hand, tunken sie in verschiedene Soßen mit verschiedenen Schärfegraden. Wuester schaut nach der Therme, die er bald hier anbringen will, damit die Familie warmes Wasser hat. Die Kinder machen Lagerfeuer hinten auf dem Feld.

Das einfache Leben, denke ich. Sorgenfrei ist es sicher nicht – wenn der Regen ausbleibt oder der Arzt eine Tagesreise entfernt ist oder die Kinder nicht zurückkommen aus den Großstädten, in die sie gezogen sind. Aber auf dem Land zu sein schärft den Blick für wesentliche Dinge. Gibt es genug zu essen? Wann kommt der Regen? Sind die Esel versorgt? Familie Lopez-Rojas besitzt wenige Dinge, aber die werden täglich genutzt. Was kaputt ist, wird repariert. Was die Natur gibt an Materialien, wird weiter verwertet.

Auch Ulrika und Wuester führen ein einfaches Leben. Sie haben keinen Kühlschrank, duschen mit Solarenergie, stellen selbst Joghurt her und pflanzen Salat auf der Dachterrasse. Wuester hat eine Werkstatt voller Krimskrams, wo er alles repariert, was er in die Hände bekommt. Haben oder Sein, denke ich, hier spielt das Sein eine große Rolle, Musik, Spiritualität. Was macht ein gutes Leben aus? Sich nicht abhängig machen von Sachen. Frei sein. In guter Gesellschaft sein.

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Mit dem Zug über die Anden

klIMG_6236Übers Osterwochende habe ich mir einen langgehegten Wunsch erfüllt: einmal mit dem Ferrocarril Central Andino von Lima nach Huancayo, einmal über die Anden, über einen Pass von 4818 Metern, durch 69 Tunnel, über 58 Brücken und 6 Mal Zickzackfahrten, d.h. vor und zurück, vor und zurück mit dem gesamten Zug, um in kürzester Zeit mehrere Hundert Höhenmeter zu überwinden. Da klebt der Zug wie ein Bergsteiger an der Wand.

Früher verkehrte die Bahn als regulärer Personenzug. Seitdem Busse eine schnellere und günstigere Alternative sind, fährt er nur noch acht Mal im Jahr für Touristen. An der Estación de Desamparados, dem Bahnhof von Lima, verabschiedet uns eine Blaskapelle, ein Paar tanzt die Marinera, die Sonne geht gerade auf. Schaukelnd setzt sich der Zug in Bewegung. Laut tutend fährt er durch die Vororte der Millionenstadt, dicht an einfachen Hütten aus Holz und Wellblech vorbei. Autos bleiben stehen, Fenster öffnen sich, Menschen winken uns hinterher, wie einem Schiff, das vorbeifährt und von fernen Ländern erzählt. Der Himmel ist dunstig blau. Dann zuckeln wir hoch ins Tal des Rímac, fort von der Küste. Einmal Lokwechsel in Tornameza (bei der Casa de los Titiriteros), dort ist die Kurve so eng, dass der Zug nicht herumfahren könnte. Wir können ein paar Minuten aussteigen, die Sonne brennt schon, der Weichensteller sagt, es sei jedes Mal ergreifend, den Zug über die mächtigen Anden fahren zu sehen.

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Auf 4800 Meter Höhe an der Station Galera

Vor knapp 110 Jahren Jahren wurde die Bahnstrecke fertiggestellt, nach 27 Jahren mühevoller Arbeit, eine technische Meisterleistung. Im Tunnel Balta schraubt sich der Zug im Berg über 1,5 Kilometer in Form einer Acht Kurve um Kurve nach oben. Die Puente Infiernillo („Kleine Hölle“) verbindet über eine Brücke zwei Tunnel in gegenüberliegenden Bergrücken. Schienen und Brücken wurden, in Teile zerlegt, aus den USA, Frankreich und England herbeigeschifft, ebenso wie später die Lokomotiven und Wagen. Für den Bau wurden zehntausende Arbeiter angeworben, aus Peru, Chile und China. Etliche kamen dabei ums Leben.

Der Zug zuckelt weiter hinauf. Nach vielen Stunden und Tausenden Höhenmetern sind wir in den Hochebenen angekommen, die Luft wird dünner, das Herz pumpt. Viele Mitreisende dösen ein. Am Ticlio-Pass auf über 4800 Meter Höhe fangen die Kleinkinder an zu weinen, manche übergeben sich. Eine Krankenschwester an Bord versorgt sie mit Koka-Tee, einem altbewährten Mittel gegen Höhenkrankheit, und Lutschbonbons. Dann kommen die Schmelzhütten von La Oroya. Wüst sieht die Gegend hier aus, riesige Maschinen, Schlote, staubbedeckte Berge. Hier werden die kostbaren Rohstoffe aus den Minen des Hochlands verarbeitet und eingeschmolzen. Hier zeigt sich das Ausmaß, mit dem die Menschen die Erde ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. La Oroya zählte jahrelang zu den am stärksten verschmutzten Städten der Welt. Die Luft ist voller Blei, im Montaro Fluss schwimmt kein Fisch mehr und die Berghänge der Anden sind hier kalkweiß, weil das Schwefeldioxid aus den Schornsteinen der Schmelzhütten alle Bäume, Büsche und das Gras abgetötet hat.klIMG_6302

Die Bahnstrecke Lima-Huancayo ist normalerweise ausschließlich Güterzügen vorbehalten. Jeden Tag fahren Waggons voll mit Kupfer, Zink, Silber hinab nach Lima und verschiffen die wertvollen Erze in alle Welt. Der Hunger nach Rohstoffen ist groß, also bohren sich die Maschinen weiter in die Erde, die Gruben der Minen werden immer tiefer, in manchen Städten (Cerro de Pasco) fällt die Stadt fast in den Abgrund der Minen hinein.

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Nach insgesamt 13 Stunden Fahrt erreichen wir Huancayo auf 3271 Meter Höhe. Der Kopf ist voller Bilder, die Augen brennen vor Müdigkeit, es pocht dumpf an den Schläfen. Ich bin angekommen.

Wenige Tage später fahre ich die ganze Strecke wieder zurück. Auch jetzt schaukelt der Zug wie ein Ozeandampfer durch grüne Täler und wüste Berglandschaften. Hier wirkt er noch wie ein Fremdkörper, ein schnaufender Wurm vor gewaltigen Bergrücken, die Tausend Jahre alt sind. Bald aber zuckelt er hinab in die Tiefe, 4800 Meter hinunter an die Küste, bis er sich schließlich im Gewühl von Lima verliert.

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Einmal Wanderlust, bitte

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Die Cousine von Eva und die Freundin ihres Cousins schreiben einen schön zu lesenden und anzuschauenden Blog namens Gretas Freunde über Freigeister, Globetrotter und Genießer guter Dinge. Im Oktober hatten sie Eva über das Reisen und Leben im Ausland interviewt und Fragen gestellt wie:

  • Wenn Peru eine Pizza wäre, was käme drauf?
  • Wonach hat sich das Land beim ersten Mal neue-Heimat-Luft-schnuppern angefühlt?
  • Was würdest Du am liebsten mit nach Hause nehmen – falls ihr irgendwann wieder nach Deutschland kommt?

Hier kommt mit ein wenig Verspätung der link zum Text „Ich bin der Wanderlust gefolgt“

Danke dafür, Tine und Sarah!

Murales * Wandbilder

Conga No Va! Agua Si – Oro No! Yo cuido mis tierras – y tú? In der Region Cajamarca ist der Bergbau ein sehr konfliktbeladenes Thema. In Celendín haben Jugendliche begonnen, Konflikt und Kunst zusammenzubringen. In der Stadt gibt es unglaublich viele Murales an den Hauswänden. Die Bilder haben sich zum beliebten und friedlichen Protest gegen die geplante Erweiterung der Mega-Mine Yanacocha (Conga-Projekt) entwickelt. Jorge vom bergbaukritischen Forum Plataforma Institucional Celendína (PIC) führte uns einen Nachmittag lang durch die Straßen der Stadt. Hier ein paar Eindrücke aus einer Stadt, die mehr auf Lager hat als große Hüte und leckere Kartoffeln. Más informaciones en español aqui.

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Kunst und Wirklichkeit. Das Foto hat Milton Sanchez (PIC) 2012 aufgenommen

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Und zu guter Letzt doch noch ein paar große Hüte 🙂

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Der Nabel der Welt

IMG_0695Mit meiner Mutter ein paar Tage in Cuzco. Dunkelblauer Himmel über braun verbrannten Bergen. Herzklopfen in 3400 Meter über dem Meer. Mate de Coca schlürfen. Wuchtige Kirchen. Noch wuchtigere Inkasteine, millimetergenau ineinandergefügt. Mütterchen mit bunten Röcken und Filzhüten, die Kinder im Tuch auf dem Rücken. Kopfsteinpflastergetrappel. Touristenscharen wie Erdmännchenrudel, links schauen, rechts schauen, hoch schauen. Läden voller bunter Stoffe. Palo Santo weht vorüber, es riecht nach Weihrauch. Fliegende Händler bieten Walking Sticks, Teleskopstangen fürs Smartphone und Moskityspray an für die Reisenden nach Machu Picchu, es wird einem an nichts fehlen auf dem Weg dorthin.

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Früher war Q’osco (Quechua für „Nabel der Welt“) das Zentrum des gewaltigen Inkareiches, das sich von Kolumbien und Ecuador über Peru bis ins nördliche Chile und Argentinien erstreckte, ein Gebiet so groß wie vom Nordkap bis nach Sizilien. Tawantinsuyu, das Reich der vier Weltgegenden: Antisuyu (Osten), Chinchaysuyu (Norden), Kuntisuyu (Westen) und Qullasuyu (Süden). Die Inka bauten ein dichtes Netz aus gepflasterten Straßen, kommunizierten über ein ausgeklügeltes System von Knotenschnüren (Quipus) und beteten die Sonne (Inti) an.  In der Blütezeit der Inka glänzte die Stadt voller Gold. Dann kamen die Spanier mit Francisco Pizarro. 1533 marschierten sie in Cuzco ein, töteten die Inkaherrscher,  zerstörten ihre Tempel und bauten auf deren Grundmauern wuchtige Kirchen. Sie ließen fast alles Gold und Silber herbeikarren, einschmelzen und nach Europa verschiffen. Die Bevölkerung Cuzcos starb in Scharen durch eingeschleppte Krankheiten.IMG_0642

Nach den wüsten Jahren der Eroberung verfiel Cuzco in einen Dornröschenschlaf. Die spanischen Kolonialherren verlagerten ihre Aktivitäten an die Pazifikküste, künftig wurden Geschäfte und Politik von Lima aus geregelt. Am ehemaligen Nabel der Welt wurde es ruhig. Manchmal gab es Aufstände der Bevölkerung gegen die Kolonialherrschaft, manchmal gab es Erdbeben, irgendwann feierte Peru die Unabhängigkeit von Spanien. Dann stießen Forscher 1911 auf die mysthische Inkafestung Machu Picchu, überwuchert vom Urwald. Und Cuzco erwachte. Nachdem die Stadt lange Zeit nur mit Bussen oder der Eisenbahn über Arequipa und den Titicacasee erreichbar gewesen war, kamen mit den ersten Flugzeugen immer mehr Touristen. Anfangs ein paar Hundert, dann Tausende. Ende der 1980er waren es 70.000 pro Jahr. 2011, im Jahr des 100. Jahrestags der Wiederentdeckung des „Alten Gipfels“ (Quechua für Machu Picchu) kraxelten 900.000 Menschen in den Ruinen herum. Cuzco ist heute der Nabel der Touristen-Welt in Peru.

Statt uns den Massen anzuschließen, die am Feiertagswochenende zum Machu Picchu strömen, wandern meine Mutter und ich zu den Salzterrassen von Maras und fahren weiter nach Ollantaytambo. Vor 10 Jahren war ich schon einmal hier und verlor mich in den Gassen des kopfsteingepflasterten Dorfes, das wie aus der Zeit gefallen schien. Wir klettern zur Ruine auf dem Berg Pinkuylluna hinauf, in der ich damals mit meinem Reisebegleiter und zwei Kindern aus dem Dorf gesessen hatte. Als ich auf Ollantaytambo herunterblicke, verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart. Was ist Zeit, frage ich mich. War ich jemals woanders als hier? Es fühlt sich gut an, da oben zu sitzen, der Himmel spannt sich weit und blau über den Bergen. Irgendwann steigen wir wieder herunter. In der Ferne hören wir das Tuten des Machu-Picchu-Touristenzugs im Urubamba-Tal. Es klingt wie ein trauriger Lockruf. Dann fahren wir zurück nach Cuzco.

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Cusco 2015 & 2005 (re.)

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Recherchereise in den Regenwald

P1060040„Hier ist sie, die Mutter“, sagt Grimaldo und zeigt auf eine kleine grüne Raupe, die regungslos am Stamm eines Erdnuss-Strauchs klebt. Jede Pflanze besitzt eine Mutter, eine Art guten Geist, sagt der Kleinbauer, der in der indigenen Gemeinde El Naranjal in der Nähe von Lamas lebt. Lamas ist eine Kleinstadt von 20.000 Einwohnern und liegt auf einem Hügel von 300 bis 900 Höhenmetern in der Nähe von Tarapoto im Amazonasgebiet von Peru. Das Klima ist tropisch, man kann die weiten Tiefebenen des Regenwaldes schon erahnen, wo sich die breiten Flüsse des Amazonas, Ucayali und Marañon wie Lebensadern durch das dichte Grün schlängeln.

P1060228Die Infostelle Peru und der Nachrichtendienst Comunicaciones Aliadas haben mit der Finanzierung des BMZ zwei Recherchereisen in den peruanischen Regenwald organisiert, um die Berichterstattung über das Amazonasgebiet zu stärken. 16 junge Journalisten aus Lima sollen aus erster Hand erfahren, was die Anliegen und Probleme der indigenen Bevölkerung im Amazonasgebiet sind und zu Umweltthemen recherchieren, die in den Medien der Hauptstadt nur wenig oder keine Beachtung finden. Mitte September reiste die erste Gruppe von 8 Journalismus-Studierenden nach Nauta in die Provinz Loreto, zwei Wochen machte sich die zweite Gruppe auf den Weg nach Lamas (Provinz San Martín). Barbara Fraser, US-amerikanische Umweltjournalistin und Nieves Vargas von Comunicaciones Aliadas haben sie begleitet. Im Auftrag der Infostelle Peru konnte ich bei der zweiten Reise ebenfalls dabei sein.

P1060221„Wir bitten die Natur um Erlaubnis, bevor wir säen, ernten oder jagen gehen“, sagt Grimaldo jetzt. „Man kann nicht einfach losmarschieren in den Wald, das bringt das ganze Gefüge durcheinander“. Die Weltanschauung der Bewohner des Amazonasgebiet beruht auf einer starken Verbindung zur Natur. „Der Wald atmet, in den Stämmen der Bäume sitzen Geister und in den Tieren die Seelen Verstorbener“, beschreibt Grimaldo. Das Wohlergehen hängt von der Kontrolle dieser zahllosen übernatürlichen Kräfte ab. Mit Riten und Zeremonien bewahren sie die universale Harmonie, magische Mittel spielen eine wichtige Rolle. „Für uns ist der Regenwald ein lebendiges Wesen“, sagt Grimaldo.

Die jungen JournalistInnen schreiben fleißig mit. Zu Beginn der Reise haben sie sich drei Themen zugeordnet, zu denen sie während der knappen Wochen in Lamas recherchieren wollen: den Konflikt um Land, wo sich Naturschutzgebiete in traditionell angestammten Gebieten indigener Gemeinden befinden; die biologische Vielfalt angesichts vermehrter Monokulturen in der Landwirtschaft; und die Umweltbelastungen durch die Schweinefarm „Don Pollo“. P1060215P1060049

    Jeden Morgen ziehen die Nachwuchsjournalisten in drei Gruppen los, ausgerüstet mit Notizblock, Stift, Aufnahmegerät und Kamera. Sie besuchen indigene Gemeinden wie El Naranjal oder Mishquillakillu, sprechen mit Dorfältesten und Anthropologen, interviewen Lokalpolitiker und Vertreter von NGOs wie CEPKA (Ethnischer Beitrat für Quechua-sprachige Dörfer im Amazonasgebiet). Sie streifen über die Felder und fragen nach traditionellen Anbaumethoden, sie probieren frischen Zuckerrohr und Suris, dicke Maden, die aus morschen Stämmen geklaubt und gebraten verspeist werden, sie gelten als wichtiger Proteinlieferant. P1060006„Es kommt mir so vor, als ob ich hier eine Tür zu einer Welt öffne, von der ich bisher überhaupt nichts wusste“, bemerkt Emily einmal, eine der jungen Journalistinnen. Ihre Gesprächspartner – Frauen mit Kindern, junge Männer, Greisinnen – berichten von der richtigen Nutzung von Heilpflanzen, von der BlogP1060001Beschwörung der Geister und Götter des Waldes, sie erzählen davon, wie Ältere die Jüngeren mitnehmen auf die Jagd und sie lehren, wie man sich im Wald bewegt. Immer wieder erwähnen sie die Arbeit in Gemeinschaft, Choba Choba genannt, wie sie seit langer Zeit um Lamas und Awajún in der der Region San Martín ausgeübt wird.

Die Bewohner der Gemeinden begegnen ihnen offen, es kommen nicht oft Journalisten in diese Region. Das verwundert, denn die Abholzung und Verbreitung von Palmölplantagen und Minen im Regenwald haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Tausende Hektar Wald sind in den vergangenen Jahren im peruanischen Regenwald gerodet worden. Laut Pedro Tipulo vom Amazonischen Netzwerk für Umweltinformationen (RAIS) verschwand allein zwischen 2000 und 2010 eine Fläche von 240.000 km², das entspricht etwa der Fläche von Österreich, der Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg.

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Abends sitzt Emily mit den anderen jungen Leuten im Gemeinschaftshaus der NGO Waman Wasi zusammen, hier ist die Gruppe untergebracht. Sie diskutieren über das Leben im Einklang mit der Natur, über die Politik in Lima, soziale Bewegungen und Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem, das vor allem auf Raubbau an der Natur beruht. Draußen dröhnen die Insekten so laut wie startende Flugzeuge, es summt und raschelt, die Nacht ist lau.

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Die Waman Wasi (Quechua für „Haus des Falken“) arbeitet seit 12 Jahren mit indigenen Quechua-sprachigen Gemeinden um Lamas im Bergregenwald zusammen. Sie fördert Initiativen für kulturelle Vielfalt, Biodiversität, kleinbäuerliche Landwirtschaft, indigene Rechte und die intergenerationale Weitergabe von traditionellem Wissen in Quechua-sprachigen Gemeinden.

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Die Nachwuchsjournalisten werden ihre Reportagen und Hintergrundberichte in den kommenden Wochen über den Nachrichtendienst von Comunicaciones Aliadas veröffentlichen. Weitere Texte werden voraussichtlich in den Tages-und Wochenzeitungen der Hauptstadt sowie in Online-Nachrichtendiensten erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass das Amazonasgebiet in Peru künftig respektvoller behandelt wird, als es derzeit der Fall ist. Die Geister und Götter des Waldes werden sich sonst irgendwann rächen.

Zum Artikel, der bei der Infostelle Peru veröffentlicht wurde

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Im Zillertal des Regenwaldes

Blog_Peru 203Es war einmal eine Gruppe von Tirolern und Rheinländern. Die zog um 1850 nach Peru, weil sie in ihrer alten Heimat kein Auskommen mehr fand. Die österreichischen Bauern litten unter der Industrialisierung, hohen Steuern, Schulden und Hunger. Zu dieser Zeit warb die peruanische Regierung Immigranten an, um das Regenwaldgebiet zu erschließen und zu besiedeln. Eine Handelsstraße sollte dort entstehen. Die Überfahrt der Siedler im Jahr 1857 dauerte vier Monate. Der längste Teil der Reise lag jedoch noch vor ihnen. Nach Pozuzo sollten sie gehen, entschied die peruanische Regierung bei ihrer Ankunft in Lima. Der Ort liegt etwa 300 Kilometer Luftlinie von Lima entfernt in völliger Abgeschiedenheit im Berg-Regenwald. Mit dem Bus fährt man diese Strecke in 10 Stunden,  hoch in die Anden und über den 4800 Meter hohen Ticliopass. Die Siedler von damals brauchten mehr als zweieinhalb Jahre. Als sie in Cerro de Pasco (4300 Meter ü.NN) ankamen, mussten sie feststellen, dass die peruanische Regierung den versprochenen Pfad nach Pozuzo nicht gebaut hatte. Manche trennten sich daraufhin von der Gruppe und suchten ihr Glückk als Arbeiter in einer der vielen Minen. Andere blieben und bauten auf eigene Faust einen Weg durch die Wildnis nach Pozuzo.

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Von 400 Menschen, die in Lima starteten, kamen im Sommer 1859 etwa 170 in Pozuzo an. Zehn Jahre später kamen noch einmal 200 Tiroler und Bayern. Dann kam niemand mehr. Zu abgelegen ist der Ort und das Leben war anfangs bei weitem nicht so, wie es den Auswandern versprochen wurde. Es plagten sie Hunger, Krankheit und Heimweh. Aber die Siedler blieben. Einige zogen noch weiter und gründeten die Siedlungen Oxapampa und Villarica. Sie fingen an, Kühe und Schafe zu halten und Mais, Reis, Kaffee und Früchte anzubauen. Vieles in Subsistenzwirtschaft, anderes verkauften sie. Die Wege zu den Märkten waren mehrtägige und beschwerliche Fußmärsche. Eine befahrbare Straße bis Pozuzo gibt es erst seit 1976.

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Heute leben die Nachfahren der Siedler gut von der Landwirtschaft – und vom Tourismus. Vor allem Peruaner sind neugierig auf das Tiroler Dorf im Regenwald. Pozuzo bezeichnet sich stolz als die „einzige  österreichisch-deutsche Kolonie der Welt“. Folklore wird gehegt und gepflegt, wohlwollende Österreicher Vereine engagieren sich für den Erhalt des Tiroler Dialekts, der immer weniger gesprochen wird. Sie schicken Geldpakete und sorgen sich um das Wohlergehen ihrer weit entfernt lebenden Landsmänner und -frauen. Dabei geht es den Nachfahren der damaligen Siedler besser als so manch anderem Zugewanderten. Sie besitzen die bestgelegenen Ländereien an Flussufern und mit gutem Zugang zu Straßen und nutzen modernste Technologien in der Landwirtschaft. Das hat schon zu einigen Konflikten geführt. Auch das Auftauchen fremder Siedler  in einem Gebiet, das vor allem um Oxapampa herum von anderen ethnischen Gruppen wie den Asháninka oder den Yaneshas besiedelt war, verlief anfangs alles andere als reibungslos. Es gab Konflikte um Land und Lebensweisen. Mittlerweile haben sich die verschiedenen Gruppen miteinander arrangiert,  die Plurikulturalität der Region ist heute mehr Bereicherung als Belastung.

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Wir verbringen eine Woche zwischen grünen Hügeln, Kuhweiden und spitzgiebeligen Häusern in Oxapampa und staunen. Es ist eine spannende Mischung aus den verschiedensten kulturellen Einflüssen – Tiroler Folklore und deutsche Sprachwurzeln im Berg-Regenwald, indigenen Asháninka und Hochlandperuanern aus Huancayo. Die Straßen heißen Mullenbrock und Koch, die Pensionen „Frau Maria Egg“ und „Gästehaus Schmidt“. In den Gaststätten servieren die Oxampampinos Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat und Würstchen. Und Bananenstrudel, weil es nun mal Bananen sind, die im Regenwald wachsen und nicht Äpfel.

Blog_Peru 013Peru 231Am peruanischen Nationalfeiertag sitzen wir in unserer rustikalen Hütte und sehen im Dorf die Feuerwerkskörper in den Himmel steigen. Zikaden zirpen, Mücken tanzen Pirouetten, die Luft ist angenehm kühl. Musik schallt herüber. „Ja das sind die Musikanten aus dem Zillertal“ jodelt die Band. „Der Anton der macht Umtata…und die Neger spieln an Samba auf und wackln mitm Bauch“. Ach du meine Güte. Zu viel Folklore kann auch doof machen. Wir sind dann lieber ins Bett gegangen.

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